Willkommen in C

Wer bin ich? Wo bin ich? Im Kranhaus, nehme ich an… Wie schon seit undenkbarer Zeit, hier nur hier. Aber bin es überhaupt noch ich, die hier ist? Kein Gestern, kein Morgen, einfach nur das Jetzt.  Ich weiß nicht, seit wann ich hier liege, oder ob das, was überhaupt noch übrig ist, tatsächlich ich bin. Ein lichter Moment, zwischen Phasen der totalen Vergessenheit. Ausnahmsweise mal, wie vielleicht vor Tagen oder Wochen, ausnahmsweise einmal wissen, dass ich bin. Ein Moment, in dem Raum und Zeit wieder Sinn ergeben, in denen ich wenigstens das Gefühl habe, noch zu sein, auch wenn ich nicht weiß, ob das was ist auch wirklich ich bin. Ich glaube ein glückliches Leben hinter mir gehabt zu haben, obwohl ich mich kaum an meinen Namen erinnern kann, obwohl ich nicht weiß, wann mich meine Enkel zuletzt besucht haben, oder ob ich überhaupt welche habe. Vielleicht waren sie gestern, oder gar vor wenigen Stunden hier, als mir mein altes Gehirn einen Streich spielte und mich vielleicht in eine ganz andere Zeit versetzte. Sofern von mir überhaupt genug übrig ist, um diesem einen Streich spielen zu können und nicht, dass ich selbst dieser Streich bin. Eigentlich sollte ich längst tot sein, sollte die Pfleger nicht mit meiner Verwirrtheit belästigen, sollte nicht meine armen Kinder mit meiner Anwesenheit belästigen, sofern ich überhaupt welche habe und nicht auch dies nur trügerische Erinnerungen sind. Ich sollte längst die Augen geschlossen und nie wieder geöffnet haben. Doch woher weiß ich, dass ich dies nicht längst getan habe, dass ich überhaupt noch bin? Die graue Decke, der summende Fernseher, die komischen Apparate, sie alle können mir nicht sagen, ob ich überhaupt bin, was ich glaube zu sein. Es ist langweilig, öde und wenn ich die Augen wieder schließe, wieder einschlafe, dann höre ich vielleicht auf zu sein. Bin wieder verloren in Raum und Zeit oder wenigstens dem, was mein Gehirn daraus macht. Und dann vielleicht, in ein paar Tagen oder Wochen, bin wieder ich da, oder etwas, das ich für mich halte. Ich erinnere mich nicht daran, wann ich das letzte mal klar war, vielleicht, weil auch das nicht ich war. Oder das war ich und jetzt bin ich nicht ich. Ich weiß nicht was ich bin und wer ich war. Ich weiß nur, etwas ist hier, von dem ich glaube, das sei ich.  Und ich wünschte, es wäre nicht da. Ich wünschte, ich würde die Augen einfach zum letzten Mal schließen, doch das wird wohl kaum geschehen. Ich habe keine Kontrolle mehr über das Leben, ich bin nur noch ein Leben, keine wirkliche Person mehr. Die Pfleger wissen das, meine Angehörigen, sofern ich überhaupt welche habe, sollten das auch wissen. Meine eventuell vorhandenen Enkel werden das aber vielleicht nicht verstehen, sofern sie noch nicht alt genug sind.

