Tassenstrahlung

Wie sagte ich doch dereinst so schön? Alles was ich sage ist logisch, es ergibt nur keinen Sinn. Insofern ist ein Beitrag über die Tassenstrahlung auch genau das was fehlt, um diesen Eindruck zu untermauern. Oder eben ein zu reißen, das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Funktion größer Wahrheit
Letzten Freitag erst sah ich mich in einem schönen Seminar, das bezogen auf die Erkenntnis und die Wahrheit die Frage aufwarf: „Was ist Wahrheit für uns?“ Nun, dass uns der Zugang zu objektiver Wahrheit prinzipiell gesehen ziemlich verschlossen ist und wir lediglich das als wahr annehmen können, das funktioniert, ist eine negative, aber nicht sonderlich traurige Grundeinstellung – denn es funktioniert ja.

Nun sind wir auf der Suche nach Wahrheit in erster Linie auf unsere 5 Sinne angewiesen. Als die Frage aufkam, wie wir also Dinge erkennen, die wir nicht mit diesen Sinnen wahrnehmen können, konnte ich mir meine bescheidene Meinung nicht verkneifen: „Wir entwickeln einen Versuchsaufbau, in dem wir davon ausgehen, dass die gesuchte Größe einen bestimmten Einfluss ausübt, den wir im Folgenden wahrnehmen können.“ Mangels eines perfekten Gedächtnisses, ist dies die grob fahrlässig rekonstruierte Wortwahl meinerseits, die sicherlich ein wenig besser zusammengestellt ist als das, was ich mir dereinst wirklich aus den Fingern sog.

Ein Beweis für…
Unser Seminarleiter nun kam auf die Idee, dies aus zu probieren, natürlich um mich zu wiederlegen… die Sau… Indem er sich selbst zum Versuchsaufbau des Nachweises der Tassenstrahlung machte. Einfaches Prinzip: Tassenstrahlung ist dann nachgewiesen, wenn er den Arm hebt und es am Schrank klopft. Dies geschah dann dreimal, denn während er den einen Arm hob, klopfte er mit dem anderen an den Schrank. Und frei nach dem Motto: „Schlagfertigkeit ist das, was einem auf dem Nachhauseweg einfällt“, mangelte es mir natürlich in dem Moment an seiner fixen Auffassungsgabe, um diesen von ihm spontan erdachten Versuchssaufbau ebenso spontan zu widerlegen und natürlich das fälschliche Verständnis seinerseits von meiner Aussage zu berichtigen. Dieses Problem durfte mich auf dem Nachhauseweg begleiten und wie es sich gehört, fand ich natürlich die beste Entgegnung: Er hat Recht.

Wem genau ich da was entgegne, weiß ich zwar nicht, aber das war das beinahe unglaubliche Ergebnis: Er hat Recht! Er hat in diesem Moment eine Tassenstrahlung bewiesen. Auch wenn man gewisse wissenschaftliche Grundsätze in diesem Moment außen vor lässt, so hat er einwandfrei in erster Näherung etwas bewiesen, das natürlich vollkommen absurd ist.

Das war Wissenschaft!
Wie nun ist das aber möglich? Wie konnte es sein, dass er in einem spontanen und absichtlich völlig dämlichen Versuchsaufbau etwas richtig nachweist? Etwas, das doch überhaupt nicht existiert, das er sich selbst ausgedacht hat?
Was nun so klingt, als hätte ich ein Rad ab und den Verstand verloren (auch wenn dem grundsätzlich so sein mag), ist etwas, das dem modernen Menschen überhaupt nicht bewusst ist: Das war Wissenschaft! Und mehr noch als das, dies war ein einwandfreier, ja beinahe schon satirischer Angriff auf unsere Erkenntnisfähigkeit. Und wie geht das?

