Kürzunft, oder so

Seit geraumer Zeit ist sie wieder in aller Munde, die Kürzung im Bildungssystem. Kreative Menschen an meiner Uni haben dazu den Begriff der Kürzunft geprägt, der mich seit dem immer wieder von kleinen Zettel anprangert, die zu einer Demo aufrufen, die längst gelaufen ist und durch die unglaubliche Offenheit von Studenten gegenüber Rednern zeugte.

Man dachte immer, man müsse ins Unterschichtenfernsehen gehen, um stereotype Reaktionen auf Floskeln und Äußerungen zu bekommen, die anscheinend versnobte Asoziale von ihren Stühlen, komischen Sitzbalken, vor Fernsehern mit einer riesigen Auflösung, die zwei verschiedene Worte darstellen können, hinter seltsamen Stehtischen und anderen außergewöhnlich modernen Einrichtungsgegenständen in das geistig labile Publikum werfen.

Und dann stand ich da, zwischen Studenten, meinesgleichen möchte man fast sagen. Die geistige Elite von Morgen! Keine Ahnung von Nichts, den Elan von Elastan und die Schnauze voll von der Politik. WIR standen da um eines klar zu machen, Bildung ist uns wichtig, Bildung kostet Geld und irgendjemand muss sie bezahlen – nach Möglichkeit nicht wir.

Dass es uns an Bildung mangelt, war indes unschwer zu erkennen. Die Redner waren von keiner überragenden Kreativität, trällerten ein paar Fakten und Zahlen runter und wurden vom Publikum angepfiffen oder ausgepfiffen. Je nach dem, WER sie waren. Es war schön mit an zu sehen, dass unser Bildungsminister eigentlich sagen konnte was er wollte, geglaubt hat ihm sowieso keiner. Und genau andersrum verhielt es sich mit den Pro Demonstrationsrednern. Die warfen bunt mit Zahlen um sich und wurden natürlich mangels anderen akustischen Signalmöglichkeiten auf einem großen Platz in einer riesigen Menge bei beschissen kalten Wetter, ebenfalls bepfiffen, aber das war dann positiv halt. Glücklicherweise stellte die geistige Elite keine großen Anforderungen an den geneigten Zuhörer, der sich nun in dem Problem sah, zwischen positivem und negativem Pfeifen zu unterscheiden. War der Redner pro Demonstranten, war das Pfeifen positiv, beim Bildungsminister negativ. Mehr musste man nicht wissen, was indes nicht nur für den Zuhörer, sondern insbesondere für den Redner galt. Obgleich die freundlicherweise versuchten beim Thema zu bleiben und den Eindruck erweckten, tatsächlich zu wissen was sie dort sagten: Das hätte ich auch gekonnt. Ich hätte mich dort vorne hinstellen können, ein paar Zahlen hingeworfen und mit dem an diesem Abend neu entdeckten Leitspruch „Bildung… Yeah!“ Applaus sammeln können. Denn sind wir doch mal ehrlich, warum sollte irgendjemanden interessieren, was dort gesagt wird? Das faktische Interesse an der Demonstration, das Wissen dass im Bildungssystem irgendwie gekürzt wird war grob vorhanden. Kaum jemand hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt mit den Zahlen über den lustigen Flyer hinaus beschäftigt. Niemand konnte während der Demonstration überprüfen, ob die neuen Zahlen stimmten. Und über die Bedeutung von Bildung muss man ehrlich gesagt auch nicht vor einer Meute Studenten reden. Da könnte man genauso gut nach Afrika gehen und den hungernden Kindern erzählen, dass Armut scheiße ist – das werden die nicht anzweifeln, aber sonderlich überraschen wird sie das auch nicht. Aber irgendwie musste man ja als Initiator einer Demonstration klar machen, wofür man steht. Und natürlich will man auch der Presse was erzählen, wozu sonst hätte man zu später Stunde die Studenten aus der Umgebung hierher zusammen gerufen, wenn nicht, um der Presse was zu husten, damit die natürlich dann den Druck auf die Politiker aufbaut, zusätzlich zu dem, welchen gerade ein paar tausend Leute mit ihren Pfeifen hier verursachen? Und vielleicht haben sie auch den guten Bildungsminister eingefangen, als er über die größte Zahl des Abends den Kopf geschüttelt hat. Irgendwas davon, wie viel Geld laut OECD Standart eigentlich in Bildung investiert werden müsse. War niedlich zu hören und eine weitere Zahl, die groß bepfiffen wurde, obgleich der Großteil der Anwesenden vermutlich nicht einmal wusste, was zum Teufel überhaupt ein OECD ist. Ich weiß es bis heute nicht, allerdings scheint dies lustig Konstrukt den Nutzen einer jeden Träumerei zu haben – ihr Vorhandensein ist schöner als Krätze. Insofern interessiert mich die Bedeutung dieser Buchstaben auch vorerst reichlich wenig.

