Was ist Mode?

Angeregt von fraufreitag und ihrem Kommentar zu einem der neusten Modeverbrechen, kam mir der Gedanke, was denn überhaupt Mode sei, woher sie komme, wohin sie gehe und warum die Leute beim Blick in den Spiegel nicht merken, wie dämlich sie aussehen.

Nun, was ist also Mode?
Zweifellos handelte es sich bei Mode in erster Linie um ein selbst-referenzielles System. Das heißt, Mode wird von Leuten gemacht, die modisch sind. Und modisch sind Leute, die Mode machen. Es gibt im üblichen keine äußere Instanz, welche bestimmt, was modisch ist, sondern es gibt auserwählte Personen, welche Mode „machen“, die dafür jedoch keine besondere Veranlagung oder Laufbahn haben.
Um das genauer zu erläutern, kann man prinzipiell gesehen 3 Beziehungen unterscheiden. Die Beziehung auf sich Selbst (Selbstreferenz) sowie eine direkte und eine mittelbare Außenreferenz.

direkte Außenreferenz
Eine direkte Außenreferenz ist, wenn sich der Stil unmittelbar auf einen gesellschaftlichen Aspekt bezieht oder eine klar erkennbare Botschaft ausdrückt.

Beispielsweise sorgen sich viele rechtsgesinnte Personen um kahl geschorene Köpfe, um dadurch sowohl möglichst einheitlich, als auch aggressiv aus zu sehen. Auch wenn sie diesen Stil von den Skinheads abgeschaut haben, welche im Allgemeinen keine Nazis sondern eine Arbeiterbewegung sind, so wirkt dieser Stil direkt, ohne Bezug auf den Ursprung zu nehmen.

mittelbare Außenreferenz
Ganz anders verhält es sich mit der mittelbaren Referenz. Diese kann man sich an den tollen Baggies verdeutlichen, diesen viel zu großen Hosen, die besonders cooler Jugendlicher nach Möglichkeit in der Kniekehle trägt, damit auch ja noch die Unterwäsche zu sehen ist.

Das sieht reichlich dämlich aus und der eigentliche Sinn dieser Hosen ist meist nicht bekannt. Dafür muss man in die VSA schauen, woher die gesamte Bewegung stammt. Dortige Rapper sind üblicherweise in sehr armen Verhältnissen groß geworden, waren entsprechend von geringer moralischer Festigkeit, aggressiv und landeten dementsprechend auch gerne mal im Gefängnis.
In den Gefängnissen herrschte dabei eine sehr pragmatische Kleiderordnung: maßgeschneidert gibt es nicht und Gürtel könnten als Waffen missbraucht werden. Man stattete die Gefangenen also mit Einheitsgrößen aus, die natürlich in der Regel zu groß waren. Und was passiert bei einer großen Hose ohne Gürtel? Genau.

Wieso aber wurde daraus ein Trend, welchen sich die gesamte Szene aneignete?
Das ist simpel. Ohne gefestigte Moral und natürlich auch nach Absitzen der Haftstrafe nicht in der Gesellschaft integriert, blieben die Rapper größtenteils kriminell und gleichgültig dem Staat gegenüber. Um dies adäquat aus zu drücken, trugen sie Hosen, die, ebenso wie jene im Gefängnis, zu groß waren. Damit zeigten sie, dass sie sich von dem Gefängnis nicht abschrecken lassen. Das ist eine klare Außenreferenz, denn ohne die Geschichte zu kennen, kann man nicht erklären, woher diese Hosen stammen. Wobei man natürlich unterscheiden muss, dass es für die ursprünglichen Rapper eine direkte Außenreferenz war, denn sie haben als es als Reaktion auf ihre Gefängnisaufenthalte getragen. Ihnen jedoch folgten Nachahmer, die es trugen, weil die Rapper es trugen und nicht etwa, weil sie dies mit Gefängnissen in Verbindung brachten.
Damit haben wir auch bereits eine Abgrenzung zur direkten Außenreferenz -wenn also eine Person, die nicht für Mode bekannt ist, einen Trend setzt oder eine Modeform direkt Bezug auf die Gesellschaft nimmt. Ganz gleich ob das „Flavour Flav“ ist, der scheinbar den Trend etablierte riesige, hässliche, nicht funktionierende Uhren um den Hals zu tragen, oder Punks, deren Erscheinung einfach nur „anti“ ausdrücken soll. Diese Personen äffen niemanden nach, sondern verfolgen ein direkt erkennbares Ziel mit ihrem Aussehen. Ihr Aussehen bezieht sich direkt auf die Gesellschaft, die Umgebung.

