„Survival of the fittest“

Ich weiß, ich habe in der Vorstellung geschrieben, dass dieser Blog nach Möglichkeit auf Deutsch geschrieben wird, sofern es nicht unumgänglich ist. Dabei ist die Übersetzung „Überleben der Stärksten“ doch total billig und einfach… Aber auch falsch.

Die von dem Biologen Darwin aufgestellte Evolutionstheorie und ihr Grundsatz „Survival of the fittest“ ist wohl einer der mit Abstand am häufigsten fehlinterpretierten Sätze unserer modernen Zeit.
Am Ende dieses Eintrages werden geneigte Leser/innen nicht nur Wissen, was eine Tautologie ist, sondern auch, warum dieser berühmteste Ausspruch von Darwin trivial ist und wieso der Sozialdarwinismus überhaupt nichts mit Darwin zu tun hat.

Etwas Logik
Fangen wir mit dem Einfachsten an: die Tautologie. Dabei handelt es sich um eine logische Konstruktion, die immer wahr ist. Eine logische Konstruktion besteht aus Aussagen und Sätzen, die in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen. Und weil ich Beispiele, solange sie existieren, gegenüber komplizierten Ausführungen bevorzuge, folgt nun eine Tautologie: Entweder es regnet oder es regnet nicht.

Dieser Satz ist (natürlich bezogen auf einen bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit) immer wahr. Damit er falsch würde, müsste es zugleich regnen UND nicht regnen, was sich natürlich gegenseitig ausschließt und somit nie passieren kann. Eine solche Tautologie ist leicht zu erkennen, weil sie einfach alle Möglichkeiten aufzählt und irgendeine IMMER eintreffen muss.

Andere Tautologien, wozu auch Darwins Ausspruch gehört, haben die Form: Liebende lieben. Auch dies ist sehr einfach und natürlich immer wahr. Diesmal ist es aber keine Aneinanderreihung von Möglichkeiten, sondern eine redundante, also überflüssige Information. Überflüssig ist es deswegen, weil „Liebende“ darüber definiert sind, dass sie „lieben“ – eine zusätzliche Erwähnung dessen ist also eigentlich nicht nötig. Wird sie gemacht, kann sie die Aussage natürlich unmöglich falsch machen, weil diese Information bereits vorher enthalten war. Aber erst durch die Zufügung wird ein Satz draus, der wegen der Bedeutung der Wörter aber nicht falsch werden kann. Denn wenn jemand nicht liebt, so ist dieser jemand kein Liebender und damit von dem Satz nicht betroffen.

Zu den Fittesten
Wie nun kann „Survival of the fittest“ eine solche Tautologie sein? Als erstes muss man dafür verstehen, dass „fittest“ nicht von „fit“ als „Stark“ kommt, sondern von dem englischen „fit in“ also „hineinpassen“. Dann nämlich wird aus dem Satz „Überleben der Angepasstesten“. Ist das schon automatisch wahr? Waren Säugetiere besser angepasst als Dinosaurier? Die Frage liegt nahe, ist aber falsch gestellt.

Weil eine Tautologie immer wahr ist, muss jeder Überlebende immer auch besser angepasst gewesen sein. Wie aber konnten kleine Säugetiere besser angepasst sein, wo sie doch zweifellos von den Dinosauriern dominiert wurden? Zu dem Punkt kommt man, wenn man eine entscheidende andere Frage übersieht: Angepasst WORAN? Und hier kommt die Tautologie: Angepasst an die Umstände, in denen sie überlebt haben.