Ganz einfach: Dazu nehme man meinen Ausgangssatz hinzu. Wir beweisen etwas, indem wir einen Versuchsaufbau konstruieren, indem wir davon ausgehen, dass das gesuchte Objekt einen bestimmten, für uns erkennbaren Effekt auslöst. Beispiel gefällig? Nun, ein Beispiel ist so nah vor euren Augen, dass man das mal schnell vergisst: Euer Bildschirm. Zu keinem Zeitpunkt ist es einem Menschen möglich, unter Zuhilfenahme aller bekannten Sinne, elektrische Signale zu verarbeiten. Dabei fliegen Abermillionen davon zu jedem Zeitpunkt durch den arbeitenden Computer. Der Bildschirm nun empfängt einen Teil von ihnen und wandelt sie in etwas um, das der Zuschauer wahrnehmen kann, nämlich Photonen. Der Bildschirm erzeugt also aus für den Menschen unidentifizierbaren Elektronenbewegungen ein erkennbares Bild.

In diesem Zusammenhang ist der Begriff „Versuchsaufbau“ falsch gewählt. Streicht man aber das „Versuchs-“, dann ergibt das wieder Sinn. Der Versuch ist lediglich für die wissenschaftliche Überprüfung von Bedeutung, jedoch, das ist nun klar, setzt sich das Prinzip im Alltag fort. Für Dinge, die wir nicht direkt erkennen können, haben wir Mittel und Wege erdacht, welche uns dennoch deren Vorhandensein oder besser gesagt das Vorhandensein ihrer Wirkung belegen.

Rückwärts gedacht
Bereits jetzt zeichnet sich dabei ein interessanter Aspekt ab: Wir schließen von der Wirkung auf die Ursache. Genauso, wie man vom Klopfen auf eine Tassenstrahlung schließt? Noch immer sagt einem der Verstand, dass es sich hier doch um zwei vollkommen verschiedene Dinge handelt und dass es doch so was wie eine Tassenstrahlung überhaupt nicht gibt.
Aber kann man das allen Ernstes behaupten? Hat er gegen irgendein Prinzip verstoßen? Der Zuschauer denkt sich „Ja, denn er wusste selbst, dass er überhaupt nichts beweist.“

Das mag stimmen, aber dennoch, hat er sich an alle Grundsätze gehalten. Er hat etwas benannt, diesem eine Wirkung zugeordnet und konnte nun aus der Wirkung darauf schließen, dass dieses Etwas existiert. Mag ein wenig kompliziert klingen, aber das ist der fundamentale Grundsatz der Wissenschaft: „Was funktioniert, das funktioniert.“ Sein Nachweis hat funktioniert, so absurd das klingen mag. Dass er dies nur spaßmäßig meinte, ist indes nicht etwa nur eine Interpretation des Zuschauers, welche ich ja ankreiden könnte, weil der Zuschauer ja eben nur die Aktion sieht und nicht die Intention, aber das wäre dämlich. Denn ohne begründeten Zweifel kann man davon ausgehen, dass er selbst seinen Versuchsaufbau nicht ernst genommen hat.

Einfach in die Zukunft schauen (ohne Gott)
Gerade deswegen ist also die gefundene Zustimmung zugleich ein Widerspruch, er nahm an damit irgendetwas zu widerlegen, obwohl er ironischerweise damit etwas belegt hat. Etwas, das trotz des fundamentalen Angriffes eigentlich erstaunlich irrelevant ist. Dazu ein weiterer Grundsatz, welcher die Wissenschaft von anderen Disziplinen menschlichen Wirkens unterscheidet: „Von einer Menge an Erklärungen ist jene zu bevorzugen, welche gleichgute Ergebnisse mit den wenigstens Annahmen erbringt.“ Das Prinzip der Einfachheit sagt also, dass man Dinge immer möglichst einfach erklärt. In Anbetracht der Tatsache, wie kompliziert wissenschaftliche Theorien sein können, darf man „Einfachheit“ nicht allzu eng fassen.

