Danke Rebecca Black

“Haters gonna hate!” Nur selten stolpert man über extrem verhasste Videos auf Youtube. Denn eigentlich verträgt es sich kein Stück, dass etwas gleichzeitig schlecht und verhasst, aber dennoch bekannt ist. Rebecce Black’s Lied „Friday“ hat es geschafft und mit massiven negativen Bewertungen berühmt zu werden.

Das schöne hierbei ist, welche Resonanz dieses doch so schlechte Video findet. Ein Mädchen, das sich von ihren reichen Eltern ein paar Vollidioten bezahlen ließ, die ihr einen total dummen Text schreiben, in dem sie dann sich selbst präsentiert, wie beliebt und reich sie und ihre Freunde doch sind. So, das wars auch schon mit der Kritik, denn mehr gibt es nicht zu sagen.

Ganz anders die Szene der Hasser, derjenigen die das Video schlecht finden, sich darüber aus lassen, es parodieren und verachten, ihre Abscheu groß kund tun und über Rebecca und ihr total dämliches Lied herziehen. Daneben noch ein paar Gestalten, die meinen das Lied neu singen zu müssen, um zu zeigen, dass wenn man Fans hat, die einen mögen, man auch den dümmsten Text neu singen kann und alle das Lied plötzlich toll finden <.<

Nach unten schauen
Was die Szene nicht erkennt ist jedoch, was sie Rebecca schuldig sind. Ihr verdanken sie schließlich jede Menge Unterhaltung, Spaß und Humor. Sie bringt ihnen Beschäftigung und natürlich ein ganz besonderes Ziel um sinnlose aggressive Emotionen über eine nicht genauer beschriebene Gesellschaft zu fokussieren. Wenngleich nicht freiwillig, wird sie zur Zielscheibe des Spotts und alle Spötter müssten froh sein, eine solche Zielscheibe zu haben. Die Ironie ist das Dilemma, so sehr man es hasst, muss man froh sein es zu haben, denn ohne es, würde das Objekt zum Hassen fehlen, es würde das fehlen, wonach es einem begehrt: Einem Objekt, über das man sich erheben kann. Das Prinzip heißt „Abwärtsvergleich“.

Es erwächst aus dem Bedürfnis, sich gut zu fühlen und gleichzeitig faul zu sein. „Gut ist der, der Gutes tut.“ Und wer Gutes tut, sollte sich auch gut fühlen. Das Problem hierbei ist, dass Gutes zu tun mit Arbeit verbunden ist und gerade wenn man selten Gutes tut, ist dies insbesondere eine Arbeit an sich selbst. Das heißt, man nimmt sich ein Ideal und versucht, diesem Ideal näher zu kommen, man hat einen Vergleich mit einer Figur (ganz gleich ob ideell oder real) welche man als besser bewertet, als sich selbst. Und im Vergleich mit dieser Figur versucht man dieser näher zu kommen, um sich besser zu fühlen.

Die einfachere Alternative besteht in der anderen Richtung. Anstatt zu schauen, wo man hingehen könnte, um sich besser zu fühlen, kann man schauen, wo man nicht hin möchte und sich ohne Arbeit besser fühlen. Anstatt sich mit einer idealen Figur zu vergleichen, schaut man auf Menschen, die noch schlechter sind, als man selbst. Man veranstaltet also einen Abwärtsvergleich und freut sich dann, wenn man besser ist. „Ich bin doof? Ach, aber die sind doch viel dööfer!“ – man ändert sich kein Stück, wird kein Stück besser. Aber besser werden und besser sein, sind einander sehr ähnlich, je nachdem, wo man anfängt.

Ein künstliches „unten“
Der Abwärtsvergleich funktioniert aber nur, wenn man etwas hat, auf das man herabschauen kann. Das Fernsehen bietet dafür jede Menge Talkshows, Projekte in denen verzogene Jugendliche erzogen werden, in denen geschauspielerte Verbrechen in dubiosen Verhandlungen und mit ausgebildeten Polizisten und Privatdetektiven überführt werden. Man wird mit verruchten Subjekten überhäuft, die zuweilen nicht einmal existieren und kann sich dann darüber freuen, wie dumm sie sind. Sie handeln dumm, selbstgefällig, unvorsichtig, doch was man als Zuschauer vergisst, „sie“ existieren nicht als reale Menschen, sondern als erdachte Figuren eines Autors, ihre Handlungen und die zu erwartenden Reaktionen des Publikums, sind berechnet. Wenn der dicke Typ etwas Dummes tut, bei dem man als Zuschauer nur denkt „wie kann der denn nur so dumm sein?!“ vergisst man, dass er überhaupt nicht dumm ist, weil er gar nicht als real denkender Mensch existiert. Und dass insbesondere jeder Vorschlag des „so hätte man es besser machen können“ vollkommen absurd ist, weil die Möglichkeit des Bessermachens überhaupt nicht bestand, weil keine Wahl bestand.

