Schuld und Schuldige

Wenn das Leben gerecht wäre, was würde dann passieren? Würde dann nicht die Entdeckung der Schuldigen dazu führen, dass die Schuld getilgt wird? Würde dann nicht ein Verbrechen aufgeklärt, wenn sich nur jemand finde, der es begangen habe? Würden Schuld und Schuldige so miteinander verheiratet sein, wie ein Paar vorm Standesbeamten?
Schön wäre es und in unserer naiven Vorstellung, in der naiven Vorstellung unserer Gesellschaft in unseren Köpfen, da ist diese naive Welt auch noch in Ordnung. Dort sind Kinder liebe kleine Geschöpfe, die in sich ein gutes Herz haben, denen man Macht zusprechen sollte und die natürlich aus sich heraus freundlich und gegenüber dem Schlechten in der Welt bis zu einem gewissen Alter immun sind… in einer verklärten und naiven Welt, ist Kinderlachen fähig alle Strapazen zu überwinden…

Falsche Welten
Wie gut das wir Werbung haben, die uns ständig erzählt, wie glücklich wir doch alle sind. Ein Hoch auf gecastete familienähnliche Gebilde, die einem stets vor Augen halten, dass unter Zuhilfenahme eines Drehbuches und mehrerer Kameras alles total einfach wird. Aber in der Realität? Nicht genug, dass Kinder durchaus sture und unerzogene Quälgeister sein können, die bereits binnen kürzester Lebenszeit in vielerlei Hinsicht von Eltern und anderen erziehenden Personen auf sehr unschöne Art und Weise geprägt wurden. Auch in vielen anderen Hinsichten müssen wir uns davon verabschieden, dass es in dieser Welt irgendwo einen guten Kern gäbe, den man doch mal fix freischaufeln könnte.

Dabei lassen wir uns weiterhin davon beschwichtigen, dass Schuld und Schuldige miteinander verheiratet sind. Eine einfache monokausale Beziehung: hier Opfer, da Täter, und zwischen ihnen die Tat. Und wenn man diese Beziehung festgestellt hat, läuft alles wieder ins Lot.
Leider aber sieht es ein wenig anders aus: „Aufklärung ist der Feind der Gerechtigkeit!“

kreative Schuldfindung
Seit Menschengedanken, ist es immer dasselbe gewesen, Schuldige wurden für die begangene Tat bestraft. Die Art der Strafe und ebenso die Urteilsfindung oder die „Erzeugung“ der Schuldigen hat je nach Zeit anders funktioniert. Manchmal zählten wilde Vermutung und erfolterte Geständnisse, ein andermal wurden Menschen für von ihnen unverschuldete Umstände zur Rechenschaft gezogen. Über alle Rechtssysteme hinaus aber galt immer das Prinzip, dass es Schuldige gäbe, welche die Tat begangen hätten. Und die Bestrafung der Schuldigen, ob aus Rache oder wegen höheren, weiterführenden Zielen, würde Gerechtigkeit erzeugen. Ganz so, als wäre Gerechtigkeit etwas, das man wie an einem Fließband produzieren könnte, indem man nur ein paar Schräubchen drehe.

Aber an welcher Schraube soll man drehen, wenn man Ende eine Kaffeemaschine heraus kommt, obwohl man doch einen Toaster wollte? Da kann man lange suchen. Aber Kaffeemaschine und Toaster… Haben wir wirklich die Maschine und wollen wir einen Toaster? Oder weniger seltsam: Haben wir eine falsche Vorstellung von Gerechtigkeit und müssten wir eine völlig andere benutzen? Und was ist überhaupt Gerechtigkeit?

Was ist Gerechtigkeit?
Nach dem industrialisierten Genozid wirkt der Satz, „Gerechtigkeit ist, wenn jedem das Seine zukommt.“ negativ behaftet. Dabei wäre das die ultravereinfachte Variante, um so zu tun, als könnte man das Problem in wenige Worte fassen. Ja, die Erwähnung der Nazis war übrigens überflüssig.

Es ist im Alltag normal, dass man glaubt, Gerechtigkeit sei ein einfacher Begriff, den man so mal eben vollständig beschreiben könnte. Das dem nicht so ist, verrät ein Blick in das System, welches seit Menschengedenken bemüht ist, Gerechtigkeit in einem für die Gesellschaft erträglichem Maße zu erzeugen: Das Gesetz.
Diese lustigen Texte, in hochtrabendem Juristendeutsch verfasst, stellen für den Laien überflüssige Wortklauberei dar, aber eben nur, weil es Laien sind. So tragisch es klingen mag, das Juristendeutsch ist der Versuch, diesen angeblich so einfachen Grundsatz um zu setzen. Die dort verwendeten Formulierungen sind keine reine Zeitverschwendung, sondern genau das was passiert, wenn man versucht, Gerechtigkeit zu erlangen.

