Die Autorität und das Argument

Wenn man häufig diskutiert, kommt man irgendwann in die Verlegenheit, sich nicht nur mit den Argumenten des Gegenübers auseinander zu setzen, sondern auch manchmal einfach nur Mit Namen und Bezeichnungen, die gerne als Ersatz für eine gesamte Argumentationskette verwendet werde, so als ob sie einen besonderen Status inne hätten, dass ein Wort mehr sagt, als alle Gedankengänge, zu denen man selbst in der Lage wäre.

Woher aber kommt die Autorität, wer gibt einer Person diesen Status und inwiefern ist dies von Vor- oder auch Nachteil?

Eine Autorität
Im ersten Moment denkt man bei der Autorität natürlich an eine Person, die bestenfalls ein bestimmtes Fachgebiet hat, auf diesem viel gearbeitet und geleistet hat und deren Ergebnisse vertreten, sowie mit dem Namen untermauert werden oder deren Name selbst bereits die gesamte Argumentation enthalten soll. Die menschliche Autorität besitzt also die Eigenschaft, mit etwas gearbeitet zu haben und zwar so, dass man dieser Person zutraut, Fachwissen zu besitzen und deswegen ein angemessenes Urteil fällen zu können. Und eben weil dieser Person also eine Fachkompetenz zugesprochen wird, kommt sie gerne als Argumentative Stütze zum tragen. Das ist im ersten Moment etwas Gutes, schließlich wird dieser besondere Status meist mit dem Lebenswerk begründet, das heißt, diese Personen haben zuweilen ihr ganzes Leben damit zugebracht, sich auf einem bestimmten Gebiet weiter zu bilden und es wäre wirklich schade, wenn daraus für andere kein Nutzen erwüchse. Weiterhin erlaubt natürlich die Tatsache, dass sich jemand damit beschäftigt hat, den Zugriff auf eine Menge an Wissen, das man nicht selbst erst neu generieren muss, sondern das direkt und bereits fertig ausformuliert zur Verfügung steht. Als drittes nun kann man über solche Autoritäten tatsächlich Zeit sparen, denn die Autorität ist zumeist auch insofern bekannt, als dass alleine die Erwähnung des Namens ebenso direkt mit dem Lebenswerk und der Meinung assoziiert wird. Bei Einstein denkt fast jeder sofort an die Relativitätstheorie und deren zentrale Aussage. Man muss dies üblicherweise also nicht erst langatmig ausführen, sondern kann direkt sagen „Newton ist falsch weil Einstein“ (grobfahrlässig vereinfacht).

Ultrakursfassung
Und wegen der Einleitung kommt nun offensichtlich der Aspekt, der gegen die Autorität spricht. Denn was passiert in dem Beispielsatz? Offensichtlich wird eine ausführliche Theorie samt Argumentation einfach durch einen Namen ersetzt. Wie aber nun geht die Diskussion weiter? Namen hin und herwerfen, bis jemand keine mehr einfallen? Es findet eine Immunisierung statt, weil die Autorität der Person als unumstößlich im Raume steht. Was genau hat Einstein denn gesagt und inwiefern ist dies logisch schlüssig? Der eigentliche Diskurs erfährt hier einen Bruch, denn anstelle eines ausgeführten Argumentes, steht nur noch ein Name im Raum. Und dieser Name nimmt dem Sprecher die gesamte Arbeit ab und belastet den Gegenredner ungemein, denn der muss, um weiter zu kommen, erst eine große Analyse machen, bevor es weiter gehen kann. Was in Physik noch absurd wirkt, wird in gesellschaftlichen Themen schnell offensichtlich. Steht einmal ein Name im Raum, steht hinter diesem Namen eine breite Theorie, die nicht richtig sein muss, deren Widerlegung aber viel mehr Arbeit des/r Widerlegenden verlangt als des/r Sprechers/in (von der/m ja nur ein Name genannt wurde) und zwar selbst dann, wenn die Theorie offensichtliche innere Widersprüche besäße. Diese nämlich muss man dann zur Widerlegung erst selbst ausarbeiten, anstatt sie den Worten des/r Sprechers/in entnehmen zu können. Das heißt, sobald eine Theorie sich auf einem Feld bewegt, auf dem stets berechtigte Zweifel möglich sind, ist die Autorität ein fadenscheiniges Argument.