Und ebenso wie mir dieses Akronym am verlängerten Rücken vorbei geht, ging an den Studenten die Demonstration vorbei. Es gab ja nichts Wichtiges zu hören, nichts das man sich mitgeschrieben hätte und später seinen Kindern erzählen würde. Man stand halt da, und hat gepfiffen, wenn die anderen gepfiffen haben. Ein wohl unumgänglicher Effekt, da ich mir nicht vorstellen kann, dass die Lautsprecher, die mir halb das Trommelfell zerdröhnt haben, auch bis in die hintersten Reihen der unglaublichen zehn Dreihundert Studenten reichte, die bewaffnet mit Pfeife und dicken Klamotten gegen den Ansturm der unüberwindbaren Masse böser Politiker ankämpfte. Man stelle sich nur vor, wie diese Leute, am besten noch mit Buch und Bier irgendwo am Ende der Welt, bei beschissenem Wetter herumstehen und gegen die anrückende Staatsmacht kämpfen. Dreitausend Studenten, eine Zahl, groß genug um sogar die ansonsten so biedere und vor Armut zitternde Deutsche Bahn dazu bringen konnte, einen zusätzlichen Zug zu stellen. Vielleicht war das aber auch nur eine Mitleidsaktion, nachdem alleine an meiner Uni siebenmal so viele Menschen studieren. Naja, Demokratie ist, wenn man trotzdem lacht.

Aber es ging ja nicht darum, wer nicht da war oder darum, dass die Anwesenden sowieso kein intrinsisches Interesse an den Rednern hatte, sondern es ging um die Presse. Jene vierte Säule der Gewaltenteilung, die mit unglaublicher emotionaler Tiefe von Amokläufern in einem Kindergarten zu Brustvergrößerungen überleiten kann, wenn sie es nur wollten. Passt bestimmt gut ins Abendprogramm, hier Promiklatsch, da die neuesten Gräueltaten, ein bisschen Krieg, ein bisschen Bildungsstreik, das übliche Geschäft.

Aber den besten Slogan des Abends haben sie leider verpasst: „Bildung… Yeah!“, einfach einprägsam und unkreativ, wie es zu Studenten passt. Ich meine, sprecht bitte mit „Schluss mit Kürzunft!“ Kürzunft? Ich bin nun wahrlich nicht überdurchschnittlich blöd, aber was bitte ist ein/e Kürzunft? Wie spricht man das? KürZunft? Wohl eher nicht. So eine Zunft als gewerbliche Einrichtung ist nicht sonderlich schlagkräftig und unter einer Kür verstehe ich auch eher das gelungene Darbieten einer geturnten Choreographie. Also KürzUnft…. Klingt fast besser, abgesehen davon, das mir das Wort „Unft“ gerade nichts sagt, aber immerhin kommt schon Kürz drin vor. Was bleibt noch? Das Z doppelt sprechen vielleicht? So was macht man doch nicht und selbst wenn, so klingt eine Kürz Zunft auch nicht sonderlich gut, ganz gleich was man mit der machen will. Also, „Bildung… Jeah!“, jener Spruch, den ich irgendwo unter den Demonstranten aufgeschnappt habe. Damit kann man zwar auch keinen Blumentopf gewinnen, aber man wäre wenigstens ehrlich.

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