Ich bin müde, glaube ich. Ich weiß nicht, ob ich wirklich müde bin, oder einfach nur gelangweilt. Ich verstehe den Fernseher nicht, sehe ihn auch eigentlich nicht. Diese Welt ist sehr leise für mich, leise und undurchsichtig. Meine Sinne haben schon längst ihren ordentlichen Dienst versagt, aber irgendwelche Medikamente verhindern, dass auch der Rest dieses Körpers folgt, den ich leichtgläubig als den meinigen bezeichne. Und ich kann daran nichts ändern, kann mich nicht weigern Medikamente zu nehmen, nicht weigern zu essen. Denn wenn ich etwas dergleichen tue wird es andere Wege geben, mir sie zu verabreichen. Ich weiß schon jetzt nicht, was genau in meiner Umgebung passiert. Esse ich überhaupt noch, werde ich gefüttert oder anderweitig ernährt? Ich weiß es nicht. Und wenn ich die Augen schließe, höre ich vielleicht auch wieder auf zu sein und dann sind es wieder nur Bruchstücke der Vergangenheit, welche diesen Körper erfüllen, keine Person, kein Wesen, nur der Rest von dem, was einst zu einer Person gehörte, der ich eventuell ähnlich bin. Ich hoffe es ist bald vorbei. Und für mich wird es das sicherlich auch sein, denn was bin ich schon? Ich bin nur eine handvoll Gedanken, unwissend ob ich Ähnlichkeit mit dem Besitze, was einst diese Person hier aus machte, die Person, die vielleicht einmal ich war. Wenn ich die Augen schließe und einschlafe, verschwinde ich vielleicht. Und später kommt etwas wieder, das aber bestimmt nicht ich bin, denn ich habe nichts, das mich ausmacht. Keine Vergangenheit, keine Zukunft. Ich existiere nur für den Moment, ohne Erinnerung, ohne Gedächtnis, in einer trüben und leisen Welt. Ich bekomme nichts mehr mit, aber ich hoffe, dass bald nichts mehr gibt, das ich überhaupt noch mitbekommen könnte. Ich glaube, ich schließe jetzt meine Augen, vielleicht schlaf ich einfach ein, zum letzten mal. Und dann, ist es vorbei…

„Die schläft ja schon wieder. Ich wünschte ich könnte auch einfach schlafen.“ Wer war das? Diese Stimme. Sie gehört Marie, doch wer ist Marie, wieso weiß ich, dass dies die Stimme von Marie ist? Sie ist so alt wie ich, 17. Aber wieso bin ich 17? Ich bin nicht 17, ich bin 83, ich bin ganz sicher 83. Oder nicht? Vielleicht nicht genau 83, aber auf jeden Fall älter als 17. Mit 17 habe ich den Mann kennen gelernt, den ich einmal heiraten wollte. Und eine Marie kannte ich nicht. Also, wieso weiß ich wer Marie ist? Wieso weiß ich, wie alt sie ist und das ich genauso alt bin und wieso ausgerechnet 17? „Die alte nervt echt, warum müssen wir uns den Mist anhören?“ „Was Kevin wohl gerade macht?“ Was reden diese Leute, und warum reden sie mit mir? Sie können nicht mit mir reden, ich bin zweifellos diejenige, die gerade schläft. Das heißt bis eben geschlafen hat, jetzt bin ich ja wach. Liege zwar noch immer mit dem Kopf auf der Bank, etwas unbequem in meine Arme gestützt, aber ich sehe zu mindestens schlafend aus. Das weiß ich, warum ich das weiß, weiß ich aber nicht. Und warum reden diese Leute mit mir? „Die könnte ich aufreißen.“ „Sie sieht süß aus, wenn sie schläft.“ „Ob sie merkt, wenn ich sie mit Papierkügelchen bewerfe?“ „Sollte ich lieber roten oder grünen Nagellack auflegen?“ Nein, sie reden nicht mit mir. Aber mit wem reden diese Leute? Und warum werden es immer mehr Stimmen, warum reden die alle? Eben war es noch ganz leise, doch warum wird es jetzt so laut, warum halten die nicht die Klappe, ich will ihren dämlichen Mist nicht hören. Und, hat mich gerade jemand mit irgendwas beworfen? Frühstück, Tische, Liebe, Freunde, Feinde, Idioten, was soll der Mist? Was reden die da, ich verstehe kein Wort. Sind die bescheuert, wieso reden die alle gleichzeitig, da kann doch kein Mensch was verstehen und warum sind die so verdammt laut? Ich will nichts darüber wissen, was du von der Schlampe hältst und mir ist scheiß egal, wie nutzlos du den unterricht hältst. Warum erzählt ihr mir das? Und warum seid ihr ale so laut?