Spielraum
„Jedem das Seine“, das ist mehr als die Legitimation eines Genozids. Das ist zugleich ein in vielen Köpfen herumschwirrender Irrglaube an Gerechtigkeit. Das Problem? Der Banker kann für sich behaupten, die überschwänglichen Bonitätszahlungen seien das Seine. Und das Leben am Existenzminimum sei eben das „Ihrige“ der Arbeitslosen. Der Glaube, dass jedem etwas Bestimmtes zustehe, ist nämlich persönlicher Natur. Nimmt man eine Gruppe von Menschen, die nicht zufällig alle dasselbe denken, wird man viele Auffassungen darüber finden, was denn das seinige für wen sei.

So was nennt man einen Interpretationsspielraum und Sinn der modernen Gesetzgebung ist es, diesen möglichst gering zu halten. Deswegen entstand das Juristendeutsch, das in seiner Form zwar möglichst eindeutig sein soll, aber selbst dann immer noch teilweise große Spielräume und sogenannte Gesetzeslücken liefert. Also selbst unter Juristen ist es zuweilen schwierig, diese seltsamen Sätze eindeutig zu verstehen. Im Alltag ignorieren wir dabei häufig, dass auch unsere Sätze manchmal enorm viel Spielraum für Interpretationen liefern. Das hat verschiedene Ursachen, über die ich jetzt aber nicht lamentieren möchte. Ebenso möchte ich keine weiterführende Analyse des Begriffes „Gerechtigkeit“ führen. Das wäre ein unglaublich aufwendiges Unterfangen und anstatt mal eben eines der schwierigsten Wörter des menschlichen Zusammenlebens eindeutig zu definieren zu versuchen, begnüge ich mich damit, vorerst einen Aspekt zu finden, was NICHT Gerechtigkeit ist.

Ursache und Folge
Mir geht es um Schuld und Schuldige. Und das Gesetz ist unser Werkzeug um Schuld zu begleichen und zugleich der Rahmen, um Schuldige zu finden und überhaupt erst mal zu sagen, was Schuld sei und was nicht. Das ist nun kein Juristendeutsch, aber trotzdem doch einfach und einleuchtend: Schuld ist, was das Gesetz sagt und Schuldige sind jene, welche die Schuld verursacht haben. Das würde sogar funktionieren, wenn dabei nicht besagter Interpretationsspielraum bestehen würde, denn wer verursacht Schuld?

Wir leben in einer Welt, in der wir gewohnt sind, alles zu begründen. Jede Handlung hat einen nachvollziehbaren Grund, auch wenn diesen nicht jeder gerne nachvollziehen können möchte. Wir aber leben und rechnen damit, dass eine Handlung eine Ursache hat, eine Ursache, die außerhalb der handelnden Person liegt. Hierbei kommt dann häufig der Begriff des Determinismus. Dieser besagt, dass eine Handlung durch die Umstände determiniert, also „vorherbestimmt“, ist. Dabei kann dies sowohl über metaphysische Ansätze und Schicksal laufen, aber ebenso über physikalische Gesetze, denen die uns bekannte Welt ja gehorcht. Auch die Grundsatzdebatte über Determinismus, ebenso wie bereits über Gerechtigkeit lasse ich einmal außen vor.

Ohne den Grad des Einflusses vorweg zu nehmen, stellen wir fest, dass eine Person über die gesamte psychische Entwicklung ihres Selbst hinreichend geprägt wurde, um alle Handlungen erklären zu können – NICHT vorhersagen. Aus der Verhaltenspsychologie wird man dabei auf nicht-zwingende Ursache-Folge-Ketten stoßen. Das heißt, dass bestimmte Voraussetzungen gewisse Folgen begünstigen, diese Folgen aber nicht zwingend aus den Vorraussetzungen kommen müssen. Man hat also lediglich Wahrscheinlichkeiten, dass aus einem bestimmten Umstand eine gewisse Folge eintritt.

Beispiel
Kinder aus sozial schwachen Familien erreichen seltener höhere Bildungsgrade. Das heißt, auch ein Kind aus einer arbeitslosen Familie, kann einen Doktorgrad erlangen, aber in der Regel erreichen weniger solche Kinder diesen akademischen Grad, als Kinder aus sozial besser gestellten Familien. Der Einfluss begünstigt eine Folge, ohne diese aber zwingend zu bestimmen, zu mindestens mit den begrenzten Informationen, die uns zur Verfügung stehen.

