Kein Zivi für alle Fälle

Die Reform der Bundeswehr hat etwas vollbracht, das bisher für Deutschland nicht denkbar schien: Die Abschaffung der Wehrpflicht!Wegen der strategisch ausgezeichneten Lage in der Mitte von Europa und somit spätestens seit der Wende umgeben von Verbündeten, war die kriegerische Aufbereitung des Arsenals wenig sinnvoll. Nicht nur, dass wir eine schützende Hülle haben, die uns vor Angriffen von außen schützt, Angriffe innerhalb richten sich ebenso gegen den ganzen Staatenverbund und somit sind wir auch dagegen geschützt. Einzig also für den Katastrophenschutz und Einsätze im Ausland war die Bundeswehr gut, wofür aber weder Aufwand noch Ausgaben je in diesem Umfang gerechtfertigt waren. Trotz alledem haben wir weiterhin fleißig aufgerüstet und jedes Jahr trotz knapper Haushalte auch ein paar Milliarden Euro in Kriegsmaterial investiert. Knappe Sozialkassen? Unwichtig, wir brauchen noch ein paar Eurofighter…

Freiwillig größer Pflicht ?!
Immerhin kam der große Schritt, die Reform der Bundeswehr, die Abschaffung der Wehrpflicht zugunsten von Freiwilligkeit. Und zwar keine pseudo- Freiwilligkeit, wie dies der Zivildienst war, sondern ECHTE Freiwilligkeit. Man steht nicht vor der Wahl Pest und Cholera, beziehungsweise Drill und Billigpflege. Die Alternative lautet nun: Bundesfreiwilligendienst, irgendwas mit der Bundeswehr oder eben: Karriere. Und anstelle der erzwungenen Freiwilligkeit für den Zivildienst, vertraute man in der viel zu oft propagierten Leistungsgesellschaft plötzlich auf so etwas Uneigennütziges, wie die echte Freiwilligkeit. In einer Gesellschaft, in welcher sich Leistung vornehmlich deswegen lohnt, weil (auch unfreiwillige) Nichtleistung sich möglichst wenig lohnt, ist Freiwilligkeit natürlich ein unglaublich tragbares Prinzip. „In der Schule lernt man lesen, schreiben, rechnen und betrügen.“ um einen Dozenten zu zitieren.

Die Leistungsgesellschaft schert sich seit jeher einen feuchten Dreck um die Pflege, um intrinsische Interessen oder Uneigennützigkeit. Ein Erbe, das wir als angehende Lehrpersonen auch schön an die nächsten Generationen weitergeben (müssen -.- ). Wir, die wir an der Schnittstelle von der Gegenwart zur Zukunft stehen, stehen unglücklicherweise auch an der Schnittstelle zwischen der Leistungsgesellschaft und deren zukünftigen Akteuren. Akteure, die bereits früh lernen müssen, dass sie Dinge nur tun, um später daraus Vorteile zu ziehen. Noten waren nie einfach nur ein Abbild der erbrachten Leistung, sondern vornehmlichst auch der Schlüssel für die Zukunft und wenn man Pech hatte, wurden damit Türen verschlossen, statt geöffnet. Und als Lehrperson wird man natürlich dazu angehalten, genau diese Auslese weiter zu führen.

Oh grausig Wunder
Dann natürlich sollte es niemanden wundern, wenn die sozialen Dienste plötzlich dastehen und ihnen die Freiwilligen ausgehen. Manch einer stimmt das Liedl’ an, man hätte einfach früher um Freiwillige werben müssen. Andere weisen darauf hin, dass auch die Zivis natürlich niemals sicher waren. Und manch einer glaubt, das Problem liege einfach in der noch unvollständigen Umsetzung der Reform, welche bisher noch viele Fragen offen ließ. Das alles aber, übersieht etwas, das einst ein Kommilitone sagte „Ich habe mir gedacht, ich mache jetzt mal etwas, dass ich nie wieder machen will.“ Die Entscheidung für den Zivi hatte stets zwei Anreize, der erste und wichtigere war natürlich, nicht zur Bundeswehr zu müssen. Der Zweite war, etwas einmal tun zu wollen, etwas EINMAL zu sehen, das man nicht wiederholen wollte. Einen Einblick in etwas zu erhalten, das tatsächlich noch etwas mit einer Alltagsrealität zu tun hat, während die Bundeswehr in vielerlei Hinsicht ein Spaßverein war.

