Wie wir erkennen

Hier ein kleines Essay, das ich über „Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit“, die Seiten 57 unten (ab 4.), 58 (erster Abschnitt), sowie die Seite 76 von Humberto Maturana, im Zuge eines Seminars, geschrieben habe.

– Die Folgen der Erkenntnistheorie von Humberto Maturana –

Wie erkennen wir die Welt? Mit dieser Frage hat sich der Philosoph und Biologe Humberto R. Maturana beschäftigt. Er entwickelte auf Basis von Experimenten und Erfahrungen, ebenso wie aus dem Wissen über die Entstehung und Entwicklung des Lebens selbst im Verlaufe der Evolution eine Erkenntnistheorie, die sich vollständig auf die Funktionsweise des Gehirnes bezieht. Obgleich er ebenso als Begründer des radikalen Konstruktivismus gilt, distanzierte er sich selbst von dieser Anschauung. Der radikale Konstruktivismus geht davon aus, dass es überhaupt keine objektive Realität gäbe, sondern wir diese erst im Erkenntnisprozess erschaffen. Zwar erwähnt Maturana zusammen mit Valero des Öfteren die Erschaffung einer Welt im Erkenntnisprozess, doch im Gegensatz zum Konstruktivismus, negiert Maturana keine objektive Realität. Wir interagieren als Lebewesen mit ihr und doch erschaffen wir im Erkenntnisprozess eine andere Welt, eine Welt aus Sinneswahrnehmungen, welche die objektive Realität überhaupt nicht vollständig abbilden können. Dabei kommt er ohne jegliche Form einer metaphysischen Annahme aus und hält sich streng an die Fakten, die sich aus Versuchen und Experimenten ergeben. Im vorliegenden Text entwickelt Maturana dabei zwei Argumente, die sich vollständig auch aus seiner Erkenntnistheorie ergeben, wie er sie beispielsweise im Buch „Der Baum der Erkenntnis“ zusammen mit Francisco J. Valero entwickelt. Die Ultrakurzfassung davon lautet, dass das Gehirn aus den Signalen, die es normalerweise von den Sinnesorganen erhält, ein Bild der Welt generiert. Das Gehirn arbeitet dabei als strukturdeterminierte Einheit. Das heißt, es ist in sich eine vollständig arbeitende Einheit, die gemäß ihrer Beschaffenheit mit den aufgenommenen Signalen umgeht. Es wird nicht durch die Signale selbst determiniert, sondern durch seine eigene spezifische Struktur. Es kann somit auf identische Signale anders reagieren, als ein anderes Gehirn. Wie es dazu kommt, entwickelt Maturana in seinem Buch, was sich daraus für die Kommunikation, aber auch für den Umgang mit der Realität ergibt, führt er kurz in dem Textauszug des Readers  von „Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit“ aus.

