Können wir uns Glück leisten?

Glück, darüber gibt es viel zu wissen und noch mehr zu verstehen. Was ist Glück? Kann man es messen? Kann man es maximieren und wenn ja, sollte man dies tun?

Viele Fragen und die moderne Forschung bietet über empirische Studien auch gerne und bereitwillig Antworten. Wobei, hauptsächlich bietet sie erst mal Studien, Beobachtungen, Umfragen, Untersuchungen, Forschungen… Und während man im Gehirn Prozesse ausmacht, welche direkt mit einem glücklichen Zustand der Person zusammen zu stehen scheinen, sind die Ergebnisse der Umfragen schwieriger zu interpretieren. Sind die Menschen glücklicher? Was macht sie glücklich? Welchen Einfluss haben Nationalität, Erziehung, das Gesellschaftsbild, die eigene Lebenseinstellung, die Arbeitssituation? Viele Fragen und die Antworten sind nur schwer ablesbar, denn auch die empirische Studie besticht mit einem einfachen Problem: Allein weil man ein paar Tausend Einzelfälle begutachtet, muss man deswegen noch lange nicht auf ein allgemeines Prinzip treffen.

Manipulation
An dieser Stelle wird dann am besten gleich Churchill zitiert „Ich glaube nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe.“ Tatsächlich bieten solche Untersuchungen immer viel Spielraum für Manipulationen. Man hat eine gewaltige Anzahl an Datensätzen, die so schnell niemand überprüfen kann, denn veröffentlicht wird nur ein Bruchteil und der ist dann sowieso längst ausgewertet und vielleicht vorsortiert. Und Wer legt fest, welcher gemessene Einfluss auf welche Ursache zurück zu führen ist? Wenn Menschen aus sozial benachteiligten Schichten schlechtere Bildung erhalten und mit einer höheren Wahrscheinlichkeit kriminell werden, kann man dann sagen, dass Empfänger von staatlicher Hilfe viel wahrscheinlicher kriminell werden?

Doch bevor wir uns zu sehr auf die Statistik versteifen, zurück zum eigentlichen Thema, dem Glück. Viele Ergebnisse also haben wir, was glücklich macht und ob dies nun die Arbeit ist, das Gehalt oder die soziale Anerkennung und der Freundeskreis, alles läuft auf ein Problem hinaus: Wollen wir überhaupt Glück? Sollte es tatsächlich das Ziel der Gesellschaft sein, möglichst viele Menschen möglichst glücklich zu machen?

Glück und Wollen?
Es ist das Märchen der modernen Ökonomie, welche versucht, den Menschen das Glück aufzuzwingen. Die Wertung ist bewusst gewählt, auch wenn die Intention dahinter vielleicht im ersten Moment verwirren könnte. Wie kann ich gegen Glück sein? Und kann ich dies ernsthaft (entgegen anderer Themen lediglich der Polarisation diente)?

Ja, ich kann tatsächlich gegen das Glück sein. Und der Grund? Glück ist eine Emotion, eine wunderbare und natürlich angenehme Emotion. Durch die Zeit der Philosophie hindurch war Glück, Glückseeligkeit, Eudaimonia das höchste Ziel. Viele Menschen sollten viel glücklich werden, am besten alle am meisten. Und was die Philosophen seit Jahrtausenden suchen haben wir dank moderner Feldforschung endlich in ausreichenden Daten vorliegen: Was Glück bringt. Und wenn man noch ein wenig weiter forscht, wissen wir auch gleich noch, was wie viel Glück bringt und welche Gesellschaftsform am meisten Glück verspricht. Und dann müssen wir die nur noch verwirklichen und: Die neue Welt ist fertig. Und das wird sicherlich eine wunderbare, eine glückliche und ja, eine schöne neue Welt.

Darf man das? Einfach so ein urmenschliches Ziel mit einer Dystopie (der schlimmsten vorstellbaren Zukunft) vergleichen? Der Schönen neue Welt, wie Aldous Huxley sie dereinst beschrieb?
Mit einem guten Freund habe ich mich einmal unterhalten und er hat die schöne neue Welt als das gesehen, was sie sein sollte: Ein Alptraum, ein Verrat am Menschen und der Menschlichkeit selbst, sollte sie jemals Realität werden. Aber waren nicht alle Menschen in der schönen neuen Welt glücklich? Ja, sie waren glücklich, sie waren überglücklich. Selbst diejenigen, die mit dieser Welt ein Problem hatten, die mit diesem oberflächlichen Glück nichts anfangen konnten, wurden human behandelt, konnten sich ihr Schicksal selbst wählen.