Fehlinformation: wird überarbeitet!
Dann nämlich kommen wir zusammen, zu dem Punkt, den Darwin dereinst erkannt hat, als er die Darwinfinken beobachtete, deren früchtereiche Heimatinsel unterging und die sich neu auf kargem Fels ansiedeln mussten, um zu überleben: „Es überleben diejenigen, welche sich in der gegebenen Situation angepasst haben.“ Oder kurz: „Es überleben diejenigen, die überleben.“ Damit haben wir eine Tautologie, die perfekt zu Darwins Beobachtungen und der bisherigen Evolutionsgeschichte passt. Kann das aber stimmen, kann Darwin tatsächlich so etwas gemeint haben? Gegenfrage: Kann er etwas anderes gemeint haben? Er hat Vögel beobachtet, Finken um genau zu sein. Kleine schwächliche Tiere, die sich von Früchten und Nüssen ernährt haben. Nach dem Untergang ihrer Insel haben sie angefangen größeren Vögeln die Eier zu stehlen oder ihnen die Gelenke auf zu hacken, um sich von dem eiweißreichen Blut zu ernähren. Finken also, die sich gegen größere und zweifellos stärkere Vögel durchgesetzt haben. Gleichwohl sind auch bestimmte Finken ausgestorben. Jene welche sich von Nüssen ernährten und deren Schnabelform nicht geeignet war, um Flügel auf zu hacken oder zerschlagene Eier auf zu lecken. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie stärker waren oder nicht, denn nicht Stärke sondern die Beschaffenheit der Schnäbel, hat ihren Untergang oder eben Fortbestehen besiegelt. Wie also sollte Darwin darauf kommen, dass körperliche Stärke das ausschlaggebende Merkmal sei, welches das Überleben sichert, wenn doch sein Forschungsobjekt, die Darwinfinken, sich durch ganz andere Merkmale ihr Überleben sicherten oder untergingen?

Weder sozial noch Darwinismus
Und damit kommen wir schließlich zum Sozialdarwinismus. Dabei handelt es sich um eine Theorie welche versucht die natürliche Auslese auf den Menschen zu übertragen. Sozialdarwinismus geht einher mit Ausgrenzung, Diskriminierung und eventuell auch gleich aktiver Bereinigung des Genpools, sprich Tötung. Und natürlich bedient man sich des Darwinismus und dem Überleben der „Stärkeren“. Aber warum fordert jemand ein solches Vorgehen? Im Selbstverständnis des Menschen sind wir von der Natur losgelöst, das heißt von natürlichen Mechanismen, welche eine Art durchsetzungsfähig halten, funktionieren beim Menschen nicht mehr.

Wo in der Natur schwache Tiere „ausgelesen“ werden, hat der Mensch Pflegekräfte erfunden. Wer bei uns Schwach ist, wird nicht im stetigen Kampf ums Überleben gefressen, sondern wird durch andere versorgt. Und weil wir ja Hawking haben, wird das alles halt gerechtfertigt, denn Hawking hat gigantische Fortschritte in unserem Versuch alles zu verstehen geliefert – wenigstens was die unbelebte Natur und maßgeblich die Physik betrifft. Nur dumm, dass Hawking ja ein Physiker ist, der seinesgleichen sucht und als eine solche extreme Ausnahme nicht zur Rechtfertigung genügt. Nur weil Verbrecher auch rückfällig werden können, wird ja auch nicht jeder Kleinkriminelle auf ewig hinter Gitter gesperrt. Aber braucht es denn überhaupt eine Begründung, um Schwache zu pflegen?

