Der Model und das Freak

Ah, sie ist wieder da, die einzige echte Lehrsendung für schüchterne Stubenhocker, die auch gerne mal zum Stich kommen wollen. Die Sendung, in der aus langhaarigen Individualisten ohne bemerkenswerte Sozialkontakte oder feminine Begleitung, ein anderer Mensch wird. Viel genauer sollten wir das Ergebnis auch nicht fassen. Und weil ich mich selbst doch wenigstens Anteilig mit den vermeintlichen Freaks identifizieren kann, schaut man ja gerne mal, wie man sich denn von dieser Gruppe lösen kann.

Models
Das Beisein eines Models ist ja zweifellos nicht sonderlich notwendig, nachdem Models dafür bezahlt werden, aus zu sehen und zu laufen, bringen sie wenig Eigenschaften mit, die tatsächlich zur Änderung der Persönlichkeit anderer Menschen herangezogen werden können. Natürlich hofft man als Zuschauer darauf, dass neben den paar Herausforderungen, Effekten, eingespielter Musik und diesen unglaublich wichtigen Interviews, die einem jedes mal aufs neue zeigen, dass diese Menschen sich allesamt nicht sonderlich unerwartet verhalten, am Ende eine große Veränderung im Raum steht. Allerdings wird man doch drastisch enttäuscht…

Die Entfreakung
Tatsächlich scheint einen Freak genau dies aus zu machen: Angst und lange Haare. Und weil genau das einen Freak ausmacht, ist es auch genau das, was angegangen wird. Die Angst wird mittels ein paar ausgelutschter Besuche im Vulkan von Babelsberg besiegt, indem man ein paar Sekunden mit einem brennenden Cape rumläuft. Klar, ein brennendes Stück Stoff auf dem Rücken ist irgendwie gefährlich, aber da man das selbst festhält und in gefühlten 3 Lagen feuerfesten Materials steckt, heißt das: selbst wenn man dumm genug ist, das Teil nicht los zu lassen, dürfte es vermutlich noch eine Minute dauern, bis man sich bemerkenswerte Verletzungen zuzieht. Und weil zu allem Überfluss in nicht sichtbaren 10 Meter Entfernung Sicherheitspersonal rumsteht, dürfte die Gefahr, also selbst wenn man sich wie der erste Mensch anstellt, minimal sein.

Aber ok, das ist ja nur ein Aspekt. Wobei natürlich erwähnt sein muss, dass darauf hingearbeitet wurde, mit anderen Mutproben, sonst bekommt man nämlich die Sendezeit nicht voll. Was noch? Ja, die Haare, oder besser das Outfit. Das ist die Stelle, an der aus einem Individualisten ein Stückchen Einheitsbrei gemacht wird. Aus einem jungen Mann, mit langen Haaren und einem komischen 3Tagebart, wird halt irgendwas anderes. „Irgendwas“ ist dabei natürlich sehr genau gefasst und gerade deswegen nicht sonderlich individuell, sondern eher geeignet um sich zur Rushhour in der Fußgängerzone zu verstecken. Haare werden gekürzt, ein bisschen Gel reingeklatscht, dazu noch die miserable Idee des Bartes entfernt und fertig ist das neue Gesicht. Und das tolle daran ist, man erkennt es nicht wieder! Zu mindestens nicht, im Vergleich zu vorher.

Wenn man allerdings durch besagte Fußgängerzone geht, könnte man dies schon das eine oder andere Mal gesehen haben. Aber natürlich ist die Entfreakung noch nicht zuende, denn danach muss noch der Ausdruck des individuellen Musikgeschmackes entfernt werden, indem teure Bandshirts durch noch teurere Modeklamotten ersetzt werden. Im Schnelldurchlauf werden dann 3 Stile durchgenommen, wobei man schließlich, wie bereits zu erwarten war, irgendwas mit Wiedererkennungswert aus der Fußgängerzone nimmt. Am Ende noch die dezente Brille durch einen klobigen Brotzen ersetzt, weil das gerade in Mode ist und Mode ja bekanntlich nichts mit gutem Aussehen zu tun hatFertig ist die Entfreakung!

