Ende Gutten, alles Berg?

Unser Verteidigungsminister hat die Fliege gemacht.

Nach jahrelanger Arbeit an der Doktorarbeit, hat sie Guttenberg das Genick gebrochen. Einen kometenhaften Aufstieg hatte dieser Mann hinter sich, ein Aufstieg der in einem jähen Absturz endete. Aber man muss schon ehrerbietend eingestehen, ein Absturz, den er von langer Hand vorbereitet hatte.

Und erneut singen die Vögel das alte Lied. Für die Opposition hat er zu lange gewartet, für seine Gegner war es höchste Zeit, für seine Befürworter war sein Rücktritt überzogen. Doch wer hat Recht, welche Seite kann von sich behaupten, zufällig die Meinung zu vertreten, die man nach einer differenzieren Überprüfung haben könnte?

Vorneweg stellen wir fest, dass KTG in einer Glanzleistung politisch korrekt gehandelt hat. Erst böse alle Vorwürfe abstreiten und jeden diskreditieren, der es wagte solche aus zu sprechen. Dann ganz wehmütig alles zugeben, was ihm bereits zweifelsfrei nachgewiesen wurde. Und schließlich mit einer Rede zurück treten, welche den Eindruck vermittelt, dass alles gar nicht seine Schuld sei, sondern er stets vorbildlich gehandelt habe und irgendwelche bösen Medien ihn dazu gezwungen hätten, das Amt nieder zu legen.

Entgegen dem Wortlaut soll das keine Kritik sein, es handelt sich um ganz banales politisches Tagesgeschäft. Die Mehrheit aller anderen Politiker hätte dasselbe getan.

Damit fällt bereits die Kritik der Opposition flach, die sowieso nur deswegen Kritik übt, weil sie die Opposition sind. Auf Regierungsseite würden sie identische Vorwürfe böse verunglimpfen. Aber das ist ein anderes Thema.

War es Zeit, das KTG zurück tritt? Oder war der Rücktritt nicht vielleicht wirklich überzogen, handelte es sich doch um seine Doktorarbeit und damit um nichts, das etwas mit seiner politischen Tätigkeit zu tun hat. Eigentlich müsste man sagen, es sei falsch, zurück zu treten. Das gilt nicht im speziellen für ihn, sondern für jeden Politiker, der jemals wegen nicht-fachbezogenen Verfehlungen zurück getreten ist. Sie sollen schließlich unser Land verwalten, sollen für uns Entscheidungen treffen, für uns dafür sorgen, dass die Straßen sauber, die Grenzen sicher, die Menschen versorgt, die Wirtschaftler zufrieden sind. Dafür braucht man keinen Doktortitel, oder anderen akademischen Grad. Also warum sollte dann eine Verfehlung in dieser Richtung Einfluss auf die politische Laufbahn haben?

Der Grund ist ganz simpel: hat es nicht. KTG hat in seiner Abschlussrede schön festgestellt, dass die Diskussion sich mehr um seine Person, als um seine Leistungen dreht. Bei ihm klang das wie ein Vorwurf, aber es ist eigentlich keiner. Denn er als Person war ja der Verteidigungsminister und er als Person hat also einen massiven Betrug ausgeführt, um einen offensichtlich irrelevanten Titel zu erhalten. Mehr noch als der Vorwurf der Kritik, hat er damit das Vertrauen verspielt, das man bis dahin in ihn hatte. Wie kann man jemandem vertrauen, der bereits wegen solcher Nichtigkeiten versucht ist, große Betrugsnummern ab zu ziehen? Wie jemanden vertrauen, der ohne mit der Wimper zu zucken ganz offen in die Kamera lügt?

Und ja, es geht um den wissentlichen Betrug. Er gibt ihn nicht zu, weil er wie gesagt Politiker ist und solche niemals einen Fehler zugeben würden, der nicht bereits bewiesen ist. Schlimmer aber, als seine Behauptung, er hätte es nicht gewusst, sind diese pseudo-intellektuellen Intelligenzbestien, die DAS GLAUBEN. Über 70% der Arbeit waren abgeschrieben, wer das nicht merkt, ist natürlich nicht ganz sauber im Kopf. Und wer nicht weiter darüber nachdenkt, der zieht den Schluss, KTG sei nicht ganz sauber. Dass Politiker im Allgemeinen geneigt sind, die Wahrheit in ihrem Sinne zu drehen, muss für diese Leute ja eine unglaublich neue Entdeckung sein. Ältere, gebildete Herren haben scheinbar noch nie politische Verfehlungen verfolgt und sind erst jetzt bei KTG aus ihren Bücherlöchern gekrochen und bemerken: wenn KTG die Wahrheit sagt, dann hat er ein mentales Problem. Scheinbar ist es dann schon zu viel verlangt, den nahe liegenden Schluss zu nehmen, dass KTG einfach nicht die Wahrheit sagt. Politiker sind ja soooo ehrliche Menschen, schon immer gewesen… Wie gut, dass wir Experten haben, die naiver sind, als der Ottonormalverbraucher. Man rutscht nicht einfach aus und schreibt aus versehen 7 Jahre lang Texte ab, also warum zum Teufel annehmen, das KTG das getan hätte? Oder auch nur glauben, ER würde glauben das getan zu haben? Auch hier findet sich ein Grund, den man weiter oben schon hatte. Die Experten vertrauen natürlich nur darauf, was sie zweifelsfrei wissen. Dazu zählt was der Herr gesagt hat und, dass wir ein gewaltiges Plagiat haben. Also nimmt man nicht den Schluss, der dem gesunden Menschenverstand am nächsten ist, sondern spielt naives Expertchen und reimt sich irgendwas zusammen, das nur dann stimmen kann, wenn wir plötzlich in einer irrealen Parallelwelt leben. Tja, man möchte halt den Gutten doch davor schützen, als böser Lügner hingestellt zu werden und tut lieber so, als sei er geistig nicht ganz da.