Ebenso gilt zu beachten, dass „Es ist einfach so.“ zwar immer die einfachste mögliche Erklärung ist, aber dass sie in Bezug auf die Vorhersage natürlich viel schlechtere Ergebnisse liefert, als eine komplexere Theorie. Es geht also sowohl um die Annahmen, als auch um die Ergebnisse. Umgekehrt übrigens ist „Es ist einfach so.“ immer eine einfachere Erklärung als „Gott existiert und er/sie/es ist einfach so.“ Deswegen haben Religionen in der Wissenschaft keinen Platz, weil die Annahme eines omnipotenten, nicht verstehbaren, über die Existenz erhabenen Wesens einfach mal eine so große zusätzliche Annahme ist, dass keine Verbesserung des Ergebnisses diese rechtfertigen könnte, zumal bisher keine Verbesserung des Ergebnisses auftrat, weil bei Annahme eines solchen unerklärbaren Wesen die Beständigkeit unserer Welt nicht einmal erklärt werden kann, geschweige denn eine Vorhersage unter Annahme eines willkürlich wirkenden Gottes denkbar wäre.

Aber zurück zur Tassenstrahlung: Selbst wenn wir annehmen, er war sich selbst über die Absurdität seines Aufbaus bewusst: Hat er dann auch gegen das Prinzip der Einfachheit verstoßen und war damit unwissenschaftlich? Diese Antwort ist nun anders überraschend: Weder noch. Zu diesem Zeitpunk stand nämlich überhaupt keine Theorie im Raum, geschweige denn gab es konkurrierende Erklärungsansätze. Natürlich steht dem die Erklärung gegenüber, er habe einen Spaß gemacht und selbst den Effekt erzeugt. Kann das stimmen?

Viel „viel“
An dieser Stelle nun kommt ein weiteres Prinzip, welches das eben genannte bezogen auf diese Situation entkräftet: Empirie, oder auch „Das Gesetz der großen Zahlen.“ Das heißt, dass ein wissenschaftlicher Versuchsaufbau möglichst oft wiederholt werden soll. Damit sollen individuelle Einflüsse eliminiert werden. Beispiel: Würfel. Wirft man einen sechsseitigen Würfel, besteht eine Wahrscheinlich von 1/6, dass eine bestimmte Zahl am Ende oben liegt. Werfe ich den Würfle nur einmal, werde ich aber garantiert eine Zahl haben und nicht 1/6. Werfe ich ihn 6 mal, ist auch die Chance sehr gering, jede Zahl genau einmal gehabt zu haben. Selbst wenn man 600 mal wirft, ist es unwahrscheinlich, dass jede Zahl genau 100 mal kam. Aber je öfter man den Würfel wirft, desto näher kommt man im Schnitt dazu, dass jede Zahl mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Sechstel kam. Deswegen „große Zahlen“, weil man viele Wiederholungen durchführt.

Weil für die Tassenstrahlung der Versuch aber nur 3 mal vorgeführt wurde, haben wir keinen statistisch relevanten Effekt. Deswegen kann daraus auch nichts über die Qualität der Ergebnisse und damit über irgendeinen Erklärungsansatz gefolgert werden. Mit anderen Worten: Es könnte sein, dass zufällig in diesem Moment ein unbekannter Einfluss dafür gesorgt hat, dass er gegen den Schrank klopft. Ein Einfluss, der vielleicht tatsächlich diese ominöse Tassenstrahlung war. Um das zu belegen, hätten wir es öfters durchführen müssen. Natürlich haben wir weiterhin die billige Erklärung im Hinterkopf, dass es überhaupt keine besondere Wirkung gab, die nachgewiesen wurde.

Um was geht’s eigentlich?
Aber weiterhin gilt: Es geht um Wissenschaft und dort ist nicht unbedingt die naheliegendste Erklärung immer die richtig. Er hat nun also zu mindestens in den Grundsätzen wissenschaftliche Prinzipien erfüllt, er hat einen Versuchsaufbau konstruiert und tatsächlich gemäß den Voraussagen den erwarteten Effekt beobachtet. Aber es gibt doch gar keine Tassenstrahlung… Hier nun der finale Fehler, der bereits am Anfang gemacht wurde: Zu keinem Zeitpunkt wurde definiert, WAS Tassenstrahlung sein soll. Das Wort wurde genommen und vom Hörer interpretiert. Das ist aber kein wissenschaftlicher Ansatz, einfach willkürlich Wörter zu interpretieren. In dem Versuch wurde Tassenstrahlung bewiesen, die Frage steht nun aber im Raum, was denn überhaupt Tassenstrahlung ist.