Und dafür die Model
Die Kleinigkeiten, die fehlen, wurden indes vom Model übernommen. Also, natürlich hat man irgendwann, als man mal das Haus mit dem Freak verließ, ein Mädchen getroffen, das der untervögelte junge Herr halt irgendwie attraktiv fand und das man bestenfalls später schutzlos auffindet, um ihm den Typen auf den Hals zu hetzen, damit er ein paar belanglose Worte mit ihr wechselt. Die weitere Verkupplung übernimmt dann aber, wie es sich gehört, die allseits gegenwärtige Kupplerin, auch genannt „das Model“.

Also für den optischen Aspekt ist es sicherlich von Vorteil, ein Model dabei zu haben. Diese sind irgendwie mit dem Mainstream verbandelt und wurden mit einer Art drittem Sinn für Mode ausgestattet. Und weil der Freak ja nur aus langen Haaren und Angst besteht, macht sie das mit den Haaren schon klar. Die ausgelutschten Mutproben kann man auch schnell zusammensammeln, wenn man mal im Branchenbuch blättert. Ansonsten empfiehlt sich immer ein 10 Meter Brett und sowieso Babelsberg – letzteres war mir aus den letzten Staffeln schon bekannt aber scheint immer noch zu funktionieren, was so viel bedeutet wie „Ihnen ist nichts besseres eingefallen“. Das spricht natürlich für deren Qualität, das möchte ich hier nicht in Abrede stellen, gleichwohl aber auch für Unkreativität der Autoren.

Finale, wohoo
Naja, sie haben ihr bestes gegeben und am Ende ein unglaubliches Ergebnis gehabt: Der ehemals 22jährige Stubenhocker mit langen Haaren und zu viel Angst war nun… Naja, er war immer noch 22 und wird aus der Überwindung seiner Ängste nicht sonderlich viel mitgenommen haben, sofern er nicht mal in die Verlegenheit kommt, in fetten Schutzanzügen eine brennende Decke tragen zu müssen. Die Arbeit an seinen Hobbies war wohl bestenfalls subtil, so dass auch der Stubenhocker in ihm keine langanhaltende Änderung erfahren hat. Dass sein Smalltalk vergaß die Fragen nach Alter oder Wohnort zu stellen, ist auch kein weiteres Problem, denn darum hat sich ja das Model gekümmert, weil es natürlich vollkommen unwichtig ist, den Schritt vom ersten miserablen Smalltalk bis zum Date selbst zu vollziehen.

Ja, der Freak war besiegt: Weder seine Hobbies, noch sein Auftreten haben sich zwar bemerkenswert verändert, noch ist er kontaktfreudiger geworden oder hatte am Ende der Sendung eine bemerkenswerte Änderung der Persönlichkeit vollzogen, so dass seine Unfähigkeit Emotionen zu zeigen auch an keiner Stelle angegangen wurde. Aber was soll’s! Das gutherzige Model war am Ende der Sendung froh, wieder einem Freak geholfen zu haben. Zwar war sein erstes Gespräch mit dem jungen Mädchen nach weniger als einer Minute vorbei aber hey, vielleicht schafft er es ja, als sie am Ende fröhlich in der Kutsche saßen, ihr 3 Minuten lang davon zu erzählen was er alles in den letzten Tagen gelernt hat! Und das ist indes keine Kritik an ihm, denn so viel Stoff hat er nicht, um damit die 3 Minuten zu füllen.

Danach? Nun gemessen an seinen vorherigen Künsten in Sachen Smalltalk und Unterhaltung, die gesamte Sendung hindurch, ist nach allerspätestens 5 Minuten Schluss. Denn selbst wenn die junge Dame Interesse an dem neuen Aussehen zeigt, mit den Hobbies „Physik und Killerspiele“ wird sich die durchschnittliche Frau kaum beeindrucken lassen (vermutlich nicht einmal, obwohl die junge Dame selbst Physik studierte). Sollte sie ihm dann einen Korb geben, steht er da, ohne neue Kontakte, ohne veränderte Persönlichkeit und neuerdings auch wieder ohne seine treue Begleiterin, die ihm gesagt hat, was er alles tun soll. Denn Eigeninitiative ist etwas vollkommen anderes, als einen Auftrag aus zu führen.

Gelernt?
Tja, also was haben wir gelernt? Nun, zur Entfreakung bedarf es eines Termins in Babelsberg, sowie eines kurzen Einkaufs samt Frisörbesuch. Da fragt man sich, wer von den beiden Gestalten eigentlich wirklich der Freak war…

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