Was macht eine ideale Lehrperson aus?

Die erste Frage nun, die sich im Zusammenhang mit dem Portfolio stellt ist ebenso eine, die bereits in der biographischen Selbstreflexion anklang und deren Bedeutung vermutlich auch schon in der Vorlesung Erwähnung fand. Eine Frage, deren Bedeutung für die eigene Zukunft als Lehrperson natürlich eine unvergleichlich hoch ist.

Umso höher, wenn man bedenkt, dass Untersuchungen über die Bewertung des Verhaltens von Lehrpersonen sowohl von Schülern/innen, als auch Lehramtsstudenten/innen erhebliche Gemeinsamkeiten zeigen. Das ist in diesem Falle schlecht, weil die befragten Studenten/innen in höheren Semestern waren und dementsprechend wissenschaftlich fundierte Antworten hätten liefern müssen, die sich stark von denen der Schüler/innen unterscheiden müssten. Eben das taten sie nicht, was also heißt, dass die eigene Vorstellung in den meisten Fällen viel prägender ist, als der gesamte wissenschaftliche Zugang, den man erhält… was für eine selten dämliche Grundeinstellung…

Was ich nicht weiß…
Wie dem auch sei, weil andere so sind, sehe also auch ich mich genötigt, mich mit dieser Frage auseinander zu setzen. Also, wie muss eine Lehrperson denn meiner Meinung nach sein? Nun, da hätten wir… nichts. Im Gegensatz zu meinen Kommilitonen versuche ich das bisher marginal erlangte Wissen zusammen mit dem zu verbinden, was ich mit einer grundlegenden Vorstellung über die Beschaffenheit der Persönlichkeit einer Lehrperson mit ins Studium genommen habe: Nichts. Denn ich bin tatsächlich offen für die Eindrücke und Erfahrungen, für die wissenschaftlichen Ergebnisse, welche mit dieses Studium vermittelt werden sollen. Diese Offenheit geht natürlich damit einher, dass ich keineswegs ein konkretes Bild über die Persönlichkeit einer Lehrperson habe. Woher schließlich sollte ich dieses Bild haben, mangelte es mir doch bisher an den entsprechenden Grundlagen, um ein solches Bild zu konstruieren. Das heißt, alleine aus der Beschaffenheit meiner ehemaligen Lehrpersonen und deren Akzeptanz im Klassenverband und mehr noch bei mir, kam es mir nie in den Sinn, daraus auf das Bild einer idealen Lehrperson zu schlussfolgern. Jede dieser Personen war vielleicht für mich, vielleicht für andere und manchmal auch für niemanden von besonders prägendem Charakter. Das jedoch, ist eine subjektive Wirkung, die maßgeblich von den individuellen Schülern/innen geprägt wurde, nicht von der Lehrperson. Eine Abstraktion daraus wäre also ebenso ein Bild aus Schülersicht und damit nicht repräsentativ für eine Schülergruppe. Mir ein solches Bild an zu eignen, wäre also im Weiteren vollkommen atypisch für mich.

Wie nun an die Frage rangehen und mehr noch daran, wie ich plane dieses Bild für mich zu erreichen?
Also benötige ich wohl einen anderen Zugang. Wenn ich nicht weiß, WIE ich als Lehrer werden will, so sollte es mir doch dennoch gelingen auf eine Idee zu kommen, warum ich diesen Beruf anstrebe. Als Lehrer versuche ich vorhandene Fertigkeiten zusammen mit einem Ideal zu verbinden, dem Ideal, etwas für die Zukunft zu tun, in irgendeiner Form die Zukunft mit zu gestalten. Dafür bieten die Philosophie und später der Ethikunterricht wohl die beste Möglichkeit, denn an diesem Ort habe ich zu mindestens die theoretische Möglichkeit, tatsächlich eine Gruppe an Menschen zu formen. Nicht etwa in meinem Sinne, keineswegs möchte ich anderen eine bestimmte Art und Weise zu denken aufdiktieren. Aber ich möchte ihnen eben das Denken, das Reflektieren über die eigenen Handlungen und die eigene Rolle in der Welt nahe legen.

Das also ist das erste, was eine Lehrperson meiner Meinung nach mitbringen muss, den Willen Menschen zu formen oder besser noch anzuregen. Formen könnte ja noch eine bestimmte Form als Ziel einräumen, aber eben darauf will ich nicht hinaus. Damit dies funktioniert, kommt man (auch dies ist ebenso eine erste Übernahme von wissenschaftlichen Erfahrungen) nicht umhin eine Autorität zu sein. Das heißt die ideale Lehrperson sollte ein Ideal zur positiven Formung der Schüler/innen haben und ebenso oder gerade deswegen (dafür) eine Autorität gegenüber den Schülern/innen darstellen. Die Autorität sollte dabei auf einer von den Kindern und Jugendlichen befürworteten Basis beruhen, nicht etwa auf der reinen institutionellen Gewalt der Schule. Das heißt, die Autorität muss von den Lehrempfängern/innen aus einer persönlichen Einstellung und nicht aus der Unterordnung der äußeren Instanz erfolgen. Damit einher gehen zwangsläufig gewisse persönliche Eigenschaften, vorrangig Freundlichkeit und Gerechtigkeit. Denn nur wenn die Autorität auch Merkmale mitbringt, die den Schülern/innen gleichwohl entgegen kommen, kann die Anerkennung funktionieren. Niemand wird gerne ungerecht behandelt, und auch ein unbegründetes unfreundliches Verhalten erzeugt natürlich den Eindruck ungerechtfertigt zu sein.