Kein Zweifel
Die Schöne neue Welt ist genau das, was das letzte Ziel unserer Gesellschaft darstellt. Solange Glück das höchste Ziel ist, ist es die schöne neue Welt, welches dieses am besten erfüllt. Und die Kritik? Die SNW war natürlich ein Spott am Menschen und am Leben selbst und ohne die Konstante Soma (eine Rauschzustände verursachende Droge, die keinerlei körperliche Schäden mit sich bringt) und andere technisch bis heute nicht mögliche Verfahren nicht realisierbar. Fortschritt und Gesetze aber könnten zugunsten des höchsten Glückes mit Leichtigkeit entsprechend verbogen werden, denn die wichtigste Triebkraft des Menschen, nicht der modernen Gesellschaft, wird vom Glück zerfressen: Der Zweifel. Wer zweifelt denn am Glück? Welcher Mensch käme auf die Idee, im Glücksrausch zu fragen, woher das Glück kommt?

Auch ein Nietzsche stellte dereinst das Leid als Triebkraft der großen Denker dar (vgl. „Fröhliche Wissenschaft“). Die Freude, die aus einer überstandenen Krankheit erwächst, vermag viel größere Glücksgefühle erzeugen, als das Gesund-sein an sich. Doch allein darum geht es nicht, sondern um eine viel bedeutender Passage: Das Leid fragt immer nach der Ursache, während das Glücklichsein im Verharren verbleibt. Unsere Gesellschaft besitzt eine Vielzahl an Meinungen, an Modellen, an Möglichkeiten zur Realisierung der Zukunft, an Träumen, Vorstellungen usw…

Viele Ideen gegen wenig Realität
Unsere Welt aber ist nicht annähernd so vielseitig, wie die Ideen es sind. Ein wirtschaftlich gut situierter Kommunismus? Eine nicht unterdrückerische Diktatur? Viele Gesellschaftsmodelle gelten als überholt, ohne jemals einer vollständigen Untersuchungen standgehalten zu haben. Kann man den Kapitalismus als das beste Gesellschaftsmodell bezeichnen, allein weil alle betroffenen Länder wirtschaftlich und materiell gut bestückt sind? „Natürlich!“denkt man – denn Wohlstand bietet Glück. Das ist aber falsch, Wohlstand selbst bietet kein Glück, auch wenn bis zu einem Einkommen von etwa 50.000 Dollar im Jahr Glück direkt mit dem Einkommen zu wachsen scheint, so bedeutet dies noch lange nicht, dass dies auch die einzige Möglichkeit wäre, Glück zu erlangen. Schlimmer noch heißt es nicht, dass dies deswegen bedeuten würde, um das Glück zu maximieren, müssten alle so viel Geld verdienen.

Leider sind Menschen nicht so gut in Mathe und bewerten ihre eigene Situation über Relationen, Vergleiche, Beziehungen. So haben auch Studien gezeigt, dass Menschen es bevorzugen weniger Geld zu verdienen, solange dies mehr ist, als andere bekommen. Die Alternative, mehr zu verdienen, wenn aber alle gleichviel bekommen, war dagegen weniger beliebt. Allein auf diesem Grundsatz ist materielles Glück überhaupt nicht für die breite Masse realisierbar. Dass Glück davon abhängt, wie viel besser man als andere dasteht, funktioniert nur, solange es Ungleichheiten gibt. Ist also Gleichberechtigung ein Feind des Glückes? Vielleicht… der Mensch ist flexibel und kann sich eventuell in der inneren Einstellung auch ändern und das Bedürfnis des Abwärtsvergleiches überwinden.

Glück und Mensch
Was sich aber nicht so leicht ändert, ist das Vertrauen in das Glück, ohne zu sehen, zu welchem Preis dies geschieht: Glück bedarf keiner Hinterfragung, keiner kritischen Betrachtung. Glück wird hingenommen, nicht angezweifelt und das bedeutet die bereits angesprochene Dystopie. Alleine Glück kann und darf nicht das höchste Ziel sein. Solange wir Menschen sind, ist es auch immer der Mensch, der im Vordergrund stehen sollte. Das reine Glücksstreben aber, wird den Menschen auf lange Sicht zerstören. Denn wenn das höchste Glück in einem einfachen Gefühl, in einem Zustand im Gehirn liegt, dann könnte man dies vielleicht irgendwann über ein Hormon, eine einfache Tablette erzeugen. Schlechte Gefühle werden einfach abgetötet und übrig bleibt Glück; ein falsches und fadenscheiniges Glück, aber dennoch Glück und davon viel mehr, als wir uns momentan vorstellen können.