Verfälschung
Weiter hinzukommt, neben dem Ungleichgewicht auch, dass eine solche Autorität gerne einmal überschätzt wird. Das heißt, dass das Vertrauen in die Autorität als notwendig hingestellt wird, ohne dass eine genaue Analyse stattgefunden hat, ob dies überhaupt angebracht ist. Aus der Schule weiß man, dass alle Gegenstände auf der Erde gleich schnell fallen, weil Galileo das herausgefunden hat. Dabei ist das so gar nicht korrekt, Galileo hat dies nur vermutet. Der berühmte Beweis, dass man eine Feder im Vakuum fallen lässt, war für Galileo technisch überhaupt nicht durchführbar. Er konnte den Luftwiderstand im Experiment nicht beseitigen und kam also nicht umhin, die Ergebnisse leicht zu verfälschen. Zwar hatte er Recht, aber dass er das hat, ergibt sich nicht aus dem, was er getan hat. Eben deswegen ist die Argumentation mit der Autorität schwierig, weil die Untersuchung fehlt, ob die Person gemäß ihrer Arbeitsweise und Bildung überhaupt wirklich geeignet ist, um eine These entsprechend zu vertreten. Gerade in der modernen Zeit fällt dies besonders auf, wenn es um die Geschlechterrollen geht. Es gibt keinen standfesten wissenschaftlichen Beweis darüber, dass Frauen und Männer fundamental verschieden seien. Es gibt lediglich ein paar Einzelfälle über beschnittene Jungen, denen aus Versehen das Genital verödet wurde und die dann zu Frauen gemacht wurden. Das aber sind nur eine handvoll Fälle und diese liefern nicht einmal ein eindeutiges Ergebnis. So gab es solche Jungen, die danach wieder Männer sein wollten aber auch solche, die sich danach für das Frauendasein entschieden haben. Alle Autoren, die aus solchen Einzelfällen aber versuchen allgemeingültige Ergebnisse zu ziehen, machen sich damit selbst lächerlich. Allem voran, weil es sogenannte Baby-X Versuche gab, in denen Probanden das (angebliche) Geschlecht eines neutral gekleideten Babys gesagt wurde und man dann beobachtete, wie sie sich dem Kind gegenüber verhielten. Die angeblichen Jungen und Mädchen werden grundsätzlich anders behandelt und es ist dann natürlich wenig verwunderlich, wenn sie darauf basierend auch eine andere Persönlichkeitsstruktur entwickeln.

Wenn’s schön klingt…
Dennoch erfreuen sich alle dessen, dass irgendwelche Autoritäten nun bewiesen hätten, dass Frauen und Männer so ganz total verschieden sind und dies am besten noch auf die Steinzeit zurückführen können. Und mit der Steinzeit fängt auch sogleich eine neue Ebene an, die Autorität, nicht einer Person sondern einer andersartigen Einheit der Umwelt. Die Steinzeit wurde in jüngsten Forschungen zur Autorität jeglichen menschlichen Verhaltens schlechthin auserkoren. Warum sind Männer aggressiv, warum stehen Frauen auf rosa, wieso sind die einen so emotional, die anderen so Fußballfanatisch, warum rauchen die einen Vanillezigaretten, die anderen Zigarren… Ja, das alles weiß die Steinzeit und wenn man nur lange genug hinschaut, findet man schon irgendwas, das irgendwie passt und fertig ist die neue Sozialtheorie, die besagt, der Mensch hat sich seit den letzten paar Jahrtausenden überhaupt nicht geändert. Wie da Ausnahmen reinpassen? Nun dafür wird natürlich die nächste Autorität zurate gezogen: „Ausnahmen bestätigen die Regel.“ Auch Sätze werden zu Autoritäten, besonders solche Sätze, die schön klingen und oft gesagt wurden. Und jetzt fragen wir uns einmal: WIE kann eine Ausnahme eine Regel denn überhaupt bestätigen? Die Antwort ist simpel: gar nicht. Und wer kam auf die Idee, solchen Blödsinn zu erzählen? Vollständig heißt das eigentlich „Die Ausnahme bestätigt die Regle in den nicht ausgenommenen Fällen.“ Das heißt, erst durch die explizite Feststellung einer Ausnahme, kann man eine Bestätigung der Regel sehen. Ein „verkaufsoffener Sonntag“ etwa deutet darauf hin, dass Sonntage üblicherweise nicht verkaufsoffen sind. „Kaltes Eis“ wiederum ist keine Ausnahme, sondern die Regel.
Ansonsten eignet sich aus Gründen der Logik „Ausnahmen überprüfen die Regel.“ wobei das erste die Regel als „übliche Form“ meint, das zweite als „Gesetzmäßigkeit“.