Mein Schädel brummst, warum halten die nicht endlich die Klappe?! Ich schaue schließlich hoch, ja Dornröschen ist aufgewacht, ja ich habe gemerkt, dass du mich beworfen hast. Fragt euch doch bitte Dinge nur dann selbst, wenn ich sie nicht hören kann. Und seid am besten verdammt noch mal leise. Ich sitze im Klassenraum wo auch sonst? Frau Nitzler erzählt gerade etwas über den 11 Krieg, ist mir egal. Ich verstehe sowieso kein Wort, mir dröhnt der Schädel von der Lautstärke. Können die nicht leise sein? Wie können 27 Schüler nur solchen Lärm machen und wieso zum Teufel weiß ich, dass hier 27 Leute sind? 28 mit der Lehrerin, aber wieso? Ich bin 83, ich liege zum Sterben in irgendeinem Pflegeheim, also was zum Teufel mache ich in diesem Klassenraum und warum sind die alle so beschissen laut? Rot oder grün? Trage ich überhaupt Nagellack? Oder, Moment. War ich das grad? Nein, ich habe sicherlich keinen Nagellack drauf, das wüsste ich. Verdammt, bei der Lautstärke kann ich bald meine Gedanken nicht mehr von Papierkügelchen trennen. Ob ich es gemerkt habe? Gute Frage. Ich hoffe… Scheiße, was soll der Mist! „HALTET DIE KLAPPE!“ Ich schreie. Oder? Ich weiß es nicht, ich höre mich selbst nicht mehr. Höre kaum meine eigenen Gedanken, wie dann erst meine Worte? Ich halte mir die Ohren zu, ganz sicher tue ich das. Und derweil starre ich in verwirrte Gesichter. Strafende Blicke von 28 fremden, 28 Fremde, die mir alle so furchtbar bekannt vorkommen. Dabei wusste ich vor wenigen Augenblicken nicht einmal, ob ich überhaupt ich bin! Warum kenne ich die Leute? Warum sieht Kevin so scheiße aus, was will Marie von mir? Und wenn Cindy mich noch länger anstarrt, polier ich ihr die Fresse! Aber ich bin doch alt, wie sollte ich das tun? Wo bin ich? Oder wichtiger noch, wieso weiß ich, wo ich bin? Das heißt, ich glaube ich weiß es, wenn ich nur mal in Ruhe einen klaren Gedanken fassen könnte! Die sollen ihre verdammt Fresse halten, hört auf mich zuzulabern und wenn ihr tatsächlich so leise seid, warum höre ich euch dann? „Klappe halten verdammt!“ Ich schreie lauter, glaube ich. Ich bin nicht sicher, denn ich höre ja nichts außer ihnen. Unmöglich können 27 Leute so verdammt laut sein, vor allem nicht, wenn ich mir gerade die Ohren abdrücke. Aber es wird nicht leiser, verdammt seit wann höre ich wieder so gut? Und wieso zum Teufel werde ich nicht einfach taub. Eben noch wollte keiner meiner Sinne mehr richtig arbeiten und plötzlich scheinen meine Ohren ein neues Hobby gefunden zu haben? Mein Kopf brennt, mir ist übel. Warum ist das so laut? Ich will weg, ich stehe am besten auf. Aber, meine Beine, wollen nicht, sie bewegen sich nicht. Eigentlich nichts neues, aber ich glaube, das ist seltsam. Oh Gott, ich glaub ich kotz gleich, mein Magen dreht sich um. Ich würde ja noch mal schreien, aber wenn ich in ihre Gesichter starre, dann sehe ich nur verwirrte Blicke. Verwirrte Blicke über geschlossenen Mündern. Sie sagen nichts, ich sehe es, sie sagen nichts! Aber warum sind sie dann so scheiße laut? Ich kann nicht schreien, wenn ich mich auch nur ein Stück rühre, dann kotz ich hierhin. Verdammt, ich muss mich übergeben, aber ich, verdammt, ich will nicht, ich will sie nicht hören, mir tränen die Augen, ich heule hier und keiner von diesen Ärschen sagt was! Aber trotzdem sind sie so laut, wieso nur? Ich will hier weg verdammt, ich…

Kapitel 1: Ich bin tot, oder?