Und das schlimmste: Wenn Glück das höchste Ziel ist, dann wäre die SNW das Idealmodell der Gesellschaft. Und weil’s so schön ist: tatsächlich ist Glück fähig die Fähigkeit zum Hinterfragen zu negieren. Wer glücklich ist, stellt keine Frage, ganz gleich ob es um Gerechtigkeit, Gleichberechtigung oder Fairness handelt. Ein künstliches Glück, könnte alle unsere Leiden lösen. Aber ist das wirklich das, was wir wollen können? Glück, um jeden Preis? Am Ende, würden wir uns nicht daran stören, würden vielleicht im ewigwährenden Somarausch niemals diese schöne neue Welt hinterfragen. Sollten wir nun also jenes Ziel umso vehementer Anstreben? Oder lehnen wir eine solche Welt ab, lehnen sie jetzt ab, solange wir noch fähig sind zu zweifeln und zu hinterfragen? Dann aber müssten wir ein neues Ziel definieren, ein Ziel, das mehr fordert, als bloßes Glück, das Bedingungen stellt, Ansprüche hat, ein Ziel, das jenseits des Glückes etwas zusätzliches bietet, etwas, das uns wenigstens genauso viel wert ist, wie das Glück – vielleicht sogar mehr!

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Hauptseite, Philosophie abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Können wir uns Glück leisten?

  1. David von Schewski schreibt:

    Hm, ist natürlich was dran. Das Hauptproblem ist vermutlich, dass wir Menschen mit unseren Gehirnen zwar eine rasante Entwicklung hingelegt haben – aber leider nicht alle Teile von uns diesem wahnsinnigen „Fortschritt“ folgen konnten. So wie wir immer noch Fett ansetzen, beispielsweise, weil unsere Körperkonstitution noch immer irgendwo in grauer Vorzeit herumdümpelt und nichts von Industrialisierung etc. weiß. Ähnlich mit dem Glück: es ist noch gar nicht lange her, da stand der Großteil der Menschheit verdammt früh auf und ging verdammt spät ins Bett. Und dazwischen lag: Schufterei. Nichts anderes. Erst seit einem guten Jahrhundert haben wir alle plötzlich soetwas wie „Freizeit“. Und mit der Freizeit beginnt das Problem – wie gestalten, wie nutzen. Ein nicht zu unterschätzender Druck, der da auf jedem Einzelnen lastet, fällt halt nur kaum noch auf. Die ganze Entertainment-Branche fußt in gewisser Weise darauf, dem modernen Menschen in dieser zu füllenden Freizeit kleine Glücksmomente zu verschaffen.

  2. David von Schewski schreibt:

    Waren es nicht die Epikureer, die uns auf den Weg gaben, unser Begierden möglichst klein zu halten, um die größten Glücksgefühle zu erhaschen? Das halte ich persönlich für die beste aller Lösungen. Problem: der Mensch hat in sich einige Anlagen, die ihn daran hindern, diese an sich so simple Losung zu verfolgen. Das Streben nach persönlicher Entwicklung, auch die Suche nach Sicherheit, nicht zu vergessen den arterhaltenden Konkurrenzkampf.

    • shuizid schreibt:

      Aber auch das zielt letztlich auf das Glück ab. Der technische Fortschritt bringt uns aber weiter. Damals war es undenkbar, dass etwas anderes als das Leben und Wirken Glück bringen könnte. Heute weiß man über Hormone und chemische Prozesse bescheid. Alleine um Glück zu erreichen, hat man damit zwar einen Vorschlag, aber wenn es nur um das Erreichen des Glückes geht, würden auch die Epikurer von dem künstlichen Glück überholt, das zu ihrer Zetit unvorstellbar war. Der Weg ist ein Vorschlag, aber das Ziel bleibt das Glück. Und solange nur Glück das Ziel ist und der Weg offen bleibt (so wie es auch hier um das höchste Glück geht und die Bescheidenheit nur eine persönliche Idee war), wäre die „Schöne neue Welt“ genaugenommen eine Utopie, alleine wegen des Zieles.
      Deswegen funktioniert das auch mit der simplen Losung nicht, das Ziel hat sich ja nicht geändert und wenn man mit künstlichem Glück die größten Glücksgefühle erreichen kann (was zweifellos für die allermeisten Menschen zuträfe), dann ist die Vorstellung eben überholt. Da spielen dann auch eventuelle genetische Veranlagungen keine Rolle, die indes auch einer genaueren Überprüfung benötigen würden, denn in erster Linie ist der Mensch ein im Sinne der Gesellschaft geformtes Wesen. So von der Erziehung beeinflusst, kann man nur wenig über den ansonsten sehr instinkarmen Menschen und dessen genetisches Programm folgern. Wie kann man diese angeblichen genetisch vorbestimmten Charakterzüge beispielsweise mit Kindern unter einen Hut bringen, die von wilden Tieren aufgezogen wurden? Die haben kein so irrationales Glücksstreben an den Tag gelegt, wie wir dies innerhalb der Gesellschaft tun.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s