Was auch immer der Leser bisher angenommen hatte, irgendeinen Zusammenhang zu Tassen oder Strahlung sieht man natürlich in dem Versuch nicht, aber er besteht. Die Strahlung nämlich, war das Thema von wenigen Minuten zuvor, die Tassen wiederum beglückten den Raum mit ihrer Anwesenheit in zwei Gefäßen mit Abwasch, eines auf dem besagten Schrank, das andere zu Füßen des Seminarleiters, welches er gelegentlich einmal traf. Zum dritten noch als Kaffeetassen auf dem Tisch, für uns geplagte Teilnehmer. Die „Tassenstrahlung“ also war nicht ein vollständig willkürliches Wort, sondern die Konstruktion eines möglichst absurd klingenden Wortes, aus den momentan geistesgegenwärtigen Begriffen. Aber sie kam eben nicht völlig aus einer unerkennbaren irrealen Wirklichkeit heraus, sondern aus den direkt gegebenen Umständen. Der Begriff stand durchaus im Zusammenhang mit Tassen und mit Strahlung, nur nicht so, wie man es erwartet hätte.

Und was sagt das nun? Das sagt uns, dass man sich von Begriffen und lustigen Sprüchen leicht in die Irre leiten lassen kann, während die Wissenschaftsgläubigkeit vergisst, dass Wissenschaft tatsächlich so oder wenigstens so ähnlich funktioniert. Das mag ein wenig seltsam klingen, aber egal ob Automobil, Atomkraftwerk oder Teilchenbeschleuniger, sie alle funktionieren so ähnlich, wie der Aufbau für die Tassenstrahlung. Der einzige Unterschied ist, die Häufigkeit der Durchführungen und daraus resultierende Erklärungsansätze.

Für die Zweifler
Beispielsweise wäre aufgefallen, dass mit Ausnahme des Seminarleiters niemand in dieser Position dasselbe getan hätte und dass auch er selbst nach einer gewissen Zeit aufgehört hätte, den Spaß weiter zu treiben. Damit aber wäre ein Grundsatz verloren gegangen, der sich aus dem Gesagten direkt ergibt: Die Wiederholbarkeit. Natürlich, um etwas einige hundert(tausend) Mal aus zu führen, muss es unter bestimmten Bedingungen wiederholbar sein. Ebenso gilt dies für die Voraussagbarkeit, welche noch vor der Einfachheit erfüllt sein muss.

Das bringt uns zu…
Nehmen wir das nun aber dazu, was hat er dann überhaupt bewiesen, wenn es doch beinahe vollkommen wissenschaftlich war? Nun, dafür nehmen wir alle Aspekte zusammen und kommen zu einer Lösung, die zwar vollkommen trivial ist, aber immerhin dennoch einleuchtend: Er hat den Moment bewiesen. Da sich seine Handlung in groben Zügen komplett aus seiner bisherigen Erfahrung, seiner Person, der gegebenen sowie kurz zuvor vorangegangen Situation, einschließlich des von mir und anderen Gesagten rekonstruieren lässt, hat sein Handeln eben die Existenz von allen diesen Dingen in diesem Moment bewiesen.

Und auch wenn ich mich jetzt entschuldigen muss, dass ich selbst aus einer „Tassenstrahlung“ noch etwas Sinnvolles heraus geholt habe, so sei dies trotzdem eine gemütliche Ablenkung zu den sonstigen Themen ^^
Außerdem hat man etwas Interessantes gelernt: Selbst eine Kleinigkeit wie die Anzahl an Durchführungen kann zwischen einer absurden Tassenstrahlung und einer wissenschaftlich begründeten Theorie unterscheiden.

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