Im ersten Textabschnitt, formuliert Maturana, dass Sprache konnotativ sei. Das bedeutet, dass jede sprachliche Einheit, also jedes Wort, keinen eineindeutigen Bezug zu einem realen Objekt besitzt, sondern stets die Möglichkeit einer Interpretation besteht. Das Gegenteil wäre eine denotative Sprache, in der jedes Wort einen unmissverständlichen Bezug zu einem einzigen realen Objekt hätte. Dass Sprache zweifellos konnotativ ist, ergibt sich aus Maturanas Erkenntnistheorie, dergemäß er auch das übliche Sender-Empfänger Prinzip in einen „Orientierenden“ und „zu Orientierenden“ abändert. Hierbei legt er natürlich besonderen Wert auf den kognitiven Bereich, also die Prozesse, die im Gehirn ablaufen und die sinnlichen Wahrnehmungen verarbeiten. Zugunsten der Verständlichkeit bediene ich mich der ursprünglichen Fassung. Unterhalten sich zwei Personen, haben wir zu einem Zeitpunkt einen Sender und einen Empfänger. Der Sender formuliert seine Gedanken in Worte und gibt diese mittels Sprache wieder. Diese Worte aber sind unabhängig davon, was sich der Sender bei ihnen gedacht hat. Obwohl diese Worte für den Sender eine ganz klare Bedeutung haben, verbleibt diese bei ihm, während der Empfänger bei ungestörter Kommunikation lediglich genau das hört, was der Sender gesagt hat. Er hört die Worte, nicht aber die Gedanken. Ohne aber zu wissen, was genau der Sender mit den Worten gemeint hat, kann die Botschaft nicht denotativ sein. Die Information nämlich, welche der Sender in die Worte gelegt hat, ist seine persönliche Einstellung zu den Worten, diese Information aber wird zu keinem Zeitpunkt Teil der akustischen Signale, welche den Empfänger erreichen. Diese spezielle Information verbleibt im kognitiven Bereich des Senders, während den kognitiven Bereich des Empfängers nur die Worte erreichen, die ausgesprochen wurden. Es gibt also „keine Übertragung von Gedanken vom Sprecher zum Gesprächspartner“. Es liegt im kognitiven Bereich, das heißt innerhalb der Gedankenwelt, des Empfängers, wie er die Worte versteht und ob er ihnen dieselbe Bedeutung beimisst, wie der Sender dies tat. Ob die Bedeutung mit jener identisch ist, die hinein gelegt wurde, hängt von weiteren Faktoren ab. Diese Faktoren sind es zugleich, welche im Folgenden mitverantwortlich dafür sind, dass Sprache fälschlicherweise als denotativ aufgefasst wird. Der wichtigste Punkt ist dabei ein „konsensualer Sprachbereich“ das heißt, eine gemeinsame sprachliche Basis. Für diesen Text ist die konsensuale sprachliche Basis Deutsch. Es handelt sich also um die Sprache, in welcher dieser Text formuliert wurde und zu der ebenso der Leser fähig sein sollte, um ihn verstehen zu können. Hier zeigt sich der banale Knackpunkt, die konsensuale Basis besteht beispielsweise daraus, dass man die gleiche Sprache spricht. Ohne eine solche Basis, wird die akustische Kommunikation ungleich schwieriger. Versucht man sich mit Menschen zu unterhalten, die eine andere Sprache sprechen, muss man auf andere Wege der Kommunikation zurückgreifen. Schnell greift man zu grammatikalisch inkorrekten Wortfetzen oder versucht mittels Mimik und Gestik zu kommunizieren.  Aber auch damit dies funktioniert, wird eine gemeinsame Basis benötigt, denn werden diese von der anderen Person falsch verstanden, was zweifellos möglich ist, da keine natürliche Sprache denotativ ist, dann ist keine Kommunikation möglich. Ohne irgendeine gemeinsame Kommunikationsbasis ist keine Kommunikation möglich. Hat man eine gemeinsame Basis, kann man auf deren Grundlage kommunizieren. Maturana bezeichnet im kommunikativen Prozess die Kommunikation selbst als primären Prozess, ein kooperatives Verhalten als sekundären Prozess. Das heißt, eine sich aus der Kommunikation ergebende Zusammenarbeit folgt erst, nachdem kommuniziert wurde. Es ist keine direkte Folge der Kommunikation, sondern der Einstellungen  der Kommunikationspartner. Muss man sich gezwungener Maßen mittels Handzeichen verständigen, so ist das erste Ziel, verstanden zu werden. Die daraus folgende Reaktion und eventuelle Zusammenarbeit jedoch werden alleine durch die Kommunikation nicht determiniert. Aus dem Beispiel