3 Perspektiven

Was ist schon der Mensch? Was bin ich und was sind jene, die ich sehe? Das menschliche Sozialverhalten ist wohl das komplexeste aller bekannten Lebewesen. Jener Komplexität trage ich persönlich Rechnung, indem ich mich bemühe, Menschen nicht etwa nur aus meiner persönlichen, sondern aus drei verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Was das heißt? Ihr werdet sehen.

Fangen wir doch mit dem einfachsten an, der Perspektive als Mensch

Das ist nichts besonderes, denn es heißt einfach nur, Menschen so zu sehen, wie man sie im Alltag eben sieht. Man geht durch die Welt, man sieht Menschen, man  tauscht sich mit ihnen aus und man stellt fest, wie sie so drauf sind und was man eigentlich davon hält. Fand ich den Witz lustig? Möchte ich mich wirklich mit diesen Menschen abgeben? Wie empfinde ich persönlich deren Verhalten?

Was soll man hier schon groß dazu sagen. Man ist Mensch, man hat persönliche Vorlieben und man sucht soziale Interaktionen, welche diese Vorlieben stützen und meidet solche, welche diesen zuwider sind. Menschen sehen im Alltag andere Menschen und zwar als das, was sie gerade sind.

Die Perspektive des Prozesses
Aufwendiger als die erste, ist jene zweite Perspektive, welche Menschen nicht mehr nur als aktuelle Individuen sieht, sondern ebenso als das Ergebnis eines langwierigen Entwicklungsprozesses. Der Typ, der mir gerade vorheult, dass er demnächst wieder in den Knast gehen muss, obwohl ich nicht einmal weiß, warum er sich überhaupt einen meinen Tisch gesetzt hat, ist mehr als nur das, was da vor mir sitzt. Als Mensch empfinde ich seine Anwesenheit als unangenehm und hoffe auf sein baldiges Verschwinden. Das ist nicht verwerflich, denn er ist so, wie er ist. Und wenn mir das nicht gefällt, dann ist das eben so.

Diese Perspektive hat nicht den Anspruch, eine andere zu ersetzen, sondern sie lediglich zu erweitern. Der Typ kam vielleicht als Individuum in mein Leben und ich hoffe, dass er bald wieder verschwindet, aber er ist eben mehr, als nur diese Einheit, als der ich ihn wahrnehme. Er war nicht immer so, hat ein Leben hinter sich, hat sich dementsprechend entwickelt und WURDE zu dem, was er jetzt IST. Sein Verhalten, sein Wesen, sein Auftreten, das alles ist nicht einfach vom Himmel gefallen, sondern hat sich im Laufe der Zeit entwickelt. Das was mich an ihm stören mag, verschwindet nicht, wenn ich mir überlege, wie es zustande gekommen ist, aber es ist irgendwann zustande gekommen und eben jenem Umstand muss man Rechnung tragen. Es ist eine Form der Entschuldigung dafür, dass auch er nicht nur jemand ist, der mich stört, sondern dass auch er ein Leben hinter sich hat, das ihn so werden ließ, das ihn zu dem machte, was er jetzt ist.

Menschen werden vom Leben gezeichnet. Vielleicht hatten sie schlechten Umgang, haben kleine dumme Entscheidungen, mit weit reichenden Folgen getroffen, sind vielleicht in einem unguten Sumpf versunken. Ein Mensch ist keine ewige Einheit, sonder ist stetigen Veränderung unterworfen. Und mit dieser Perspektive beachte ich, dass solche Veränderungen seit der Geburt uns alle betroffen haben.

Die evolutionäre Perspektive
Willkommen bei der dritten Ebene. Wir haben jetzt einen Menschen gesehen, haben diesen erweitert auf seine Entwicklung im Leben und wagen nun den Sprung, zum Menschsein selbst. Warum entwickeln sich Menschen überhaupt und warum das auch manchmal zum Schlechten hin? Um zu verstehen, warum Menschen tun, was sie tun, muss man einmal den Blick auf die große Gemeinsamkeit ALLER Menschen wagen. Menschen sind eine biologische Art, ihr Verhalten und ihr Umgang mit der Welt ist nicht zufällig entstanden, sondern dient der Erhaltung der Art, mittels der Erhaltung des Selbst. Die Grundzüge unseres Verhaltens sind genetisch vorgeprägt und durch die konkrete Beschaffenheit unseres kognitiven Apparates bestimmt. Aber bevor der Trugschluss aufkommt, wir seien dem Wirken unseres Gehirns unterworfen: Wir SIND unser Gehirn. Und das menschliche Gehirn hat sich evolutionär entwickelt, hat sich den Umständen angepasst und diese selbst geprägt. Egal ob Hitler oder Gandhi, ihre Gehirne sind jene von Menschen und ihre Handlungen folgten ähnlichen Grundzügen. Sie beide haben sich einen Platz im Leben, in der Welt gesucht und mit der Umgebung, in der sie aufwuchsen, interagiert. Den einen machte das zu einem rassistischen Massenmörder, den anderen zu einem Botschafter der Gewaltlosigkeit und des Friedens.

Dennoch waren es beides Menschen, Mitglieder derselben Art und damit genetisch nahezu identisch. Das was sie trennt, waren kaum die Anlagen, sondern in allererster Linie ihre Lebensumstände. Hitler hatte kein böses Gen und Gandhi kein Gen des Friedens.

Und wenn man sich fragt, wie Menschen zu dem wurden, was sie jetzt sind, muss man nicht nur fragen, was für ein Leben sie hinter sich haben, sondern auch, wieso sie dieses und jenes Verhalten an den Tag gelegt hatten und noch heute an den Tag legen. Warum rebellieren Jugendliche, wieso kommen sie auf diesen richtigen oder jenen falschen Weg? Wieso beginnt der eine als Führer einen Genozid, während der andere nicht einmal einen Titel haben möchte?

Der Grund liegt in jenen kleinen Dingern, die in jeder einzelnen Zelle von uns hausen: in den Genen. Sie sind es, die uns zu Menschen machen und welche unser Verhalten als allererstes prägen. Wir entspringen aus den Genen und entwickeln uns gemäß des Grundmusters, das sie mitliefern.

Aber eben auch diese Perspektive ersetzt keine der beiden anderen. Die Gene machen aus niemandem einen Nazi oder einen Friedensstifter, dafür ist in erster Linie die Umwelt verantwortlich. Die Gene machen nur die Grundzüge aus, dass Kinder ihre Umgebung aufmerksam beobachten, dass man sich gegenüber anderen Abgrenzt und sich eine eigene Identität anschafft, dass man sich mit diesen Gruppen identifiziert und andere ablehnt, dass man sich Modell sucht an denen man lernt und denen man nacheifert und sich versucht gegenüber anderen ab zu grenzen und so weiter… Ob ich mein Geld versaufe oder vershoppe, das geben die Gene nicht vor. Wohl aber waren sie federführend in der Zeit, als sich dieses Verhalten angeeignet wurde.

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