„Du weißt doch, wir sollen im Unterricht nicht schlafen.“ Ja, weiß ich. Aber, woher? Ich weiß, sie haben das vor zwei Wochen gesagt, bei der Einschulung. Aber, vor zwei Wochen war ich nicht hier. Ich bin erst seit Heute hier, also warum weiß ich das? Und wieso ist es plötzlich so leise? Ich öffne die Augen, sie brennen von der ganzen Heulerei. Aber jetzt ist es besser, ich hätte nie erwartet, dass ich meinen schlechten Ohren nachtrauern würde. „Du hast ganz schön rumgeschrieen, bist du neu hier?“ Ob ich neu hier? Ja verdammt, was glaubst du denn? Oder nicht? Ich bin seit zwei Wochen hier und ich bin erst seit vorhin hier. Ich kann doch nicht beides sein. „Ich bin tot, oder?“ Ich muss tot sein denn ich war alt, war am sterben. Also, warum bin ich hier? „Du erfüllst alle Merkmale eines Lebewesens.“ Eine Intelligenzbestie, nehme ich an. Er redet ganz schlau daher und sitzt da, wie festgewachsen. Die Decke ist grau, das kommt mir bekannt vor. Und ich höre ein leises rauschen, aber ich sehe gut. Er sitzt da, vollkommen regungslos. Eine komische Gestalt. Warum bin ich froh, dass er hier ist? Von allen in der Klasse ist er der seltsamste. Spricht nicht viel, also eigentlich Garnichts. Er sieht einfach nur zu, schläft im Unterricht, ignoriert alle und doch niemanden. „Ich muss tot sein, ich bin alt.“ Höre ich mich sagen. Seine Stimme ist komisch, wieso habe ich ihn in der Klasse nicht gehört? Ich habe alle gehört, wie sie nichts sagten, außer ihn. „Du bist nicht tot und damit musst du dich wohl abfinden.“ Danke für den Hinweis. Ist er jetzt dumm oder nicht? Solchen Blödsinn braucht er mir nicht zu erzählen. Er sieht mich nicht einmal an, sitzt nur da und starrt an die Wand. Eine kalte, weiße Wand. Was macht er hier? Wirklich hilfreich ist er nicht. Wenigsten ist es leise. „War es vorhin laut in der Klasse?“ Will er mich verarschen? Ich habe mir auf den Tisch gekotzt und ich glaube, ich habe mir beinahe die Ohren abgerissen, natürlich weil es total leise war. „Ja.“ Eigentlich müsste ich ihn zusammenschreien, um ihm auch nur annähernd klar zu machen, wie laut es war. Offensichtlich ist er ja taub und hat es nicht gehört. „Soso, laut also… So laut?“ Aber es ist doch leise… Nein, da sind die Stimmen, da sind tausende Stimmen, wo kommen sie her, hier ist doch niemand, scheiße wo? „Also ja.“ Und dann war es wieder leise. „Deswegen sollen wir im Unterricht nicht schlafen.“ Ich weiß. Ich weiß sogar woher ich das weiß, warum es diese Regel gibt, aber ich weiß nicht, wie das sein kann, wo ich doch erst seit wenigen Stunden hier bin, ganz gleich was meine Erinnerung mir sagt! „Wo bin ich?“ ich frage mechanisch, obwohl ich die Antwort kenne. „Du bist hier. Willkommen in Chaos, Schlafmütze.“ Er verarscht mich doch. Das weiß ich alles und ich weiß, dass er weiß, dass ich das weiß. Also, warum erzählt er das? Weil ich gefragt habe? Hält er sich für einen Komiker oder ist er einfach nur dumm? „Und danke, ich habe schon befürchtet ich müsse mir diesen ganzen Geschichtsscheiß antun. Als ob mich die ersten Kriege interessieren würden.“ Stimmt, die ersten waren stinklangweilig. Keine Taktik, keine Organisation. Sie hat uns vorgewarnt, dass vor dem Dreißigsten nichts passieren würde. Lächerliche Schlachten mit Stücken und Steinen, Zufall wer gewann und wer verlor. Und sie weiß selbst nicht, warum sie uns das erzählt, obwohl sie dabei war. Sie war dabei, so wie alle Lehrer dabei waren. Sie schreiben die Geschichte auf, die sie uns lehren. Und dann sind sie vollkommen nutzlos. Sogar ich bin nützlicher, obwohl ich nicht einmal weiß, was ich hier tue. „Warum bist du hier?