Schlimmer aber: Hätte die Chance bestanden, hätte deren Ausführung das Erlebnis genommen, die bessere Idee zu haben.

Zurück zu Rebecca
Was, wenn sie dieses Lied nicht gesungen hätte? Wären dann alle glücklich? Besser drauf? Was würde der Humor denn nur tun, wenn das reiche kleine Mädchen keinen idiotischen Song gesungen hätte? Es ist kein weltbewegendes Ereignis, dessen Ausbleiben irgendwie positive Folgen hätte. Entweder sie singt oder nicht, ganz gleich welche Wahl sie getroffen hätte, weltpolitisch gesehen absolut überflüssig. Für jene aber, die sich darüber amüsieren, wäre dies schon tragischer. Keine Witze über ein dummes Mädchen? Keine 30 Kommentare pro Minute mit 29 „boah is die doof“ und einem „Ich finds gut“/„lasst sie in Ruhe!“. Was sogleich die nächste Frage aufwirft: Warum überhaupt Kommentare? Warum überhaupt Parodien, Witzchen und lustige Sprüche?

Was wollen wir (noch)?
Der Abwärtsvergleich bedient sich nur des Faktes, dass man etwas Schlechtes braucht, um sich im Vergleich damit besser zu fühlen. Kommentare und Parodien bedienen ein weiteres Bedürfnis. Man möchte im Mittelpunkt stehen, möchte Aufmerksamkeit, möchte als bloßer Nickname von einem anonymen Publikum gemocht oder wenigstens beachtet werden. Man möchte gesehen werden. Kommentatoren eher in der Scheinöffentlichkeit, die Parodien von einer realeren Öffentlichkeit (da sie in der Parodie Gesicht zeigen).

Abwärtsvergleich und das Haschen nach Aufmerksamkeit… Ist das alles? Genügen wirklich solche einfachen Bedürfnisse, um das Verhalten zu erklären? Nun, ich denke schon. Es ist ein wenig schade, denn sich dessen bewusst zu sein, nimmt einem doch den Spaß an der Sache. Habe ich selbst das Original einmal gesehen und fortan als wesentlich lustiger eingestuft, als jede Parodie, wurde mir bewusst, dass mein „lustiger finden“ daraus besteht, eine Person, die ich ja offensichtlich als dumm einstufe, an zu schauen und zu sehen, wie dumm sie ist. Dann schreibe ich noch einen Kommentar, darüber wie dumm sie ist und freue mich, dass der dasteht. Aber warum sehe ich mir überhaupt eine dumme Person an? Um fest zu stellen, wie dumm sie ist? Warum gebe ich mich denn überhaupt mit dieser Dummheit ab, warum verwende ich Zeit und Muße darauf, mich über eine dumme Person auf zu regen?

Wenn sie dumm ist, wenn ihr Verhalten und ihr Dasein für mich und meine Person keinerlei nützlichen Aspekt liefern, warum verwende ich dann überhaupt Zeit auf sie? Warum ignoriere ich sie nicht konsequenterweise? Weil mir dann das Negativbeispiel fehlen würde?

Nun, ja, eigentlich schon. Zu mindestens fällt mir kein plausiblerer Grund ein, wieso ich ernsthaft daran interessiert sein sollte, meine Zeit auf eine total unwichtige, dumme Person zu konzentrieren.

Wohl eben deswegen muss ich mich bei ihr bedanken, dafür, dass mir diese Erkenntnis zuteil wurde, wenngleich es mir den Spaß an diesem dummen Text genommen hat und sie zudem sowieso nicht darauf abzielte, mir jene Erkenntnis zuteil werden zu lassen.

Indes bin ich mir vollkommen bewusst, dass der Angriff auf die Hasser in diesem Beitrag identisch mit dem Grund ist, womit ich sie angreife O.o

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