Warum ein Portfolio?

Was ist ein Portfolio? Nun wenn man es einmal ganz gemein nimmt, dann ist es nur eine Ansammlung von Dingen jeglicher Art. Weder gibt es einen konkreten Aufbau, noch kann man vorhersagen, was eigentlich hinein kommt. Es ist eben nur eine Ansammlung von Dingen, denen das Prädikat „wichtig“ von den Besitzern zugesprochen wird. Wichtiger als das was sich darin befindet ist nämlich die Frage, warum es überhaupt als wichtig empfunden wird. Warum ist jenes von Bedeutung, was gibt diesem jene Sonderstellung? Ziel des Portfolios ist schließlich auch die Reflexion und damit die eigene Auseinandersetzung mit Inhalten, mit Gefühlen und Gedanken, mit Ereignissen, welche den eigenen Lebensweg pflastern.

Und ich möchte nun mit einer Frage anfangen, deren zentraler Charakter gelegentlich einmal bei der Erstellung des Portfolios Übersehen wird: Warum erstelle ich überhaupt ein Portfolio?

Am Anfang war ein Projekt
Es wäre absurd zu glauben, dass allein die angesprochene Reflexion die Ursache für ein Portfolio sei. Dieses erstelle ich schließlich nicht persönlich aus einem eigenen Antrieb, sondern in einer besonderen „Vereinigung“, wenn man das so nennen will. Es ist ein Pilotprojekt, betreut und für jene Betreuer mit dem Ziel, heraus zu finden, inwiefern Portfolios dazu dienen können, die Lehrerbildung zu optimieren. Das heißt, ich bin NICHT Initiator des Projektes und somit kann die Reflexion nicht mein Ziel gewesen sein. Denn wäre sie mein Ziel, bedürfte es nicht des Projektes. Neben den Treffen mit den Initiatoren wurden zudem Gruppen ausgemacht, welche sich auch abseits davon treffen und ihre Erlebnisse und Ergebnisse vergleichen. Die Einbindung in eine solche Gruppe erzeugt eine soziale Verantwortung, man fühlt sich der Gruppe gegenüber verpflichtet. Diese Einbindung ist eine simple aber effektive Strategie, um länger anhaltende Aktivität zu generieren.

Ich habe mich also einem nicht von mir initiiertem Projekt angeschlossen und spreche durchaus auf die Einbindung an, so dass ich mich in einer gewissen Bringschuld verstehe. Beides sind ganz klar äußere Einflüsse, welche mich quasi zur Reflexion „zwingen“ und das heißt, dass die Reflexion selbst nicht Ziel sein kann. Denn wäre sie mein Ziel, würde ich dafür keinerlei Zwanges benötigen.

Der Anfang vom Anfang
Wie aber kam ich eigentlich zu diesem Projekt? Was hat mich dazu veranlasst, mich an einem Portfolio zu beteiligen? Nun, da waren diese beiden Gestalten, die sich in der Vorlesung vorne hinstellten und das Projekt erfreulicherweise in einer Zeit vorstellten, in der sich nicht dieser höchst unangebrachten Neigung verfallen war, mitten in einer wichtigen Vorlesung zu schlafen. Und da war der Dozent, welcher zudem erwähnte, dass dies ein besonderes Angebot sei und das angeblich ansonsten sogar mit erheblichen Kosten verbunden sein könnte. An dieser Stelle muss ich schon einen sehr persönlichen Wesenszug einräumen: Für mich ist „Weil’s sonst keiner tut“  ein recht plausibler Grund, ein gewisses Verhalten an den Tag zu legen. Ich strebe insofern beinahe schon eine Art Überindividualisierung an, welche zum zentralen Punkt hat, sich von anderen zu unterscheiden. Und dies durchaus mit einem gewissen Absolutheitsanspruch. Ob das nun bedeutet mittels eines Blogs auch recht intime Gedanken öffentlich zu prostituieren oder eben die Wahl eines pinken Schülerkalenders.

Da ich aber noch keine Vorlesung damit zugebracht habe, mich öffentlich zu entkleiden, gilt natürlich auch, dass diese Überindividualisierung durchaus gewisse Grenzen kennt ^^

Damit komme ich dem Punkt schon ziemlich nahe, denn während ich mich auf das ungeschriebene Gesetz verlassen konnte, dass Studenten mit ziemlicher Sicherheit nur das notwendigste tun, war zudem klar, dass es sich bei dem Portfolio um etwas handelte, das mit Sicherheit irgendwelche positiven Effekte hervorbringen würde.

Was noch?
Nun wäre das bloße Bedürfnis danach, mich gegenüber anderen abzuheben, sicherlich ein denkbar schlechter Grund, für jegliches Verhalten. Denn mich über andere zu erheben, einzig um über diesen zu stehen, bedeutet eine eher krankhafte Fremdfixierung. Ganz zu schweigen davon, dass diese Fremdfixierung, also die Fixierung auf den Vergleich mit anderen, ohne Vergleichsindividuen zum Stillstand der persönlichen Entwicklung führen würde. Gleiches gilt für jede Position, in der man bereits über anderen steht. Wenn Konkurrenz den einzigen Handlungsanreiz darstellt, so würde der Mangel an konkurrenzfähigen Individuen und ebenso die Überwindung der Konkurrenz Stillstand führen. Und Stillstand find ich jetzt nicht sonderlich gut.

