Ich denke, ich bin nicht

„cogito, sum“

Jene großen Worte stellen nach Descartes die unanzweifelbare Erkenntnis dar, auf welcher die gesamte Weltanschauung fußen muss. Kein logischer Schluss, denn über diese könnten wir uns ja stets täuschen. Es mag nicht vollständig frei von Logik sein, denn obgleich eine einfache Formulierung, so läuft es darauf hinaus, dass jegliche Täuschung, ganz gleich ob durch einen Gott oder eine natürliche Begebenheit, immer voraus setzt, dass jemand sich täuscht und da „ich“ getäuscht werde, MUSS ich natürlich als Opfer dieser Täuschung existieren. Wo kein Kläger, da kein Richter. Wo kein Opfer, da kein Täter.

Doch stimmt das?

Existiere „Ich“ als das, was ich als „Ich“ bezeichne? Bin es wirklich „Ich“ der dies bezeichnet?

Nach nunmehr vielen Jahren habe ich schließlich meine Lektüre des „Baum der Erkenntnis“ vollendet und habe daraus Dinge gelernt, die in ihrem Umfang für mich die Frage aufwerfen: WAS bin „Ich“?

Auch ohne, dass dies an irgendeiner Stelle im Buch erwähnt wurde, so zeichnen sich schließlich aus verschiedenen Versuchen ab, dass ICH nicht viel bin.

Dafür möchte ich das Beispiel der letzten Seiten aufgreifen, von Paul. Zu dem Zeitpunkt ein 15jähriger Junge, welchem aus irgendeinem Grund der Balken (der Hauptkommunikationsstrang im Gehirn) durchtrennt wurde. Gemäß der Arbeitsteilung im Gehirn kann nur eine Hälfte Text und die andere Bilder verarbeiten. Nach der Trennung kommunizieren die beiden Hälften nicht mehr, was beispielsweise dazu führt, dass nur ein Auge Bildwahrnehmungen ins Bewusstsein überführt und das andere nur Text. Beide aber erkennen Bild und Text und reagieren entsprechend darauf. Ganz gleich welches Auge das Bild einer nackten Frau sieht, in jedem Fall errötet die Person, reagiert also ganz normal.

Jedoch, wenn das Bild mit dem „Textauge“ gesehen wurde, geschieht etwas Sonderbares. Die Person, spürt die Errötung und jede Reaktion, die auf das Betrachten eines solchen Bildes folgt. ABER diese Information dringt nicht ins Bewusstsein, die Person weiß also nicht, warum sie errötet. Statt jedoch über die eigene Unwissenheit zu wissen, ward es nunmehr der „komische Apparat“ welcher für die Reaktion verantwortlich gemacht wurde. Das bedeutet, dass entgegen der Unwissenheit, die Person sicher war, einen logischen Grund für ihre Reaktion nennen zu können. Es ist jedoch nahe liegender, dass die Person wegen des Bildes plötzlich errötete (ähnliche Versuche mit Tigerbildern haben beispielsweise zu Angstreaktionen geführt). Das heißt, irgendwoher bekam die Person eine Eingebung, einen Grund, sich so zu erklären, wobei dies jedoch nicht mit der tatsächlich Ursache zusammenfällt.

Im Gegensatz zu dem Bild aber, welches von beiden Hälften erkannt, aber nur von einer verarbeitet wird, handelt es sich bei Texten um Zeichen, welche keine intuitive Reaktion ermöglichen. Hier kommt Paul ins Spiel, welcher zu den wenigen Menschen gehört, von denen beide Gehirnhälften fähig sind Texte zu verarbeiten. Ganz gleich also welchem Auge Text dargeboten wurde, er konnte entsprechend darauf reagieren. Hierbei zeigten sich zwei erstaunliche Ergebnisse.

Erstens:
Lediglich eine Gehirnhälfte hat die Information über die Sprache an das Bewusstsein weiter geleitet. Wurde der anderen Gehirnhälfte beispielsweise gesagt „Kratz dich“, dann hat Paul sich demgemäß gekratzt. Nach eigener Begründung aber hat er sich nicht gekratzt, weil es ihm aufgetragen wurde, sondern weil es ihn gejuckt habe. Auch hier zeigt sich, dass offenbar ohne Kommunikation das Bewusstsein als solches keine selbstreflektierte Antwort gab, sondern eine an sich für das arbeitende Gehirn logisch klingende. Man ist sich also der eigenen Unwissenheit nicht bewusst.

Zweitens:
Die Krone setzte dem ganzen die Frage auf, was Paul dereinst einmal werden möchte. Auch hier spielte es eine Rolle, dass Paul mit beiden Hirnhälften lesen konnte. Und das Ergebnis? Rechte Hirnhälfte: Designer. Linke: Rennfahrer.

Eine erstaunliche Folge:
Sofern Paul sich keinen böswilligen Spaß erlaubt hat, kommt hier ein erstaunliches Problem auf: Gemäß diesen beiden verschiedenen Vorstellungen, ist das „Ich“ als Bewusstseinseinheit nicht mit sich selbst identisch. Die Inhalte dessen, wie Vorstellungen und Wünsche aussehen, hängen maßgeblich von dem ab, was das Gehirn will. Das heißt, das Bewusstsein bildet keine persönliche Einheit, im Sinne einer konkreten Persönlichkeit, welche unabhängig von Gehirn existiert. Weiter noch heißt dies, dass diese Vorstellungen innerhalb einer Person sich widersprechen können.