Die Anforderungen waren für einen echten Einsatz zu leicht, für den Alltag in der Bundeswehr aber zu hoch. Was man tat, ergab bezogen auf die Aufgaben der Bundeswehr recht wenig Sinn und in der Regel war nach 3 Monaten allgemeiner Grundausbildung die Luft raus und man saß die restliche Zeit sowieso eher ab. Derweil also der erste Grund flach fällt, funktioniert der zweite auch dann noch, wenn das Negativbeispiel AGA fehlt. Also kein Problem?

Eine kleine Frage
Von wegen, denn auch dem zweiten Grund fehlt etwas, das in der Reform niemanden interessiert hat: Die Notwendigkeit der Wahl. Wer von uns saß denn schon einmal am eigenen Schreibtisch und hat überlegt, ohne erkennbaren Grund, die eigene Tastatur aus dem Fenster zu schmeißen? Alle die jetzt mit „Ich“ antworten, sollten den Besuch eines Psychologen zurate ziehen. Alle anderen dürfen sich jetzt überlegen, ob sie denn nicht einmal ihre Tastatur aus dem Fenster schmeißen wollen. Nehmen wir der Einfachheit einmal an, die meisten Menschen entscheiden sich dagegen, dies zu tun. Dann wurde eine ganz natürliche Entscheidung gefällt, nämlich die, den eigenen Besitz nicht ohne konkreten Anlass zu zerstören. Das Interessante, man hat auch zuvor die Tastatur nicht aus dem Fenster geschmissen, die Entscheidung nun also hat dasselbe Ergebnis, wie die gesamte Zeit zuvor, in der die Frage nicht einmal aufkam.

Bis zur Fragestellung hat also niemand daran gedacht, die Tastatur aus dem Fenster zu schmeißen und sich dennoch dafür entschieden, dies nicht zu tun. ABER man hat für einen Moment darüber nachgedacht, eventuell sogar für den Bruchteil einer Sekunde abgewogen, ob man es nicht doch tun solle. Die jungen Menschen nun stehen nicht mehr vor der Wahl, stehen nicht mehr zwischen den Alternativen eines militärischen Drills und einer zivilen Beschäftigung. Die Notwendigkeit, sich zu entscheiden, ist weggefallen. Genau so, wie bei der Tastatur, sind die jungen Menschen nicht mehr direkt mit der Frage konfrontiert, ob sie denn ein Jahr als Zivildienstleistende verbringen wollen. Und selbst wenn, so sind sie vorzüglich von der Leistungsgesellschaft darauf aufmerksam gemacht worden, dass man Dinge tut, um später etwas davon zu haben. Sofern man aber nicht gerade vor der Entscheidung steht, ob man einen sozialen Beruf ergreifen will (also sich diesbezüglich noch nicht entschieden hat) tendiert der Nutzen der freiwilligen Tätigkeit gegen Null.

Warum sollten Schüler/innen, denen bis dato nahe gelegt wurde „Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.“ (dieser Satz wird im Schulalltag häufig verfälscht dargestellt) plötzlich überlegen etwas total Nutzenneutrales zu tun? Das wurde ihnen in der Schule nicht beigebracht, da gab es nur Leistungsgesellschaft, Notendruck und Karriereorientierung. Gesellschaftliches Engagement aber war stets nur für einen Bruchteil interessant. Was seit jeher ein soziales Defizit in der Schulbildung darstellte, manifestiert sich jetzt natürlich umso stärker, da nun nur noch eben jener Bruchteil, der von vorneherein freiwillig tätig war, dies auch weiterhin ist. Ohne Zwang und mit dem momentanen Bild der Leistungsgesellschaft ist der Bundesfreiwilligendienst aber nicht zukunftsfähig.