Als dritte Eigenschaft nun kommt natürlich das, was den Beruf der Lehrperson am meisten prägt, die Vermittlung von Wissen. Auch für diese bedarf es einer anerkannten Autorität, welche an dieser Stelle aber ebenso über die Darstellung der eigenen Kompetenz erlangt werden kann. In der zukunftsgerichteten Schulentwicklung spielt dabei die Fähigkeit der Vermittlung eine besonders große Rolle und zwar der Vermittlung zwischen den Schülern/innen, und nicht etwa zwischen Schülern/innen und dem Wissen. Denn der frontale Unterricht scheint in seiner Beschaffenheit durch andere Lehrmethoden überholt zu werden und eine ideale Lehrperson muss sich natürlich entsprechend den weiteren Entwicklungen in der Feldforschung ergeben. Man darf sich also keineswegs, zu keiner Zeit von der eigenen subjektiven Sicht dominieren lassen. Denn diese Sicht wurde erworben, als man Schüler/in war, wurde erworben in Hinblick auf eben jene Lehrpersonen, die einen selbst am meisten angesprochen haben. Das geht natürlich mit dem Problem einher, dass wenn man deren Stil kopiert, man auch mit hoher Wahrscheinlichkeit nur Personen anspricht, die so sind, wie man selbst dereinst war. Eine Gruppe an Menschen aber, die sich in verschiedenen Aspekten unterscheiden, könnten durch einen solchen Stil in Teilen ausgeschlossen werden.

Was die Wissenschaft so alles weiß
Das mag absurd klingen, tatsächlich aber zeigt bereits die Einführung in die pädagogische Psychologie, dass Menschen in bestimmten lernrelevanten Eigenschaften ganz verschiedene persönliche Einstellungen haben – Einstellungen und Ausprägungen, die auf identische Umstände ganz verschieden reagieren können. So kann ein Lob für die einen von fundamentaler Bedeutung sein, so dass selbst kleine Fortschritte nach Anerkennung schreien. Andere wiederum können auf Lob abweisend reagieren, ganz gleich wie groß ihr persönlicher Erfolg sein mag. Die Entwicklung der Persönlichkeit weist mehrere Stufen auf, Stufen, die natürlich fließend ineinander übergehen und nur abseits der Grenzbereiche wirklich festgestellt werden können (und auch dies vielleicht nur in einer kontrollierten und damit im Unterrichtsalltag nicht realisierbaren Umgebung). Eine ideale Lehrperson müsste irgendwie einen Weg finden oder den gefundenen Weg der wissenschaftlichen Untersuchung beschreiten, um möglichst viele Schüler/innen mit dem persönlichen Stil zu erreichen. Man muss also offen sein für Veränderungen, offen für verschiedene Charaktere, für verschiedene Bedürfnisse, für verschiedene Anforderungen, die von verschiedenen Schülern/innen gestellt werden. Glücklicherweise tendiert die moderne Schule dazu, den frontalen Unterricht, an dem die Schüler/innen die Lehrfigur an der Tafel beobachten, auf zu brechen und miteinander arbeitende Kleingruppen zu fordern. Gruppen, die für sich arbeiten, in denen Schüler/innen zugleich Lernende UND Lehrende sind. Und hier tritt die Lehrperson eben als Vermittler zwischen Schülern/innen auf, weil der Stoff von den Schülern/innen, soweit als möglich, selbst erschlossen wird. Wobei auch dies natürlich nur einen momentanen Stand kennzeichnet, dessen bisherige Ausformulierung (hier) noch nicht Schultypspezifisch vorgenommen wurde. Das heißt, ich räume durchaus ein, dass dieses Bild, das ich habe, gar nicht übergreifend für alle Klassenstufen angemessen sein mag.

Ein dickes Fell
Eine nicht zu verachtende, weitere, GROßE Stärke die eine angehende Lehrperson mitbringen muss ist indes Toleranz. Und zwar vorrangig eine Frusttoleranz. Denn als Lehrperson wird man zwangsläufig in einem ganz zerbrechlichen Feld aus vielen Verschiedenen Interessen von vielen verschiedenen Interessengruppen stehen. Man hat die höchst unschöne Aufgabe zwischen Schülern/innen, dem Lehrstoff, den Eltern, der Gesellschaft, der Wirtschaft, den eigenen Ansprüchen, der Politik und der Zukunft zu stehen. Alles Felder, die keine statischen Einheiten bilden, sondern einem ständigen Wandel unterliegen, derweil sie sich auch noch gegenseitig beeinflussen. Und als Lehrperson steht man zwischen den Fronten und zwar nicht als Vermittler/in, sondern als jemand, der/die angehalten ist ALLE irgendwie zufrieden zu stellen.