gesprochen heißt das, alleine weil man fähig ist sich irgendwie zu verständigen, ergibt sich nicht automatisch eine Zusammenarbeit. Das gemeinschaftliche Vorankommen auch im kommunikativen Prozess funktioniert nur, wenn auch die Kommunikationspartner dazu bereit sind. Im Beispiel wird dies am ehesten erreicht, wenn man selbst die neue Sprache erlernt, indem man aus den Wörtern und Gesten die Zusammenhänge erkennt. Auch das jedoch ist kooperative Arbeit, denn sowohl die eigenen Bemühungen, als auch das Auftreten der Gegenüber bestimmen, in welchem Umfang dieses Vorhaben von Erfolg ist. Aber auch in der Sprache ist ihre denotative Form nur scheinbar vorhanden. Die Kommunikationseinheiten einer Sprache sind Wörter, welche über Definitionen in ihrer Form, Bedeutung  und Inhalt meist eindeutig, gelegentlich sogar eineindeutig festgelegt sind. Wer sich in dieser Sprache in einer Kommunikation befindet, wird diese als denotativ empfinden, was aber nur daran liegt, dass beide auf Basis derselben Definitionen arbeiten. Dennoch gilt auch hier, dass es im kognitiven Bereich des Empfängers liegt, beim Erhalt des akustischen Reizes auf die richtige Definition zurück zu greifen. Dass dies üblicherweise einwandfrei funktioniert, lässt die Sprache denotativ erscheinen, aber nur, weil die klar strukturierte Form dem Sprecher ermöglicht, seine Gedanken möglichst klar zu formulieren. Dennoch werden sie niemals Teil der Botschaft. Selbst dann gibt es also „keine Informationsübertragung durch Sprache“, sondern lediglich die gesprochenen Worte selbst werden übertragen, ohne dass ihnen irgendeine Information zuteil wäre, welche sich außerhalb des kognitiven Bereiches des Empfängers befindet. Ein weiterer Grund, warum Sprache als denotativ verstanden wird, ist zum einem, „dass der Sprecher stillschweigend voraussetzt, der Hörer sei mit ihm identisch“ sowie „vom Menschen erzeugte Kommunikationssysteme, bei denen die Identität von Sender und Empfänger implizit oder explizit durch den Hersteller definiert ist“[5]. Das zweite bezeichnet also konstruierte Beispiele oder aber technische Systeme, wie etwa Computer und auch Telefone, welche genau so konstruiert sind, dass ein Empfänger bei fehlerfreier Übertragung genau die Informationen erhält, welche der Sender abgegeben hat. Dass Menschen niemals identisch sind, ist zweifellos klar. Dennoch eröffnet die stillschweigende Annahme der Identität von Sender und Empfänger nur selten Probleme. Auch dies liegt an der sehr eindeutig gefassten Sprache, welche jedoch nicht die Eindeutigkeit und damit die Fehlerfreiheit einer Programmiersprache erreichen kann. An dieser Stelle spricht Maturana Widersprüche an, welche existieren und welche aufzeigen, dass es keine Identität zwischen Sender und Empfänger gibt. Häufig führt man die eigenen Gedanken so aus, wie man sie denkt, meinend auch der andere müsste sie genauso verstehen, wie man selbst. Dies geschah mir in der Abschlussdebatte, als ich annahm, jeder würde mit derselben Leichtigkeit die Widersprüche in der Kompatibilitätstheorie sehen, wie ich dies tat. Dies geschah auch, als die Auswertung preis gegeben wurde und viele sich über das Ergebnis wunderten und ebenso, als einer der Anwesenden meinte, die Juroren hätten zu sehr ihre eigene Meinung einfließen lassen. Jede dieser Äußerungen geschah in dem Glauben, jeder Zuhörer würde die eigenen Gedankengänge problemlos nachvollziehen können. Hier entsteht das Missverständnis, eben weil die persönlichen Einstellungen lediglich im kognitiven Bereich des Senders liegen und diesen niemals verlassen. Man spricht dann davon, dass jemand etwas falsch versteht. Wenn dies geschieht, zeigt das, dass Sprache nicht denotativ sein kann, denn wäre sie denotativ, würde jedes Wort eineindeutig Bezug zu einem bestimmten Ding in der objektiven Realität besitzen und damit wäre ein Missverständnis überhaupt nicht möglich. Weil aber Missverständnisse existieren, kann es keinen solchen denotativen Bezug geben und deswegen kann Sprache nur konnotativ sein. Aber eben wegen der gemeinsamen sprachlichen Basis erscheint sie häufig denotativ, solange bis diese Annahme zu Problemen führt.