„Ur“-sache?
Bereits hier fällt aber auf, dass eine gewisse Folge an äußeren Umständen und damit insbesondere an der umgebenden Gesellschaft festgemacht werden können. Das ist eigentlich kein besonderer Punkt, das soziale Umfeld eines Menschen prägt diesen vom ersten Augenblick der Existenz an. Schließlich ist der Mensch zu keinem Zeitpunkt isoliert von einer sozialen Umgebung. Selbst bevor eine Eizelle befruchtet wird, sind sowohl sie, als auch das Spermium durch das soziale Umfeld, also die beiden zukünftigen Elternteile geprägt. Meistens passiert da nicht viel, aber exzessiver Drogengenuss beispielsweise kann bereits vor der Zeugung einen großen Einfluss auf den späteren Menschen haben.

Wenn also der Mensch in durchaus wesentlichen Teilen von seinem sozialen Umfeld geprägt wird, kann man dann Schuld jeglicher Art ausschließlich diesem Menschen zusprechen? Oder sollte man nicht durchaus in Betracht ziehen, ebenso dem Umfeld einen Anteil an dieser Schuld zuzusprechen?

Obgleich es Zufall ist, dass ich diesen Text ausgerechnet zum Jahrestag des Unterganges der Deepwater Horizon schreibe, oder es zu mindestens nicht mein Anliegen war, auch wenn der zugehörige Artikel (der mich dazu inspiriert hatte) vielleicht in Hinblick auf diesen Tag geschrieben wurde, so komme ich nicht umhin, gerade dieses Ereignis als Ursache für meine Überlegungen zu sehen. Denn was genau ist dort passiert? Eine Bohrinsel ist wegen Missachtung von Sicherheitsvorkehrungen explodiert und wegen diversen Komplikationen sind über einen längeren Zeitraum gewaltige Mengen Öl ins Meer gedrungen, die bis heute Tiere verenden lassen und Existenzen bedrohen, wenn nicht gar zerstören.

Schuld? Ok! Schuldige?
Wer trägt nun die Schuld? Natürlich derjenige, der für die schlampige Arbeit verantwortlich ist. Doch in Anbetracht der bisherigen Überlegungen steht die Frage im Raum, können wir ausgerechnet hier ein so schnelles Urteil fällen? Was ist hier anders, als andernorts? Nun, interessant ist vielleicht sogar noch viel eher, was ist dabei genauso, wie bei anderen Katastrophen? Kann man tatsächlich Unterschiede zu Fukushima und Korruptionsskandalen entdecken? Oder kann man vielleicht sogar einen fundamentalen Grund finden, wie es zu solchen Katastrophen kommen kann?

Diese Frage werde ich ein andermal betrachten, doch anstatt der Ursache, geht es mir im Moment um Schuld. Wer trägt nun Schuld, wenn wir annehmen, es hätte nicht mit der Übertretung von Richtlinien begonnen? Dafür müssen wir uns fragen, was denn die Leute dort überhaupt gemacht haben, um eine Antwort zu erhalten, die uns nicht gefällt…

Mitschuld
Sie haben, das ist so ziemlich der einzige Sinn und Zweck einer Ölbohrinsel, nach Öl gebohrt. Öl? Nun, das ist das Zeug, das Flugzeuge und Autos antreibt, das Strom in die Steckdose schickt, das unsere Supermärkte, Einkaufstempel und später auch unsere Mülleimer mit Plastik überschwemmt. Erdöl ist der Treibstoff unserer Zivilisation, ist das lebensnotwendige schwarze Gold, das durch die Adern unserer Gesellschaft pulsiert. Eine Welt ohne Öl? Die Folge wäre ein Stillstand. Man stelle sich vor, eine Welt ohne Kunststoffe aus diesem fossilen Zeug… Ohne „Made in China“ wäre das ja schon eine ungeahnte Herausforderung, aber ohne Kunststoffe auf Erdölbasis?

Um gleich zum Punkt zu kommen: WIR brauchen das, was dort in den Tiefen des Meeres gefördert wurde. Und der Blick an die Zapfsäulen dieser Tage verrät: Wir wollen das Zeug auch haben und zwar: gut, jederzeit und billig. Ungeachtet der Frage nach Preispolitik, Abzocke, Absprachen und all den bösen Machenschaften: Wir wollen das Öl, wir wollen es jederzeit billig zur Verfügung haben. Ganz gleich, ob damit Auto zu fahren, in den Urlaub zu fliegen oder gekauftes Wasser leicht transportieren zu können – billig soll es sein!