Daneben nun die zweite, zentrale Frage: Wie möchte ich eine eben solche Lehrperson werden? Welche Wege möchte ich dafür bestreiten? Der elementare Punkt ist natürlich jener, welcher sonst vernachlässigt wird: Die zielorientierte Auseinandersetzung mit den Erkenntnissen der Forschung über die Entwicklung der Psyche vornehmlichst (wegen der gewählten Schulform) von Jugendlichen. Damit einhergehend angeratene Unterrichtsformen, Verhaltensformen und ebenso die angemessene Formulierung von Aufgabenstellungen. Das alles ist Stoff, den ich aus der Vorlesung, aber auch aus Erlebnisberichten ziehen muss. Und Stoff, den ich mir persönlich zu Eigen machen muss. Hier nun kommt der eventuell schwierigere Aspekt zum tragen: Es ist wahrscheinlich, dass die Beschaffenheit meiner Persönlichkeit im Moment nicht vereinbar ist mit den Anforderungen, die ich an eine ideale Lehrperson stelle. Das heißt, es ist möglich, dass ich zur Erreichung der Ziele Eigenschaften an den Tag legen muss, an denen es mir momentan noch mangelt. Für diesen Fall also räume ich ein, einer graduellen Veränderung meiner Persönlichkeit offen zu stehen. Sollte dies nicht genügen, so muss ich wohl in erster Linie Raum dafür schaffen, eine Lehrperson zu den vorhanden Selbstbildern meiner persönlichen Vorstellung hinzuzufügen. Das ist eine verträglich Position, denn die Änderung meiner Persönlichkeit ist etwas, dass sich nur schwer in der Innenschau vertreten lässt, weil die Änderung des Selbst zugleich von dem gewollt wird, das verändert werden soll. Wird die Änderung als positiv betrachtet, so kann nicht gleichzeitig dasjenige, das diese Änderung fordert negativ sein. Ist etwas positiv und notwendig, so kann es nicht gleichzeitig negativ sein. Wir kommen also zu einem klassischen Widerspruch, wenn man annähme, die Änderung der eigenen Persönlichkeit könnte vollumfänglich positiv sein. Die Schaffung einer Rolle indes ist, als Erweiterung der Persönlichkeit, nicht weiter kritisch. Die Rolle kann in den Grundzügen der eigenen Persönlichkeit geformt, gleichwohl aber an gestellte Anforderungen ausgerichtet werden. Auf diese Art und Weise behält man die eigene ursprüngliche Beschaffenheit in großem Umfang, denn die leichte, graduelle Änderung kann vollzogen werden, ohne jene Punkte zu berühren, welche das oben erwähnte Problem erzeugen. Man kann also Teile der eigenen Persönlichkeit ändern, sofern dies ins Gesamtkonzept passt, denn diese keine große Berührung mit den Eigenschaften haben, die zuvor als positiv eingestuft wurden. Und da Menschen in verschiedenen Situationen verschiedene konkrete Ausprägungen der Persönlichkeit an den Tag legen (eine Art Rollenerfüllung, die an gegebene Situationen angepasst wird), stellt auch die Erzeugung einer weiteren solchen konkreten Ausprägung kein Problem dar, sofern sich dies in Anlehnung an gewisse persönliche Eigenschaften vollzieht.

Rollen und Erfüllung
Das klingt zweifellos viel komplizierter, als es sich tatsächlich darstellt. Faktisch funktioniert die Rollenerfüllung üblicherweise einwandfrei, selbst wenn es um die Erzeugung neuer Rollen geht. Wir beginnen meist mit einem vorsichtigen Tasten, das binnen kurzer Zeit über verschiedene Mechanismen eine Rolle etabliert, die dann im Weiteren automatisch abgerufen und ausgeführt wird. Das Problem ist also nicht, eine Rolle zu bilden. Das Problem ist zum einem die graduelle Änderung der eigenen Persönlichkeit zugunsten der Erfüllung der gestellten Aufgaben an eine Lehrperson. Graduell deswegen, weil es höchstgefährlich für die eigene psychische Gesundheit ist, sich zugunsten der Rollenerfüllung zu sehr von der eigenen Persönlichkeit zu entfernen. Auch gerade deswegen spielt die bewusste Gestaltung des Rollenbildes der Lehrperson eine so hohe Rolle.

Die besondere Stellung der Bewusstheit sei als solche für den Moment hin zu nehmen, auch wenn die ausformulierte Betrachtung zum „Ich“ im philosophischen Teil noch nicht bis zu der Sonderstellung des Bewusstseins in der kognitiven Arbeit vorgedrungen ist.

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