Note? 6!

Wozu sind Noten gut? Eigentlich sollen sie dazu dienen, schulische Leistungen zu normieren, sie vergleichbar zu machen. Anhand einer Note soll erkennbar sein, was jemand kann. Aber, sagt eine Note das auch aus?

Und es ist nicht nur die Note, wenngleich ich mich hier dieser widme. Denn Noten stehen in enger Wechselwirkung mit den jeweils angewandten Unterrichtsmethoden und den Lehrpersonen. Und alle drei zusammen schließlich führend die zentrale Aufgabe der Schule aus. Und für alle steht die Frage im Raum: Was tun sie und was sollten sie tun?

Noten sollen eine genormte Widergabe einer Leistung sein. Das heißt, eine 1 soll sehr gute und eine 6 eine ungenügende Leistung widerspiegeln. Klingt schon mal einleuchtend. Und bedenken wir einmal unsere eigene Schulzeit, so werden wohl viele Feststellen, dass das mit den Noten ja eigentlich recht gut funktioniert hat. Bekam man eine schlechte Note, konnte man das üblicherweise nachvollziehen. Jedoch, nun plötzlich, als angehende Lehrpersonen werden wir immer wieder damit konfrontiert, wie schlecht Noten eigentlich seien. Aber wie kann das sein? Wie kann etwas, das wir aus unserer Schulzeit als zumeist angemessen empfanden, plötzlich unangemessen sein? Das heißt doch, entweder wir sind bescheuert, oder diejenigen, welche diese Untersuchungen anstellen. Fachidioten gegen Lebemenschen? Wohl eher Hühner gegen Wissenschaftler. Tatsache ist, auch wenn ein Huhn einen roten Knopf drückt, um Futter zu bekommen, werden wir für die Einschätzung, warum da Futter kommt, uns eher auf jene verlassen, welche von außen zuschauen. Das Huhn hat nur einen begrenzten Bereich den es wahrnimmt und selbst Millionen Hühner können das nicht ändern. Gleichwohl ist unsere Erfahrung mit den Noten ist subjektiv. Nehmen wir viele Erfahrungen mit Noten zusammen und unterstellen diesen eine gewisse selbstkritische Ehrlichkeit, so wird man bei den meisten Lehrpersonen schließlich dazu kommen, dass die Noten von den Schülern/innen als gerechtfertigt empfunden wurden.

Nun können Noten aber nicht gleichzeitig gerechtfertigt und ungerechtfertigt sein. Doch wie finden wir raus, welche Seite Recht hat? Das ist eigentlich ganz simpel: Wenn wir die persönlich gerechtfertigt empfundenen Erfahrungen zusammentragen und darüber ein differenziertes Bild erstellen, dann tun wir genau das, was Wissenschaftler/innen bereits getan haben. Insofern können wir getrost davon ausgehen, die wissenschaftliche Untersuchung sei richtig und unsere subjektive Erfahrung ist: ungenügend.

Was aber gibt es an der scheinbar gut funktionierenden Note aus zu setzen? Dazu muss man sich nur Fragen, wie eine Note entsteht: Eine Note gibt an, ob zu einer bestimmten Zeit, eine bestimmte Leistung im Sinne einer bestimmten Lehrperson erbracht wurde.

Die Note gibt es also zu einem Zeitpunkt, für irgendeine Tätigkeit und beides unterliegt der persönlichen Einschätzung der Lehrperson. Und hier liegt das Problem: Sowohl Zeitpunkt, als auch Leistungsanforderung und Ergebnisanforderung werden von der Lehrperson definiert. Je nach dem, wie man diesen genügt, bekommt man eine Note, die entsprechend diesen Anforderungen gerechtfertigt ist. Das subjektive Empfinden ignoriert nämlich einen zentralen Faktor: Die Willkür der Lehrperson.

Als solche hat man in den meisten Fällen Kontrolle über den Zeitpunkt, die geforderte Leistung und die geforderte Lösung. Jedes einzelne davon genügt, um im Allgemeinen ein breites Notenspektrum bei IDENTISCHEN Lernleistungen auf zu spannen. Zeit ist simpel: Gibt man eine Note, bevor jemand den Lösungsweg versteht, fällt die Note schlecht aus. Darüber hinaus ist natürlich von Relevanz, was genau für Aufgaben gestellt werden, welche Leistungen sie von den Schülern/innen neben fachlichem Verständnis erfordern und was am Ende davon als wichtig erachtet wird.

Beispiel: eine Textaufgabe in Mathematik zum Dreisatz. Die Aufgabenstellung legt nicht nur fest, welches Fachwissen die Schüler/innen anwenden sollen, sondern auch, auf welche Art und Weise. Ist die Aufgabe abstrakt gestellt oder erfordert sie ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen, sind die Sätze kompliziert oder einfach geschrieben? Dies alles sind Verständnis-Leistungen, welche die Schüler/innen erbringen müssen, ohne dass diese für das Fach relevant sind. Und ist schließlich eine Anzahl an Aufgaben gelöst, so gibt es darunter üblicherweise solche die richtig und solche, die falsch gelöst sind. Aber, wie viel Punkte gibt es auf eine falsche Aufgabe? Was zählt als Folgefehler und wie viele Augen drückt man am Ende zu, um vielleicht doch noch eine bessere Note zu geben?