Im zweiten Textabschnitt befasst sich Maturana mit den Folgen seiner Erkenntnistheorie und ebenso den vorangegangenen Ausführungen zur sprachlichen Kommunikation, für die Wahrnehmung der objektiven Realität. Wie bereits gesagt, betrachtet Maturana den Erkenntnisprozess auf der rein biologischen Basis, dergemäß unser Gehirn aus den erhaltenen Sinnesdaten ein Bild der Welt konstruiert, in welchem wir uns bewegen. Daraus ergibt sich das, was hier die erste Prämisse darstellt, nämlich dass „wir nichts über das aussagen [können], was unabhängig von uns ist“. Unabhängig heißt hier, dass keine Interaktion möglich ist. Die Festigkeit eines Gegenstandes können wir beispielsweise nur überprüfen, indem wir mit dem Gegenstand etwas tun, das eine gewisse Festigkeit voraus setzt. Ob eine Tasse stabil ist oder nicht, kann ich nur erfahren, indem ich die Tasse berühre, also mit ihr interagiere. Je nach dem, wie die Tasse gemäß ihrer physikalischen Beschaffenheit reagiert, lässt mich auf die Festigkeit schließen. Maturana spricht an dieser Stelle von Beschreibungen. Sie sind äquivalent zu den Definitionen in der Sprache, auch sie kennzeichnen ein Objekt, wobei Beschreibungen im Vergleich zu Definitionen individueller sein können. Etwas über ein Objekt auszusagen, bedeutet, es in bestimmter Weise zu beschreiben. „eine Beschreibung als Verhaltensweise repräsentiert lediglich in Interaktionen gegebene Relationen“. Bezogen auf die Tasse heißt das, um sie bezüglich ihrer Festigkeit zu beschreiben, muss sich vorher mit ihr interagieren, es muss also möglich sein, ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen der Festigkeit und meinen Handlungen her zu stellen. Daraus kann man dann eine Beschreibung generieren. Ohne die Interaktion, fehlt es an einer Grundlage, auf der man eine Eigenschaft beschreiben könnte. Hier nun kommt die Prämisse, welche Maturana vom Konstruktivismus abgrenzt, nämlich dass „die Logik der Beschreibung die gleich ist, wie die Logik des beschreibenden Systems“. Wir als Menschen sind das beschreibende System, wir erschaffen also die Beschreibung. Und beim Erschaffen der Beschreibung nutzen wir üblicherweise dieselbe Logik, wie innerhalb der Beschreibung. Damit wir mit etwas interagieren können, muss dieses etwas existieren, Maturana bezeichnet dies als Substrat. Dessen Notwendigkeit negiert der Konstruktivismus, weswegen Maturana also von diesem ganz klar zu trennen ist. Dabei hält sich Maturana ganz klar an das, was nicht widerlegt werden kann, weswegen er nicht behauptet, es gäbe ein Substrat, sondern dass man behaupten könne, es sei notwendig. Das heißt, obwohl an dieser Stelle die Abgrenzung zum Konstruktivismus stattfindet, hält sich Maturana auf dem sichersten Standpunkt und räumt ebenso dessen Möglichkeit ein, weil er die Unmöglichkeit des Substrates nicht ausschließt. Dennoch bleibt er für seine Ausführungen auf der Basis des Vorhandenseins einer objektiven Realität. Das erkennt man daran, dass er sagt, man könne dieses Substrat „hinsichtlich seiner vom Beobachter unabhängigen Eigenschaften nicht kennzeichnen“. Dies ergibt sich aus dem bereits Gesagten, aber eben weil er sagt, es könne vom Beobachter unabhängige Eigenschaften besitzen, widerspricht er dem Konstruktivismus, der eine solche Möglichkeit