“ will ich von ihm wissen. Er sitzt einfach nur da. Bisher hat er sich für niemanden interessiert, also, warum sitzt er hier? „Ich warte.“ Ich gebe zu, das hätte ich mir selbst denken können. „Kannst du es nicht spüren?“ Spüren? Ich spüre gar nichts, außer meinem Kopf. „Nein, wieso sollte ich auch?“ merke: Er ist dumm. „Du bist die erste Telepathin, ich hätte nicht erwartet, dass sie bereits so gut funktionieren.“ Telepathin? Sie? Funktionieren? Wenn ich nicht wüsste, dass das alles auf seltsame Art und Weise Sinn ergäbe, ich würde ihn für dumm erklären. Aber er scheint doch mehr zu wissen, mehr zu sein. Und ich kenne nicht einmal seinen Namen. Wir wurden alle in der Klasse vorgestellt, vor zwei Wochen. Alle, bis auf ihn, er wurde nicht vorgestellt, er saß schon da, als wir ankamen. „Wie heißt du?“ ich frage einfach mal, kann ja nicht schaden, zu wissen wie der Außenseiter heißt. Irgendetwas sagt mir, ich werde noch mit ihm zu tun haben. „Dämon.“ Warum überrascht mich das nicht? „Warum bin ich nicht tot?“  „Weil du lebst.“ „Warum lebe ich?“ „Weil du nicht tot bist.“ Ach, der verarscht mich doch. „Jetzt hör auf mit dem Scheiß, warum bin ich nicht tot, ich bin mir sicher, ich bin alt, ich habe gelebt und jetzt müsste ich tot sein, also warum bin ich es nicht verdammt?!“ Der regt mich auf, mit seinen überkorrekten Antworten. Sobald mein Schädel aufhört zu brummen müsste ich ihm eigentlich eine reindrücken, für seine überhebliche Tour. Wenn er sich nicht für mich interessiert, warum hockt er dann hier? „Du hast echt viel geschlafen, nicht wahr?“ „Das ist keine Antwort auf meine Frage.“ Er soll nicht ablenken verdammt, ich will wissen was hier los ist. Nein, wissen tue ich es, ich will es hören! Ich will es hören, um es glauben zu können!

„Du bist hier. In C. Seit heute Nachmittag schätze ich. Die erste Telepathin, welche in diesem Zyklus die Welt betreten hat. Aber das weißt du alles selbst. Ich bin nicht hier, um dir deine Geschichte zu erzählen. Ich warte nur auf deine Lehrkraft, damit du nicht wieder austickst.“ Er schützt mich, schützt mich mit ihnen. Er hat recht, ich weiß das alles. Aber ich würde es gerne hören, doch er wird es mir nicht sagen, er hat Besseres zu tun, er ist schließlich Dämon. Er hat besseres zu tun, als seine Flügel darauf zu verwenden, eine Telepathin zu schützen. Und doch tut er es, nutzt die ultimative Macht, für ein einfaches Mädchen wie mich. Ein Mädchen von 17 Jahren, das vor wenigen Stunden als 83 jährige Frau starb. Und ich betrat diese Welt, nicht tot, wie ich war, sondern lebend. Ich betrat das Chaos, um an einer Schlacht teil zu nehmen, die keinen Sinn ergibt, die einfach nur geschieht. Ich glaube, als ich dereinst lebte, habe ich einen Sinn im Leben gesucht und fand ihn nicht. Und jetzt? Mein Sinn ist im Kampf Gut gegen Böse teil zu nehmen. Und er ist das Böse. Er kommt mir nicht böse vor. Er verwendet seine Zeit darauf, mich mit den Flügeln zu schützen. Und er wartet, obwohl er sicherlich Besseres zu tun hätte. Er ist eine der beiden Hauptfiguren dieser Welt, und er sitzt einfach nur da. Er sitzt neben einer toten 83 jährigen Frau und einer jungen 17 jährigen Telepathin. Das heißt, ich bin tot, ich bin gestorben. Das wurde aber auch Zeit. Und nun, bin ich hier. Ich bin 17 Jahre alt, ich erinnere mich aber nur an die letzten beiden Wochen, auch wenn ich sicher bin, sie nicht hier gewesen zu sein. Aber es scheint wirklich so zu sein, kein