Bevor jetzt jemand auf die Idee kommt, sich zu überlegen, welche Methode die beste sei: das Problem liegt in der Subjektivität der Lehrpersonen. Das heißt insbesondere, dass subjektive Lösungsansätze das Problem nicht lösen, sondern verursachen.

Noten sind willkürlich, weil die Bewertungsmaßstäbe willkürlich sind. Wenn an einer Schule von einer Lehrperson Folgefehler angerechnet werden und von einer anderen nicht, dann sind bereits diese Noten von derselben Schule NICHT vergleichbar. Und das in Mathematik, in dem man so etwas noch leicht sehen kann. Daneben gibt es auch Fächer wie Deutsch, in denen die Auswertung vollständig der Lehrperson überlassen ist, ohne irgendwelche objektiven Zusammenhänge.

Was sich als Kern bereits angedeutet hat ist also: Selbst das strengste ABER verallgemeinerte System der Notengebung wäre besser, als das momentane System.

Ganz recht, als Lehrperson ist man machtlos. Die Note schließlich soll Leistungen normieren, soll in einer Zahl ausdrücken, wozu Schüler/innen in der Lage ist und wozu nicht. Und das soll diese Zahl in einem möglichst großen Raum tun. Solange aber jede Lehrperson selbstständig festlegt, welche Leistungen wie in die Note einfließen, sagt die Note eben nur aus, ob diese willkürliche Anforderung erfüllt wurde. Die Note sagt NICHT aus, WAS das für Anforderungen waren.

Man stelle sich vor, man geht  in ein Geschäft und sieht dort etwa einen Kühlschrank, welcher die Note „Sehr gut“ von der „Franz Josef Paul III“-Stiftung erhielt. Und fertig. Nichts weiter. Die Stiftung fand den Kühlschrank toll, sagt aber nicht, weswegen. Was nützt diese Note aber, wenn man nicht einmal sehen kann, wofür sie steht? Vielleicht ist der Kühlschrank ein Stromfresser, wurde aber ökonomisch hergestellt. Oder umgekehrt. Vielleicht ist er gar nichts von beiden, sieht aber schön aus. Vielleicht haben aus unerfindlichen Gründen einfach die Mehrzahl der in dieser Stiftung beteiligten Personen einen entsprechenden Kühlschrank Zuhause stehen. Wenn man es nicht weiß und nicht einmal wissen kann, dann ist diese Note wertlos.

Diese Note ist wertlos, denn ihre Aussagekraft ist momentan im Idealfall nur für eine einzelne Lehrperson normiert. Doch selbst da spielen noch Sympathien eine Rolle und unbeliebte Schüler/innen können für eine gleichwertige Lösung mal eben eine schlechtere Note kassieren (wenn beispielsweise kein Auge zugedrückt wird).

Die Note wäre aber wertvoll, wenn allgemein bekannt wäre, was sie aussagt. Deswegen wäre selbst das strengste und härteste System besser. Sogar wenn dieses System so hart wäre, dass nur in absoluten Ausnahmefällen jemand eine 1 bekäme! Denn wegen der Allgemeingültigkeit des Systems wäre das bekannt. Man wüsste, dass jede Note eine ganz bestimmte und bekannte Leistung wiederspiegelt, egal woher sie kommt. Und wenn es nahezu keine 1en gibt, weil diese Leistung einfach unerreichbar ist, dann sucht man zwangsläufig eine 2. Man sucht dann aber auch eine 2, weil man weiß, was diese 2 bedeutet. Man weiß, welche Leistung drinsteckt und welche nicht.

Genau dafür werden schließlich Noten vergeben: Damit Leistungen in einem möglichst großen Rahmen vergleichbar sind. Und damit sie das tun, muss dieser Rahmen nicht nur vorgeben, was drinstecken muss (das tut er momentan) – Er muss darüber hinaus auch festlegen, was NICHT hinein soll.

 

Als einzelne Lehrperson kann man an diesem Misstand nun freilich nichts ändern. Denn ganz gleich wie man sich gute Bewertung vorstellt, am Ende steht da nur eine Zahl und nicht, wie viele zugedrückte Augen und Folgefehler, wie viele Verhandlungen und wie viel Kulanz drinstecken. Aber auch nicht, wie viel Strenge, wie viele „Nein, ich ändere die Note nicht mehr“, wie viele mündliche und schriftliche, wie viele leichte und schwere Aufgaben, wie viele spontan vergebene Noten, um wenigstens 3 pro Halbjahr zu haben, welche Themen eigentlich in den Vorträgen und Gruppenarbeiten behandelt wurden…

Das alles steckt man als Lehrperson in die Note und nichts davon kann jemand später wieder herauslesen.

 

Nach dieser Dekonstruktion steht natürlich die Frage im Raum: Was macht man jetzt? Lehrpersonen sind verpflichtet Noten zu geben. Auch dann, wenn es kein allgemeines System gibt und vielleicht (wie etwa im Fach Deutsch) gar nicht geben kann.

Der Ansatz dafür ergibt sich aus dem bereits am Anfang angesprochenen Komplex: Die Note ist ein Mittel, um das Ziel der Institution Schule zu verwirklichen. Und aus diesem Ziel kann man versuchen, eine angemessene Benotung ab zu leiten. Daran aber versuche ich mich ein andres Mal.

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