Aber was uns recht ist, soll anderen Verboten sein? Wir wollen quasi geschenkt Ressourcen verschleudern, wollen Geld an allen Ecken und Enden sparen aber andere sollen plötzlich gegen diese Grundeinstellung immun sein? Menschen, die nicht einfach nur aus dieser Gesellschaft heraus erwachsen sind, sondern Menschen, die vermutlich dieser Grundeinstellung folgend sogar hohe Positionen in Unternehmen erzielt haben, die, ebenso von dem Billig-Trieb der Allgemeinheit gezwungen, das tun, was jeder erwartet?
Das Urteil, ist eindeutig, wenngleich nicht rechtskräftig: Wir sind nicht in wesentlichem Umfang weniger Schuld an der Misere als diejenigen, die sie rechtlich gesehen zu verschulden haben. Wir sind es schließlich, deren unbändige Gier nach dem schwarzen Gold dort gestillt werden soll, wir sind es, die Billiges fordern, ohne an die Konsequenzen zu denken.

Indizien
Wer sich einmal kurz in seinem Alltag umschaut, wird mit Sicherheit etwas finden, bei dem alleine der Preis ausschlaggebend für die Anschaffung war. Dabei spielen marktwirtschaftliche Mechanismen keine Rolle, denn natürlich gibt es keine Garantie, dass ein teures Produkt in irgendeiner Hinsicht besser sei, als ein billiges. Selbst Fair-Trade Kaffee kostet auch mal unverhältnismäßig mehr, allein weil der Anbieter weiß, dass die Menschen bereits sind mehr zu zahlen. Mehr für etwas, das mehr wert ist, auch dann, wenn das „Mehr“ an Wert geringer ausfällt, als das „Mehr“ an dem Geld, was der Endverbraucher zahlen muss. Ich gebe zu, solche Geschäftsstrategien machen die Lage wesentlich komplizierter.

Doch Hand aufs Herz: Hat sich darüber schon mal jemand Gedanken gemacht? Sich gefragt, ob das billige Produkt eigentlich das Geld wert ist, das es kostet? Und zwar nicht alleine das Geld, das man selbst dafür bezahlt, sondern allem voran das Geld, das man NICHT dafür bezahlt? Vor einem Jahr explodierte eine Bohrinsel, Schuld waren die Betreiber, die so handelten, wie es die meisten Menschen im Alltag tun: besser billig als gut. Doch was dem Alltag die Sparsamkeit, wird den andern die Gier.

Aber: habe ich wenigstens ein Indiz, um solche schweren Vorwürfe zu erheben? Natürlich, nichts einfacher als das: Hat sich irgendeine bemerkenswerte Anzahl an Menschen seit dem Vorfall für die Sicherheit von Bohrinseln interessiert? Hat vor dem Gang zur Zapfsäule überlegt, ob das Geld nicht vielleicht in die ach so gierigen Schlünde von Ölkonzernen fließt, statt sichere Technik?
Auch heute haben die Medien dazu wieder einen erstaunlich dummes Satz geprägt: Für die Opfer, kommt das zu spät. Natürlich kommt jede Prävention für die Opfer zu spät, deswegen sind sie ja Opfer und nicht etwa nur Gefährdete. Jedoch, ist das ein Grund, lieber wehleidiger zurück zu schauen, als in die Zukunft, die einer Änderung bedarf? Auch wenn ich schlussendlich keine Lösung bieten kann, denn allein die Änderung des eigenen Verhaltens, ändert nicht automatisch das Verhalten der anderen.

Keine Lösung…
Doch auch, wenn unsere Möglichkeiten der Reaktion begrenzt sind, ist es wichtig, die Zusammenhänge zu verstehen. Anstatt mit dem Finger auf einen Konzern zu zeigen, sollten wir überlegen, wo die Mitschuld der Gesellschaft und insbesondere von uns selbst liegt. Wir sollten uns fragen, welcher Teil der Schuld uns zukommt, sollte er noch so gering sein. Und wir sollten unser Handeln wenigstens überdenken, bevor wir darüber urteilen, ob wir nicht unsere Mitschuld wenigstens minimieren könnten. Denn Schuld tragen wir, selbst an Dingen, die so weit weg sind. Wir sind es schließlich, die aus dem Verhalten einen Nutzen ziehen, ohne zu überlegen, aus welchem Risiko wir unseren Wohlstand zehren.

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