Und was habe ich nun noch zu bieten? Nehme ich es einmal ganz naiv, so habe ich die Tatsache, dass ich zwangsläufig mittels eines Lehramtsstudienganges anstrebe, ein Lehrer zu werden und dass ich es für absolut notwendig erachte, ein solches Studium in Hinsicht auf den späteren Beruf aus zu richten. Das mag für Mathematik insofern schädlich sein, als dass ich natürlich kaum etwas des gelernten Stoffes später benötige, was sich aber glücklicherweise mit einer Eigenfaszination an der Mathematik ausgleicht. Selbes gilt für die Philosophie – denn wieso sollte ich ein Fach studieren, wenn ich es unterrichten will? ALLES was ich an Fachwissen bis zum Abitur vermitteln muss ist ja genau das, was mir selbst bis zum Abitur vermittelt wurde. Das Fachstudium also ist verglichen mit dem Fachdidaktikstudium zweitrangig, auch wenn der Blick auf meinen Vorlesungsplan das genaue Gegenteil offenbart. Dass ich meine beiden Fächer grundsätzlich als wichtig erachte, heißt in der Fachsprache „intrinsische Motivation“, ich empfinde diese Fächer ungeachtet jeglicher Außenwirkung als bedeutungsvoll. Eine solche Einstellung kann ich der Lehrtätigkeit gegenüber nicht an den Tag legen, weil es nicht in mein Weltbild passt, eine Form der Spezialisierung (eben zum Lehrer) als allgemein wertvoll zu bezeichnen. Auch wenn ich also keine intrinsische Motivation an der Lehrtätigkeit habe, so komme ich immerhin zur identifizierten Regulation. Denn genau dies bezeichnet den Umstand, dass ich ein Verhalten als wichtig und wertvoll erachte.

Das unterscheidet sich insofern von der intrinsischen Motivation, als dass diese bedeutet, dass ich die Handlung um ihrer selbst willen ausführe. Mich interessieren Mathematik und Philosophie schlicht und ergreifend, ohne dass ich ihnen eine besondere Rolle im Leben zuschreiben muss. Zwar räume ich ihnen eine besondere Rolle im Leben ein, aber im Gegensatz zur Lehrtätigkeit, ist diese Rolle nicht ausschlaggebend. Ich interessiere mich dafür UND stelle dem untergeordnet fest, dass sie für das Leben relevant sind. Derweil gilt für die Lehrtätigkeit, dass ich diese vorwiegend als wichtig erachte, eben weil ich einmal Lehrer werde. Ich empfinde es als wichtig, ein guter Lehrer zu werden, weil alles andere auch vollkommen dämlich wäre. Und eben genau dabei soll dieses Portfolioprojekt helfen und auch dies stellt einen zentralen Grund dar, warum ich mich diesem angeschlossen habe.

Selbstmanipulation
Daneben spielt nicht zuletzt auch noch ein weiterer Umstand eine Rolle, welcher in Fachkreisen „Prokrastination“ genannt wird, umgangssprachlich „Aufschieberitis“. Damit wird ein Verhalten beschrieben, welches Entscheidungen und Tätigkeiten möglichst lange hinaus zögert. Es ist gesellschaftlich weit verbreitet und ist beispielsweise daran zu erkennen, dass jegliche Fristen fast restlos ausgenutzt werden. Prokrastination bedeutet, eine wichtige und unangenehme Aufgabe dadurch zu verschieben, dass man sich mit anderen Aufgaben beschäftigt, bis der entstehende Druck ein weiteres verzögern nicht mehr möglich macht.

Mithilfe dieses Projektes erzeuge ich nun bewusst künstlich einen ähnlichen Effekt, wie bereits die im Projekt gebildeten Gruppen (siehe oben). Indem ich mich dem Projekt anschloss, versetzte ich mich eine Lage, in der ich in regelmäßigen Abständen zur Rechtfertigung aufgefordert bin. Jener Verantwortung möchte ich gerecht werden und habe mich damit also freiwillig einem Druck untergeordnet, den ich nun bewältigen möchte. Ich manipuliere mich damit selbst, indem ich mich in eine Situation bringe, in der ich ein von mir aus lobenswertes Verhalten an den Tag lege, von dem ich weiß, dass ich es außerhalb der Situation nicht an den Tag legen würde.
Zusammenfassung
Zusammenfassend habe ich ein bisschen Distinktion, etwas Selbstmanipulation, gemischt mit einer Prise Idealismus, Prinzipientreue und Zukunftsorientierung. Ich für meinen Teil bin damit recht zufrieden, auch wenn es zugegeben nicht die beste aller möglichen Kombinationen von Gründen sein dürfte. Aber Perfektionismus tauchte offensichtlich nirgends auf.

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Eine Antwort zu Warum ein Portfolio?

  1. der blinde Hund schreibt:

    Eine wichtige Kategorie von Gründen, die u.a. vom Spandauer Neorationalismus betont wurde, könnte hier auch einschlägig sein: die Mach-et-einfach-Gründe.

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