Eine Ende – von was?

„Kaum ein vernünftig denkender Mensch bedauert den Tod von Bin Laden.“

Kaum einer? Dann möchte ich einmal in die Bresche springen und etwas am Tod von Bin Laden bedauern. Natürlich nicht als Sympathisant von Bin Laden oder seinen Verbrechen, sondern als genau das: ein vernünftig denkender Mensch.

Denn dass die Befürworter allesamt vernünftig denkende Menschen sind, wage ich ernsthaft zu bezweifeln. Alles Gejubel und der Trubel, wegen eines toten Terroristen? Wegen dem größten uns bekannten Terroristen? Das alles ist nur Schall und Rauch. Natürlich möchte ich hier nicht fadenscheinig die Menschenrechte hochhalten und diese wenig überzeugende „Aber es ist doch ein Mensch gestorben…“ – Leier runterbeten. Denn wer ist gestorben? Einfach ein Mensch? Nein, ein Terrorist, ja man möchte sagen DER Terrorist schlechthin.

Vom Freund zum Feind
Noch vor wenigen Jahren guter Freund der VSA Regierung, plötzlich Staatsfeind Nummer eins. Was ihn dazu machte? Massenmord und die Ablehnung nicht nur eines bloßen Staates, die Ablehnung unseres gesamten Weltbildes. Und mehr noch als eine bloße Abneigung: ein brennender Hass, verbunden mit dem Verlangen, uns und alles, was wir für gut und richtig halten, zu zerstören. Nun, er war also Terrorist und starb wie viele andere Terroristen im Kampf gegen den Terror. Doch ein Name ist mehr, als bloße Gesichter und deswegen ist der Einzelfall häufig viel tragischer, als so viele Tode davor und danach.

Selbes gilt für Bin Laden, denn er ist nicht der erste Terrorist, der getötet wurde. Im Kampf gegen den Terror sterben Menschen, vornehmlichst Terroristen, manchmal auch ein paar Zivilisten und gelegentlich Soldaten. Der Kampf gegen den Terror ist also ein Krieg, ein Krieg gegen Terror und Terroristen, ein Krieg gegen eine weltweit agierende Fraktion. Eine Fraktion, die aus vielen unabhängig arbeitenden Zellen besteht. Die Angehörigen werden über diverse Quellen angeworben, an zentralen Orten ausgebildet und dann mit einem Stempel als „Terrorist“ wieder auf die Welt losgelassen, wo sie fortan mit kaum Kontakt arbeiten. Während es erstaunlich ist, dass gewaltbereite Ottonormalverbraucher zwar wissen, wie sie in die Ausbildungslager kommen, unsere ausgebildeten Fachkräfte von Geheimdienst und Polizei es aber nicht schaffen, deren Aufenthaltsorte aus zu machen, verwundert es wenig, wie schwer die Verfolgung später wird, wenn kein intensiver Kontakt mehr besteht.

Danke Rechtsverletzung
Dennoch, mit Bin Ladens Tod ist ein großer Schlag im Krieg gegen den Terror gelungen. Aber daneben wurde auch eines ganz klar gezeigt: Im Krieg gibt es keine Regeln. Osama wurde nicht einfach entdeckt, nicht durch Nachforschungen, Observierung und investigative Höchstleistungen gefunden, sondern durch Folter. Die entscheidenden Informationen, um den Top Terroristen zu finden, wurden sich erkauft, indem man sich über die Menschenrechte hinweg setzte – jene eigentlich jedem Menschen zugehörigen und unveräußerlichen Grundrechte. Und weil’s so schön war, wurde natürlich auch der angeblich unbewaffnete Osama getötet und ohne Abschiedsgruß oder Foto binnen weniger Stunden im Meer versenkt.

Naja, wenigstens hat der Präsident es mit seinem Stab Live gesehen, also fast. Denn auch seine Videoverbindung brach angeblich kurz ab, genau dann, als die entscheidenden Schüsse fielen. Alles Zufälle? Ist Osama wirklich Tod? War er unbewaffnet? War es Mord? Nun, wenn er unbewaffnet war, dann war es zweifellos Mord. Denn niemand geringeres, als die ausgebildeten Elitesoldaten, die Männer aus Stahl, ohne Skrupel oder Gewissen, dafür mit Herzen aus Eis, sie haben ihn getötet. Ausgerechnet jene Elitesoldaten, die darauf trainiert sind, niemals zu verfehlen, keine Fehler zu machen, sie sind gescheitert. Sie konnten ihn nicht lebendig gefangen nehmen und durch einen unglaublich glücklichen Zufall gibt es kein Beweismaterial, das ihre Handlungen legitimieren könnte.