Traum, keine Illusion. Dies ist Chaos, hier wird man nicht geboren, man betritt diese Welt einfach. Man betritt sie, um dem Kampf Gut gegen Böse bei zu wohnen, um mit zu mischen. Doch noch kämpfen wir nicht, wir lernen. Wir lernen für den Kampf, Seite an Seite. Und ich werde mitkämpfen müssen. Für das Gute, oder das Böse. Es liegt an mir. Er ist das Böse, Dämon ist das Böse und Engel ist das Gute. Aber Dämon ist es, der mich in diesem Moment schützt, Engel nicht. Aber er ist das Böse, obwohl niemand weiß, warum überhaupt. Niemand, außer ihm und Engel. Sollte ich ihm dankbar sein? Dafür dass er sich um mich kümmert? Die Flügel schützen mich, für den Moment. Für den Moment, bis die Lehrkraft eintrifft. „Wird sie mir helfen können?“ Vielleicht bin ich doch nicht die alte Frau, vielleicht bin ich wirklich das junge Mädchen? Ich erinnere mich an 83 Jahre eines Lebens, das ich zweifellos geführt habe. Aber irgendwie scheinen mir diese zwei Wochen viel realer, die ich nicht einmal erlebt habe. Und deswegen möchte ich viel mehr wissen, was mich jetzt erwartet, als was ich eigentlich alles erlebt habe. 83 Jahre, wie ein langer Traum und 2 Wochen, wie meine ureigenste Vergangenheit. „Sie wird dich lehren du zu sein. Du wirst lernen, viel mehr du selbst zu sein, als alle anderen.“ Ich werde was? Ich werde mehr ich sein, als andere? Was soll das heißen? „Kannst du sie bitte in meinen Klassenraum geleiten?“ „Natürlich.“ Die Lehrkraft ist da, eine dicke Frau. Sie ist auf jedenfalls Mehr ‚sie’ als die meisten anderen, rein von der Masse her. Und er? Er steht natürlich auf, und deutet mir an, ihm zu folgen. Sehr freundlich, keine Hilfe, kein Blick. Er hat mich das ganze Gespräch über kein einziges mal angesehen, nicht einmal jetzt. Natürlich, ich bin ja eben erst aufgewacht, nachdem ich zusammengebrochen war. Ich bin vollkommen stark und fit, kein Problem. Ich würde ihn ja ausschimpfen, aber ich möchte nicht schwach erscheinen. Seltsam, bis vor kurzem war es selbstverständlich, dass ich schwach war. Ich war eine alte Frau, habe mich waschen, stützen, pflegen lasen. Und jetzt? Ich bin immer noch schwach, bin angeschlagen, aber ich möchte nicht schwach erscheinen. Ich quäle mich hoch, obwohl er mich nicht einmal ansieht und ich ihn am liebsten dafür treten möchte, dass er mit einer Handbewegung deutet, mich zu beeilen. Ich weiß, er schützt mich, aber er könnte trotzdem etwas freundlicher sein. Was habe ich eigentlich an? Saubere Kleidung? Ich hoffe doch, dass er mich nicht umgezogen hat. Ich ließ mich zwar von Pflegern ankleiden und waschen, aber ich will nicht, dass er das getan hat. Das wäre irgendwie falsch. Aber umgezogen hat mich jemand. Ich war es nicht und er hoffentlich auch nicht. Ich möchte nicht, dass er mich nackt sieht. Obwohl ich sicher bin, dass das vor wenigen Stunden meine geringste Sorge war, von irgendjemandem nackt gesehen zu werden. Aber das war ja nicht Ich, wie ich jetzt bin, glaube ich, ist mir eigentlich reichlich egal. 83 Jahre, ein ganzes Leben und mir ist es egal. Eine komische Welt ist das hier. Aber ich bin nun einmal tot, also, das ich das ich war, ist tot. Das ich das ich jetzt bin, das lebt. Es lebt zwar noch nicht lange, aber es lebt. Und sobald es wieder bei Kräften ist, trete ich ihm dafür in die Eier, das er mit seiner beschissenen Hand rumfuchtelt. Tut mir ja schrecklich leid, dass zusammengebrochen bin, du wirst schon noch sehen, wie sich das anfühlt, wenn ich mit dir fertig bin, Arschloch.

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