Negative Autorität
Eine solche Hinterfragung wird aber durch Autoritäten häufig verdeckt. Wenn jemand Autorität ist, so gilt dies einfach und die Hinterfragung ist sogar unerwünscht. Gerade für uns Deutsche aber gibt es noch eine ganz besondere Autorität, eine Einheit, die wie keine andere fähig ist uns sofort einheitlich an einem Strang ziehen zu lassen, vorzugsweise dagegen: Die Nazis. So hat das Argument mit ihnen auch gleich einen eigenen Namen bekommen, nämlich die Nazikeule. Alles was die Nazis getan haben ist, eben weil es die Nazis getan haben, sofort schlecht. Beliebt sind dabei natürlich verwendete Symbole, Kleidungsstil, Frisuren, Auftreten und die berühmtesten Sprüche der Konzentrationslager. „Jedem das sein? Das haben doch die Nazis gesagt, das ist total falsch.“ und Arbeit macht sowieso nicht frei… Problem ist nur, beide Sprüche sind ja eigentlich gar nicht falsch. Das „Seine“ ist kein fester Begriff, sondern es gibt Vorstellungen darüber, für wen denn was das „seine“ sei. Die Nazis haben für die einen den gewaltvollen Tod als das ihnen zugestehende gesehen, heute sehen wir uns Banker an und sehen deren gigantische Gehälter als etwas, das ihnen auf jeden Fall nicht zustünde. Und wie Arbeit frei macht weiß man spätestens dann, wenn man einmal arbeitslos ist.

Wer, wie, wann, warum, wo und wtf?
Die Autorität aber vermag wegen solcher Assoziationen fehler zu überdecken. In dem Moment, in dem ein Argument nicht mehr danach beurteil wird, WAS es sagt, sondern WER es gesagt hat, hört die offene Diskussion auf. Natürlich kann eine Autorität manchmal ganz nützlich sein, doch sehr häufig geht dahinter etwas Wichtiges verloren, werden Fragen darüber, ob denn dies tatsächlich eine berechtigte Autorität ist übergangen.

Es wäre schön, wenn die Autorität und das Argument tatsächlich eine sich Gegenseitig ergänzende Einheit bilden würden, doch sehr oft ist eben dies nicht der Fall. Allein weil jemand etwas gesagt hat, muss dies nicht richtig sein. Nicht einmal dann, wenn diese Person sich lange damit beschäftigt hat oder damit berühmt geworden ist. Man kann schließlich selbst über Generationen hinweg etwas falsch machen, die Frage ist nur, welche Folge diese Falschheit hat. War es für die Entwicklung von Kindern gut diese zu schlagen? Heutzutage verneinen wir diese Frage üblicherweise, dennoch wurde eben dies über lange zeiträume praktiziert, eben weil die Konsequenz nicht so gravierend auffiel. Und der Erfolg? Nun, der Erfolg gibt einem ja üblicherweise Recht, da mag man nicht dran zweifeln. Dran zweifeln darf man aber, WORIN er genau Recht gibt. Hat Mario Barth mit seinem sexistischen Rumgehampel Recht? Einfache Antwort: Nein. Aber die Leute fressen ihm aus der Hand, sie glauben ihm und seinen Reden, weil sie glauben WOLLEN dass die Welt so einfach funktioniert, dass Männer und Frauen einfach verschieden auf die Welt kommen. Das einfachste Weltbild ist den einfachen Leuten das Liebste. Genau das bieten Vorurteile, bieten Autoritäten, bieten Gewohnheiten: Einfachheit und Sicherheit. Die Welt ist aber nicht einfach und um dieser Erkenntnis Rechnung zu tragen, sollte man nach Möglichkeit darauf verzichten, ein Argument wegen irgendetwas anderen zu bewerten, als den klaren und konkreten Inhalt.

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