überhaupt nicht zulässt. Nun ergibt sich daraus, dass wir über Gegenstände, die von uns unabhängig sind, nichts aussagen können. Erst wenn wir sie in ein Abhängigkeitsverhältnis bringen, können wir Beschreibungen und damit Aussagen generieren. Eine Welt aus Objekten, die von uns unabhängig sind, kann man nur annehmen, aber eben wegen dem Vorangegangenem nicht beweisen. Deswegen spricht Maturana hier von einer „Fiktion des rein deskriptiven Bereiches“. Weil die von uns erfahrene Welt  nur aus Beschreibungen besteht, liegt auch Maturanas nächster Schluss nahe, den Begriff der Realität eben auf jenen Bereich der Beschreibungen anzuwenden, denn was darüber hinaus geht, stellt trotz der persönlichen Einstellung immer nur eine Fiktion dar, die nicht bewiesen werden kann. Weil wir aber ein Substrat annehmen, können wir mit diesen Beschreibungen interagieren, annehmend es seien von uns unabhängige Gegenstände. Obwohl wir um mit ihnen interagieren zu können, sie in ein Abhängigkeitsverhältnis bringen müssen, zeigt auch die Erfahrung, dass selbst wenn sich die Gegenstände nicht in dem Verhältnis befinden, sie keine später erkennbare Veränderung vollziehen. Also auch wenn meine Tasse eine Woche im Schrank steht, ohne das ich sie jemals sehe, so wird sie nach dieser Woche mit ziemlicher Sicherheit immer noch im Schrank sein, sofern keine andere Person damit hantiert hat oder andere äußere Einflüsse auf sie eingewirkt hätten. Dabei kann ich aber nur dann etwas über die Tasse aussagen, wenn ich wieder mit ihr interagiere. Weil wir nur eine Welt aus Beschreibungen haben, erübrigt sich demgemäß auch die Frage nach dem Gegenstand der Erkenntnis, eben weil es, wie bereits festgestellt, nicht möglich ist, etwas über diesen Gegenstand aus zu sagen. Denn Aussagen können wir nur mittels Beschreibungen machen, die wir in Interaktionen generieren, wobei wir also genau genommen die Eigenschaften der Interaktion beschreiben und nicht etwa den Gegenstand selbst. An dieser Stelle greift Maturana auf Wittgenstein zurück, welcher bereits anmahnte, dass man über das, worüber man nicht reden könne, schweigen müsse. Und da Wissen nur im Bereich der Beschreibungen möglich ist, erklärt Maturana Wissen neu, als Fähigkeit „in einer individuellen oder sozialen Situation adäquat zu operieren“. Hierbei wird kein Bezug zu einer objektiven Realität gezogen, sondern Wissen innerhalb der Welt aus Beschreibungen, in der wir schließlich leben, erklärt. Anstatt damit jedoch den Erkenntnisprozess in irgendeiner Form beschränken zu wollen, spricht Maturana davon, „dass wir durch Beschreibungen die Komplexität unseres kognitiven Bereiches unbeschränkt vergrößern können“. Das liegt am Isomorphismus der Beschreibung und des beschreibenden Systems. Wegen diesem Isomorphismus können wir nicht nur mit den Beschreibungen wie mit normalen Gegenständen interagieren, auch sonst ändert sich für den reinen Umgang nichts. Der Unterschied ist nicht die Handlung, sondern die Anschauung, anstatt zu glauben, wir hantieren mit einer objektiven Realität, müssen wir uns gemäß Maturana dessen bewusst werden, dass alles was uns erscheint, lediglich das Produkt der Arbeit des Gehirns ist und damit sogar bereits verarbeitete Informationen von den Sinnesorganen. Weil also die Welt, die