Die Folgen dieser Tat
Was heißt das nun für uns? Nun, dass Osama tot ist, dürfte vielleicht an sich wirklich niemanden stören. Was aber an seinem Tod stören sollte ist, wie reibungslos alles ablief. Folter, Überfall, Tötung, Vermeidung von Beweismaterial jeglicher Art. Und das alles für den Krieg gegen den Terror. Mit anderen Worten: Weil Osama ein Terrorist war, durfte für seine Tötung auf alle Skrupel, auf Alles, was uns lieb und heilig ist, verzichtet werden. Das Einzige, was wir seit dem zweiten Weltkrieg gewonnen haben, das höchste Gut, das wir Menschen uns anmaßten zu besitzen, die Menschenrechte, sie sind schlussendlich gefallen. Sie sind gefallen, in dem Krieg, der niemals einen Ort und eine Zeit hatte, ein Krieg, ohne Anfang und Ende, ein Krieg, der allgegenwärtig tobt.

Hier liegt das, was jeden vernünftig denkenden Mensch aufhorchen lasen sollte: Nicht alleine die Tötung eines Terroristen, der zufällig noch zu den Menschen zählt, ist ein Verlust, sondern dass für seinen Tod die Menschenrechte außer Kraft gesetzt wurden.

Das Größte
Und was war er? Ein Terrorist. So leid es einem auch tut, aber genau das war er, nicht weniger ABER: auch nicht mehr. Jenes einfache Wort hat ausgereicht, um ihm zuliebe unsere elementarsten Grundsätze zu übergehen. Und er ist nicht der letzte seiner Art, dafür aber ein Paradebeispiel, was wir doch erreichen können, wenn wir vergessen, dass wir Menschen sind. Wenn die Menschenrechte das höchste Gut sind, dass wir seit Menschengedenken besaßen, dann kann es nur einen Grund geben, sich darüber hinweg zu setzen: Etwas noch größeres. Und das wurde gefunden, nicht nur weit entfernt irgendwo im Osten, nicht einfach in der Wüste, in einem Kriegsgebiet, sondern überall: Der Terror. Der Terror ist Überall und nur weil Bin Laden nicht gerade vor unserer Haustür stand, bedeutet das noch lange nicht, dass vor unserer Haustür nicht trotzdem dasselbe geschehen sei.

Ich glaube nicht, dass Bin Ladens Tod unvermeidlich gewesen wäre. Und ich glaube nicht, dass sein Tod nur aus Zufällen bestand. Noch können wir uns freuen, aber worüber? Über den Tod eines Terroristen. Doch schon bald wird uns bewusst werden, zu welchem Preis wir diesen Sieg errungen haben: Zum Preis der Rechte, die uns am heiligsten waren, zum Preis der Menschenrechte. Der fade Beigeschmack des Sieges, ist der Preis, den wir zahlen müssen. Und wenn es im Krieg wirklich keine Sieger gibt, dann wird uns bald die Rechnung präsentiert.

Legitimation des Ilegitimen
Gefallen wird sie uns nicht, denn sie wird uns erzählen, dass Mord und Folter uns einen großen Dienst erwiesen haben. Und das für einen Krieg, der keine Grenzen kennt, ein Krieg, der überall stattfindet. Ein Krieg, der nicht nur weit entfernt, sondern auch direkt vor unserer Haustür stattfindet –  und dahinter. Der Tod des Terrorfürsten ist ein Punkt für die Aufhebung der Menschenrechte. Und wenn der Kampf gegen den Terror nun erfreulicherweise Folter und Mord legitimiert hat, wie wollen wir dann noch unsere Privatsphäre angemessen verteidigen?  Mit welchem Argument wollen wir uns gegen Eingriffe in die Privatsphäre wehren, wenn gerade Folter und Mord, also die beiden schlimmsten Verbrechen, zu denen Menschen fähig sind, ihre Berechtigung gefunden haben?

Der Tod Osama Bin Ladens ist das Ende seiner Terrorherrschaft und vielleicht der Anfang der Terrorherrschaft seiner Mörder.

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