Wenn man gegen Sozialdarwinisten vorgehen will, müsste man dies ja eigentlich können… Oder aber man zeigt, dass die Theorie selbst absurd ist. Dass Stärke nichts mit Überleben zu tun hat, haben wir bereits festgestellt. Aber was hat es mit der natürlichen Auslese auf sich? Häufig wird übersehen, wie sie eigentlich funktioniert und welche Bedeutung ihr zukommt. Als erstes muss man feststellen, dass „natürliche Auslese“ nicht etwa irgendwie funktioniert, indem ein Mechanismus existiert, welche Kranke und Schwache aktiv aussondert. Hier hilft das Verständnis des Prinzips der Natur: „Fressen oder gefressen werden!“. Warum das geeignet ist? Weil es in wenigen Worten erfasst, was die belebte Natur eigentlich ausmacht, ein stetiger Kampf ums überleben. Und wer in diesem Kampf nicht bestehen kann? Nun, wer das nicht kann stirbt. Die Kranken und Schwachen werden also nicht durch einen bestimmten Prozess ausgelesen, sondern Krankheit und Schwäche werden gerade dadurch gekennzeichnet, dass jene Tiere nicht fähig sind den stetig anstehenden Anforderungen gewachsen zu sein. Die natürliche Auslese funktioniert nicht, weil alle Tiere bewusst darauf achten, Dinge aus zu lesen, sondern weil sie nach bestimmten Prinzipien vorgehen, denen gemäß die Schwachen auf der Strecke bleiben. Es ist aber etwas anderes, ob man im Sport schwache Schüler bewusst ausliest, oder ob man mittels gestellter Aufgaben ausliest, wer schwach ist und wer nicht. Ersteres funktioniert nämlich schon deswegen nicht, weil man ja erst die Schwachen finden muss, bevor man sie auslesen kann. Und was machen Sozialdarwinisten? Nun, sie wollen Schwäche vorwegnehmen, wollen Schwäche definieren, ohne dabei aber den Wirkmechanismus der natürlichen Auslese zu erfassen. Die natürliche Auslese ist die Folge des Umstandes, dass die Kranken und Schwachen nicht fähig sind, den anstehenden Anforderungen gewachsen zu sein. Sie sterben also nicht etwa, um die Art zu schützen oder zu erhalten, sondern weil sie im stetigen Überlebenskampf unterlegen sind. Die Gesundheit der Art ist dabei lediglich ein Nebeneffekt. Sozialdarwinisten aber stellen eben diese Gesundheit vornan, so als gäbe es irgendeine göttliche Instanz in der Natur, die entscheidet, was für eine Art gesund sei und was nicht. Eine solche Instanz gibt es aber nicht, so dass es gar keinen Grund gibt an zu nehmen, eben jene müsse durch die Sozialdarwinisten in der menschlichen Gesellschaft ersetzt werden. Schlimmer noch: Der Ansatz des Kampfes und der Fähigkeit, den gegebenen Anforderungen gewachsen zu sein, schließt den Menschen nämlich überhaupt nicht aus. Das heißt, die Gesundheit der Art, wie sie Sozialdarwinisten anstreben, ist für die menschliche Gesellschaft überhaupt nicht notwendig. Wir werden natürlich ausgelesen, wenn man so möchte. Nur sind die gestellten Anforderungen einfach nicht so hart, wie in der Natur. Es besteht kein so harter Bedarf an einer Auslese, weil unser Leben nicht so hart ist, wie in der Natur. Das heißt aber nicht, dass es keine natürliche Auslese bei uns gäbe sondern nur, dass unser Überlebenskampf sich unterscheidet. Tiere müssen sich primär Gesundheitlich gegeneinander behaupten. Das ist für Menschen nicht mehr notwendig, wir haben dafür ganz neue Mechanismen gefunden, um untereinender gegenseitig zu behaupten. Beim buhlen um ein Weibchen müssen wir uns nicht gegenseitig die Köpfe einschlagen, sondern haben andere Mittel und Wege, um uns gegenseitig zu behaupten. Diese neuen Wege sind unsere natürliche Auslese, sind unsere neuen Anforderungen. Es ist nicht mehr alleine auf die körperliche Beschaffenheit beschränkt, sondern auch auf die psychische, die Persönlichkeit. Dass sind unsere neuen Mechanismen, das ist es, was wir uns evolutionär angeeignet haben, das ist unser Fortschritt. Und weil dem so ist, ist auch dies genau das, was uns eben weiterhin darwinistisch natürlich ausliest. Der Sozialdarwinismus hat eben gerade deswegen nichts mit Darwin zu tun, weil das was Darwin einst als Mechanismen erkannte auch noch beim Menschen wirkt, nur haben sich bei uns die konkreten Ausprägungen verändert, die Mechanismen sind deswegen aber nicht verschwunden.

Das heißt, die geforderte Auslese ist überhaupt nicht notwendig, weil die natürliche weiterhin wirkt. Ihr Ergebnis fällt selbstverständlich vollkommen anders aus, als in der belebten Natur, weil die Beschaffenheit der belebten Natur eine vollkommen andere ist, als in der menschlichen Gesellschaft.

Und damit also der finale Satz: Der Sozialdarwinismus hat deswegen nichts mit Darwin zu tun, weil er nicht etwas aus der Natur ersetzt, dass es beim Menschen nicht gäbe, sondern weil es beim Menschen etwas einführen will, dass es in der Natur nicht gibt.

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