Jedoch, kann man sich wirklich so dumm anstellen? Über die Hälfte der Arbeit ein Plagiat. Zufällige größere Spendensummen an die Universität. Selbst wenn wir also annehmen, dass er gelogen hat und sich über das Plagiat bewusst war, so kann er doch nicht mehr alle Tassen im Schrank haben. Bereits kurz nach der Veröffentlichung haben sich fleißige Bienchen dran gemacht und scheinbar jeden Satz auf jeder Seite auf einen Urheber geprüft. Wäre nur ein Bruchteil, so hätte man hier noch von einem „risikofreudigen“ KTG sprechen können. Aber über die Hälfte abgeschrieben? Das heißt, wenn man einen beliebigen Satz heraus greift, hat man eine hohe Chance, dass er abgeschrieben ist und von einem halbwegs fachkundigen Leser sofort als Plagiat erkannt wird. DAS wäre ein guter Grund, um an der Gutten geistigen Beschaffenheit zu zweifeln, denn „Risikofreudig“ beschreibt nicht einmal annähernd, wie dämlich man sich dafür anstellen müsste.

Ist also Guttenberg tatsächlich nicht zurechnungsfähig und sollte in eine Heilungsanstalt eingewiesen werden, bevor er sich selbst noch mit dem Auto überfährt? Naja, wir sind ja kulante Menschen und zum Glück keine selbsternannte Experten. Also, lügender Politiker mit zu großer Geldbörse, die er gerne bei einer zufällig ausgewählten Universität entleert (dass er dort „studiert“ hatte natürlich gar nichts damit zu tun). Selberschreiben der Arbeit fällt flach, sofern wir annehmen, dass er wenigstens die Zurechnungsfähigkeit einer Parkuhr besitzt. Dann bleibt also nur übrig, dass er sich jemand andere gesucht hat, der ihm diese unglaubliche Bürde abnahm. Ein Ghostwriter, der entweder keinen Gutten Fan abgab (echt ne schlechte Wahl getroffen) oder einfach stinkend faul war. Zu befürchten hat man als Ghostwriter ja zum Glück nicht viel, denn Haftung übernimmt ein solcher grundsätzlich nicht für seine Arbeit.

Also, freundliches Ergebnis: Guttenberg ist ein durchschnittlich korrupter Politiker, der seine Macht und sein Geld missbraucht hat und wohl an einen inkompetenten Geisterschreiber geriet. Also ist sein Rücktritt ja vollkommen gerechtfertigt, nicht wahr? Nicht wahr. Er ist also in der Hinsicht nicht besser, als andere Politiker, sein Vertrauen angeschlagen, seine Person in Missgunst geraten. ABER er ist damit auch NICHT schlechter als andere Politiker. Er fliegt nicht, weil er ein pöser Betrüger ist, sondern weil er aufgeflogen ist. Es mag absurd klingen, nach diesem verriss tatsächlich auf Seiten Guttenbergs zu stehen, doch das ist nur die halbe Wahrheit. Genau genommen habe ich einfach ein so schlechtes Bild von Politikern, dass KTG einfach nicht ausreichend heraus sticht, um einen Rücktritt zu rechtfertigen. Ganz genau genommen: Mein Bild ist so schlecht, dass eigentlich die Mehrheit der Politiker zurück treten müsste. Er hat also nichts getan, dass einen Rücktritt mehr rechtfertigt, als die Handlungen anderer Politiker. Ganz im Gegenteil sogar, wenn man sich immer mal wieder anhört, dass Gesetzesbeschlüsse so klingen, als wären sie von den betroffenen Großkonzernen selbst geschrieben, dann hat man Plagiate, wegen denen WIRKLICH mal jemand aus dem Amt gejagt werden sollte. Dagegen ist Guttenberg doch ein Vorzeigepolitiker, auch wenn es schön wäre, wenn wenigstens unser gestriegelter Verteidigungsminister die Eier gehabt hätte, sich hin zu stellen und offen seine Verfehlung zuzugeben. Nur leider leben wir in keiner unerwartet irrealen Parallelwelt, in der Politiker überhaupt so etwas wie eine eigene Meinung haben.

Also, wenn Guttenberg Gutte Arbeit als Minister gemacht hat, dann soll er doch auch im Amt bleiben. In Politiker zu vertrauen ist sowieso grundsätzlich eine der schlechteren Entscheidungen, die man treffen kann, inwiefern macht da ein offener Vertrauensbruch denn einen ernsthaften Unterschied für den halbwegs mitdenkenden Bürger?

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