Selbstreferenz
Die Selbstreferenz nun bleibt für jene Personen übrig, die auf irgendeinem Weg für Mode bekannt wurden. Wie auch immer sie diesen Status erhielten, danach können sie quasi nach belieben Mode kreieren. Weil sie diesen Status erlangt haben, wird ihnen zugetraut, auch in Zukunft modisch zu sein. Sie können einen Trend setzen, wenn sie nur wollen. Denn die Selbstreferenz kennzeichnet sich gerade dadurch, dass es keine übergeordnete Instanz gibt, welche irgendwelche Kriterien anlegen kann.

weitere Beispiele
Ein anderes selbstreferenzielles System ist beispielsweise Kunst. Auch hier gibt es kein objektives Kriterium, was Kunst ist und was nicht. Kunst ist, was ein Künstler macht und Künstler ist, wer Kunst macht. Wobei natürlich bereits vorhandene Künstler das Prädikat „Kunst“ in ihrem Sinne verteilen können. Man bedenke nur einmal große Werke der Kunstgeschichte, wie die Mona Lisa. Wunderschön, ein besonderes Lächeln? Effektiv handelt es sich um irgendeine Frau ohne Augenbrauen, die ein bisschen komisch guckt.
Jeder kennt die Mona Lisa, jeder weiß, dass es sich dabei um ganz besondere Kunst handelt, aber woher weiß man das? Fragt man einmal auf der Straße, wird kaum jemand einen genauen Grund nennen können, warum die Mona Lisa denn eigentlich Kunst sei, mit Ausnahme von jenen bedeutenden Merkmalen, die zusammen mit dem Titel genannt werden.

Die Passanten haben also auswendig gelernt, was laut anderen die Mona Lisa zu Kunst macht, ohne selbst je einen Gedanken daran verschwendet zu haben, ob sie das genauso empfinden. Über Kunst lässt sich eben nicht streiten, es sei denn, man ist Künstler. Ist man jedoch kein Künstler, fehlt einem das ausgesprochene Recht, Kunst zu beurteilen. Dafür muss man schon Experte sein, ganz gleich, wer diesen Expertenstatus eigentlich verleiht.

Abschlussbemerkung
Im selbstreferenziellen System also gibt es Menschen, die durch das System das besondere Recht erworben haben, Dinge zu postulieren, welche außerhalb des Systems als gegeben betrachtet werden, ohne dass man sie hinterfragt.
Und hier kommt nun der Bogen zur Mode. Als selbstreferenzielles System, können ausgewiesene Modeschöpfer vorgeben, was modisch ist und was nicht. Vertraut man sich diesem System an, so gibt es keine eigenständige Abschätzung dessen, wie diese Sachen aussehen. Es geht nicht darum, darin besonders toll aus zu sehen, denn das würde ja bedeuten, dass man Kleidung nicht nach modischem Standart auswählt, sondern nach persönlichem Gefühl. Um aber modisch zu sein, muss man sich dem System der Mode unterwerfen und das heißt, sich der Meinung derjenigen zu unterwerfen, denen das Recht zugesprochen wurde, über Mode bestimmen zu können.

Wenn nun also ein Junge eine viel zu große Hose trägt, oder ein Mädchen eine fürchterlich aussehende, viel zu enge Leggins, welche „Arsch frisst Hose“ zu „Hose frisst sich in Arsch“ umwandelt, dann spielt das tatsächliche Aussehen überhaupt keine Rolle. Denn es geht nicht darum, darin gut aus zu sehen, nicht darum, damit ein besonders schönes Bild ab zu geben.
Es geht darum, modisch zu sein. Und was modisch ist, sagen die Experten und nicht etwa der Spiegel oder die eigene Vorstellung. Ganz im Gegenteil richtet sich die eigene Vorstellung ja sogar nach dem, was die Experten dazu sagen. Das führt dann in letzter Konsequenz dazu, dass Schönheit selbst von diesen Experten bestimmt wird. Wenn enge Hosen „in“ sind, dann heißt es, das Tragen von engen Hosen macht attraktiv, denn modisch sein, heißt attraktiv sein (suggerieren die Experten). Und ob in der engen Hose nun dicke oder dünne Beine stecken, spielt keine Rolle, denn es geht ja nicht um die Beine, sondern um die Hose/Leggins/wasauchimmer.

Nur der Vollständigkeit halber sei dabei erwähnt, dass natürlich auch die Wissenschaft ein selbstreferenzielles System darstellt, denn der ausgewählte Kreis von Wissenschaftlern bestimmt, was Wissenschaft ist und was nicht – und auch darüber, wer Wissenschaftler ist und wer nicht. Es gibt also auch hier keine äußere Instanz, keinen äußeren Bezug.

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