Nimmt man dies jedoch an, so hat man das Problem, dass dies nicht Teil einer einheitlichen Persönlichkeit sein kann, eben weil es nicht einheitlich ist. Gleichwohl kommt das Problem auf, dass es sich hierbei nicht um die klassische Definition einer gespaltenen Persönlichkeit handelt, denn als handelndes Individuum war Paul eine Einheit. Das heißt, haben beide Hirnhälften dieselben Informationen bekommen, hat sich eine mit Ideen und Vorstellungen der anderen gegenüber durchgesetzt. Lediglich das Ergebnis kam schließlich ins Bewusstsein, bedingt dadurch, dass es natürlich noch weitere Bereiche im Gehirn gibt, welche scheinbar vor der Weiterleitung ins Bewusstsein miteinander kommunizieren und eine Einheit aus den unterschiedlichen Eindrücken bilden.

Nimmt man das zusammen, komme ich auf folgenden Schluss: Das Bewusstsein kann nur dann als eine Einheit gedacht werden, wenn es faktisch keine Eigenschaften über sein bloßes Vorhandensein hinaus besitzt. Das bedeutet, das Bewusstsein ist mitnichten eine Person, besitzt keine eigene Persönlichkeit oder andersartige Eigenschaften, sondern ist vollständig nur das Gefäß des Produktes der Arbeit des Gehirns*.

Das heißt „Ich“ bin nicht die Person, die ich glaube zu sein. Alles was ich für mich als Eigenschaften, Ideen und Vorstellungen habe, sind lediglich das Produkt der Arbeit meines Gehirns, welche in mich einfließen und welche ich danach als mein Eigentum ansehe.

Gemäß der obigen Betrachtung, bin „Ich“ als Bewusstseinseinheit aber nicht Eigentümer all jener Dinge, sondern „Ich“ bin lediglich ein Behältnis, in welche diese gefüllt werden. „Ich“ bin stets nur Gefäß und als solches nicht Eigentümer, sondern Eigentum.
Zwar agiere ich mit der Umwelt, bin dabei jedoch mehr Vermittler, als Urheber. Ich biete eine wichtige Schnittstelle zwischen dem Gehirn und der weiteren Umwelt, ermögliche eine Interaktion zwischen diesen beiden Bereichen.

Auf Anfang:
Auf Wikipedia wurde bemängelt, dass Descartes Schluss „ich denke, also bin ich“ logisch korrekt „ich denke, also existiert etwas denkendes“ heißen muss. Ich hatte das immer so verstanden, dass es theoretisch möglich wäre, dass eine andere Instanz Verursacher meiner Gedanken ist, hielt das aber bis dato für eine rein logische Spielerei.

Nachdem ich aber seit geraumer Zeit mich immer wieder mit diesen Fragen herum quäle, kam ich kürzlich zu diesem Schluss. Ich existiere, ich denke. Aber ich existiere nicht als Person, sondern nur als Gefäß, welches eine Person darstellt, die von einer übergeordneten Instanz erzeugt wird. Ich denke nicht Gedanken, die aus „mir“ als Bewusstseinseinheit kommen, sondern ich denke Gedanken, welche aus einer unglaublich komplexen Struktur von neuronalen Interaktionen heraus in das Bewusstsein überführt werden.

Ich denke, ich bin. Doch ich bin nicht Urheber der Gedanken, bin keine Person, „Ich“ bin nur ein leeres Gefäß, das von einer übergeordneten Instanz gefüllt wird. Eine Instanz, deren Eigentum ICH bin.

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5 Antworten zu Ich denke, ich bin nicht

  1. Megzs schreibt:

    Ich finde den Text sehr gelungen. Die Unterscheidung zwischen Bewusstsein und körpergebundener Persönlichkeit ist schön ausgearbeitet!
    Werde den Text bestimmt noch einmal lesen.

    Grüße

  2. Khaos.Kind schreibt:

    Hier mein Hübscher,
    zum nicht-satt-sehen.

    Hast ja „bald“ Geburtstag 😉

    • shuizid schreibt:

      Ich glaube, da kauf ich mir lieber eine ausführliche Kritik von Kant, als mich mit modernen Philosophen ab zu geben ^^
      Und Precht traue ich irgendwie auch nicht viel zu. Mag am Verris im Eulenspiegel liegen, oder was man so den Rezensionen entnimmt oder weil er im Fernsehen meinte, wenn Reiche mehr Steuern zahlen, sollen sie doch auch entscheiden dürfen, wo das Geld hinfließe…
      Insofern möchte ich in solche Bücher erst einen ganz scharfen Blick werfen, bevor ich auch nur mit dem Gedanken spiele, es mir zuzulegen.

    • shuizid schreibt:

      http://philo-welt.de/forum/thread.php?threadid=7083
      Hier findet man vielleicht noch ein wenig Kritik zu Precht, die sich abseits von Amazon und anderen bewegt.

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