Eine Idee
Also alles schlecht und nur ein bisschen Rumgeheule? Nein! Denn genau hier bot das Finale einer Zeitdebatte vor wenigen Jahren eine wunderbare Idee. Eine Idee, die bis heute so modern ist, dass eine reaktionäre Politik niemals auf so etwas kommen würde. Eine Idee, die nicht nur schaut, wovon wir wegwollen, sondern vor allem, wo wir hinwollen! Die Idee heißt: Sozialpflicht. Die Sozialpflicht als Ersetzung der Wehrpflicht, die also das alte Prinzip nicht Ersatzlos streicht, sondern den Schwerpunkt verlagert und es dadurch ECHT ersetzt. Der BFD ist kein Ersatz, da kann man wohl so ziemlich jede soziale Einrichtung fragen, die bisher Zivis beschäftigt hat. Die Sozialpflicht aber würde das Problem der mangelnden Freiwilligen gar nicht erst aufkommen lassen.

Die Logik ist erschreckend simpel: Wenn ich Menschen zwinge, zwischen zwei unangenehmen Alternativen zu entscheiden, so wird zwangsläufig eine Wahl für eine der beiden Alternativen getroffen. Die freiwillige Wahl zwischen den beiden Alternativen ist eben grundverschieden von der freiwelligen Wahl, für diese Alternativen im Gegensatz zur zielorientieren Karriereentwicklung. Wenn man weiterhin Pflegekräfte braucht, aber an der Bundeswehr sparen möchte, so wäre es natürlich eine intelligente Idee hin zu einer offenen Gesellschaft und einem warmen Sozialklima, fortan den Dienst an der Waffe als Notfallalternative zum Dienst in der Pflege bereit zu stellen – natürlich mit entsprechenden Auflagen. Stattdessen wurde beides ohne echten Ersatz gestrichen.

Warum schließlich sollten junge Menschen, denen man seit jeher den Großteil der Freiwilligkeit in der Gestaltung ihres bisherigen Lebensweges untersagt hat, denen eine reine monetäre Zielorientierung und ein eigennutzorientiertes Gesellschaftsbild nahegelegt wurde, plötzlich auf die absurde Idee kommen, selbstbestimmt und uneigennützig etwas nicht-karriereförderliches zu tun?

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Eine Antwort zu Kein Zivi für alle Fälle

  1. iam_eb schreibt:

    Das Problemm ist, dass der Pflegebereich allgemein zu wenig geschätzt wird. Es handelt sich um einen notwendiges Arbeitsfeld, welches sich in Zukunft noch ausweiten wird und bei dem Effizienzsteigerungen (wie beispielsweise in der Automobilindustrie), welche dazu führen das weniger Arbeitskräfte benötigt werden, einfach nicht zu erwarten sind. Das in dieser Branche, Löhne bezahlt werden die einfach nur unmenschlich sind, und im Verhältniss zu den Anforderungen einfach nur unangemessen, ist daher das zentrale Problemm. Hier müssen bessere Arbeitsbedingungen geschaffen werden. Dass ist nur möglich wenn man dieses Segment entweder dem privaten Sektor entzieht, oder aber reguliert. Dass ist aber wiederum auch nur möglich wenn wir als Gesellschaft die Pflege mehr Wert schätzen und sie stärker und solidarischer finanzieren. So dass die Pflegversicherung mehr leistungen übernehmen kann und für die leistungen mehr zahlt.
    Denn Vorschlag der Sozialpflicht finde ich nicht alzu schlecht. Besser für den Pflegesektor wäre eine echte Wertschätzung durch die Gesellschaft und eine solide, solidarische Finazierung.
    Der Aspekt des Einzelnen, der etwas duch den Dienst dazu gewinnt, muss jedoch auch betrachtet werden und da wäre dieser Ansatz der derzeit beste. Auf freiwilliger Basis wäre dies noch besser, nur entscheiden sich hier in einer Leistungsgesellschaft die meisten eher dagegen.
    Ich möchte daher für eine Gesellschaft kämpfen, in der die leute iher Tastaturen gerne aus dem Fenster werfen.
    Gruß,
    Eric

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