wir kennen, sich nur in unserem kognitivem Bereich befindet, ist auch die Komplexität, welche wir bisher der objektiven Realität zuschrieben nun eine Beschreibung im kognitiven Bereich. Um zu verstehen, was Maturana damit meint, dass man unseren kognitiven Bereich unbeschränkt vergrößern kann, lässt sich wohl am ehesten damit erklären, dass man das Einfachheitsprinzip zurate zieht. Dieses wissenschaftliche Prinzip besagt, dass unter einer Menge an Beschreibungen immer jene zu bevorzugen ist, welche gleichgute Ergebnisse bei der geringsten Anzahl an zusätzlichen Annahmen liefert. Dieses in der Wissenschaft gültige Prinzip gilt natürlich nur dort, nicht aber in der persönlichen Weltanschauung. Zusätzliche Annahmen sind aber jederzeit möglich und dementsprechend ist jederzeit eine Erhöhung der Komplexität möglich. Dabei sei zu erwähnen, dass Maturana von Unbeschränktheit spricht. Sie unterscheidet sich von dem Begriff der Unbegrenztheit. Begrenzt ist etwas dann, wenn es einen klaren Punkt gibt, über den man nicht hinaus kann. Unsere Vorstellungen sind immer auch an Erfahrungen gebunden und ebenso gibt es viele Dinge, die wir uns nicht vorstellen können. Dies bildet eine Grenze, während wir zugleich innerhalb dieser Grenzen keinerlei Einschränkungen besitzen, welche der Komplexität unserer Vorstellungen auferlegt wäre. Auch hier zeigt sich wieder, dass sich im Ergebnis durch die Anschauung nichts ändert, denn ebenso wie eine Weltanschauung bei Annahme der Arbeit mit einer objektiven Realität beliebig komplex aufgebaut werden kann, so kann sie dies auch, wenn wir unsere Erlebniswelt als Beschreibungen von Sinneswahrnehmungen auffassen. Ebenso ergibt sich aus dem Isomorphismus, dass alle uns bekannten logischen Prinzipien gelten, ebenso wie Determinismus und Voraussagbarkeit. Sie gelten aber ebenso nur im Bereich der Interaktionen. Wie bei der Tasse im Schrank, über die ich nur solange Aussagen bezüglich Determination und Voraussagbarkeit machen kann, wie ich mit ihr interagiere. Solange sie im Schrank steht, ist es mir nicht möglich, mit Sicherheit zu sagen, was mit ihr geschieht. Doch sowie ich mit ihr interagiere, folgt sie allen uns bekannten Gesetzen der Voraussagbarkeit und Determination, auch wenn ich die Tasse nicht als objektiven Gegenstand sondern als Beschreibung von Interaktionen betrachte.

Letztendlich zeigt Maturana in seiner Argumentation etwas sehr Interessantes, er beschränkt sich vollständig auf Zusammenhänge, die nicht angezweifelt werden können, verbleibt dabei abseits der Metaphysik und kommt eigentlich am Ende ohne etwas Überraschendes aus. Es ist eine sehr fundierte und zugleich einfache Theorie, welche die Welt, in der wir leben, überhaupt nicht ändert und doch wird sie eine vollkommen andere. Maturana ändert mit seien Erkenntnistheorie und ebenso mit den hier aufgezeigten Folgerungen, dass die Welt selbst sich durch die neue Anschauung nicht ändert, ebenso wenig unser Verhalten in ihr. Man sieht sie lediglich in einem neuen Licht. Er zeigt sehr anschaulich, wie Sprache eigentlich funktioniert und was ihr Bedingungen sind, um wenigstens nahezu einwandfrei funktionieren zu können.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Philosophie abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s