Uhhh das tat jetzt aber weh

…oder auch: „Try hitting me harder“

Persönliche Angriff und Beleidigungen, gängige Mittel um dem Gegenüber klar zu machen, was man von ihm/ihr hält – auch wenn die es schon wissen.
Kindern verbieten wir, sie zu benutzen, als Erwachsene benutzen wir sie selbst, manchmal für andere Menschen, häufiger auch für Gegenstände oder „Dinge“ jeglicher Zugehörigkeit zur objektiven Realität. Das ist entspannend und irgendwie findet man es auch gut, wenn man sie benutzt. Und man findet es nicht gut, wenn man davon getroffen wird. Ich persönlich habe Diskussionsbedingt häufiger mit persönlichen Angriffen zu tun und wenn die ausnahmsweise mal nicht von meiner Seite kommen, ist das eher witzig, als verletzend. Aber wieso treffen sie mich nicht? Was sind Beleidigungen, wie funktionieren sie und sind sie überhaupt sinnvoll?

Was ist eine Beleidigung?
Nun, im Grunde ist es ein Wort oder eine Wortgruppe, die durch die Gesellschaft negativ konnotiert ist und auf eine Person/Objekt angewandt wird, um diese in ihrer Ehre zu verletzen oder eben das eigene Missfallen aus zu drücken. Ziel der Beleidigung ist es, sowohl den eigenen Ärger und Gemütszustand zu verbalisieren, bzw. aus zu drücken (Gewalt, Sport) und zugleich die betroffene Person zu verletzen. Gegenstände kann man zwar nicht verletzen, aber die menschliche Anschauung beginnt als Kind, welches die Leblosigkeit von Gegenständen erst mit dem Alter lernt. Vielleicht hängt auch im erwachsenen Geist noch ein Stück davon an. Zudem sind sie Ausdruck einer inneren Aggressivität, die sich als Gefühl wenig darum schert, woher sie kommt und ob sie sinnvoll ausgelebt werden kann.

Wie funktionieren sie?
Das ist jetzt der eigentlich seltsame Teil. Denn wie wir uns gerade verdeutlicht haben ist klar, eine Beleidigung ist für den/die Beleidigende/n da, nicht für die Betroffenen. Mit einem Messer kann ich einer Person den Bauch aufschlitzen, aber mit Worten? Wie kann ein Wort verletzen? Kann es nicht.

Dennoch tun Beleidigungen weh, was an sich eigentlich vollkommen absurd ist. Man versetze sich doch einmal in die Lage: Beleidigungen sind nicht einfach nur Worte, sie werden zudem von Menschen ausgesprochen, die einen tendenziell nicht mögen und die man selbst vermutlich auch nicht mag. Man weiß also auch ohne Beleidigung, dass diese Person einen selbst vermutlich nicht mag. Die Beleidigung ändert an diesem Umstand NICHTS. Schlimmer noch, sie gibt einem nicht einmal neue Information, mit Ausnahme vielleicht über die Sprachschatz des Gegenübers.

Dass sie funktionieren, liegt nicht in der Natur der Beleidigung, sondern in unserer Kultur. Wir haben gelernt, dass Beleidigungen etwas Schlimmes und total Pöses sind, dass man so etwas nicht sagen darf und dass es extrem gemein ist, so etwa zu sagen. Die Wörter selbst sind nicht das Problem, sondern dass uns eingetrichtert wurde, dass sie es seien. So kommt es eben, das eine Beleidigung nicht nur als bloße Worte angesehen werden, sondern als echter Angriff, gegen den man sich zu verteidigen hat. Es wird eine neue Kampfebene geschaffen, so wie man ein Messer nur mit anderen physischen Mitteln (üblicherweise Waffen/Rüstungen) bekämpfen kann, ist man nun angehalten, die Beleidigung auf sprachlicher Ebene zu bekämpfen. Als Angriff auf die Ehre, muss man seine Ehre verteidigen – ein wie gesagt kulturelles Produkt ohne praktischen Nutzen oder Wert.

Im Zweifelsfalle heißt das sogar, zu Waffen zu greifen. Der Zweifelsfall ist dabei abhängig von der Persönlichkeit und den Umständen.

Sollten sie funktionieren?

Natürlich nicht. Sie sind keine objektiven Gefahren, sondern nur unsere Erziehung und unsere Vorstellung von „Ehre“ sorgt dafür, dass wir uns für diese Worte interessieren. Aber „Ehre“ ist nur ein positiv angesehenes Wort, das Menschen dazu bringt, ihr Leib und Leben zu riskieren, üblicherweise um manipulierbar für Ideologien zu sein. Sie ist toll für ein positives Selbstbild, ein Ausdruck von Mut, Standhaftigkeit und dass man auch bereits ist, dumm zu sterben… Naja, vielleicht verliere ich ein andres Mal mehr Worte zu der „Ehre“.

Nun möchte ich aber ein paar Worte dazu verlieren, warum Beleidigungen trotzdem nicht funktionieren dürften.

Ganz vorne steht natürlich: Sie schaffen keine neuen Umstände. Ob mich jemand beleidigt oder nicht, ändert nichts an dem Verhältnis – das heißt, die Beleidigung dürfte mich nicht überraschen oder verletzen, weil es nur ein verbaler Ausdruck dessen ist, dass ich mich mit der anderen Person nicht verstehe. Das wusste ich bereits vorher. Es gibt höflichere Wege das aus zu drücken, aber das ist dann wieder eine Schwäche des Gegenübers – dass es keine höflichere Form des Ausdruckes gefunden hat.

Gleich dahinter kommt: Es ist das Urteil einer Person, die nicht die Berechtigung hat, ein solches Urteil zu fällen. Sprich, der/die Beleidigende ist ein/e Idiot/in. Das Schöne dabei ist, diese Zuschreibung kann man direkt davon abhängig machen, ob die Person eine Beleidigung benutzt. Wenn ja, dann Idiot/in, dann Beleidigung wertlos, weil von einem/r Idiot/in.
Das lässt sich auf zwei Wege sinnvoller begründen. Zum einen ist davon aus zu gehen, dass man selbst diese Person nicht sonderlich leiden kann. Sei es weil sie ungehobelt ist, oder dumm oder eingebildet oder alles zusammen. Benutzt die Person inflationär Beleidigungen, sind sie sowieso mit hoher Wahrscheinlichkeit wertlos. Und wenn nicht: Nun, da man die Person nicht leiden kann und vermutlich nichts auf ihr Urteil gibt, dann natürlich auch nicht auf das Urteil zur eigenen Person, welches in der Beleidigung ausgedrückt wurde.
Möglichkeit zwei: Eine Beleidigung ist stets ein Ausdruck des Missfallens bezüglich irgendwelcher Umstände. Eine Person, die eine Beleidigung ausdrückt, möchte also ihr Missfallen ausdrücken, wählt dafür aber eine Methode, welche das Problem zweifellos nicht verringern wird. Diese objektive Tatsache nicht zu erkennen, ist natürlich dumm, was also die Urteilsfähigkeit und damit schließlich das Urteil selbst wertlos macht.

Eine Variante, die wenig zu empfehlen wäre ist: Ich bin so toll.
Leider für diejenigen unter uns, die noch der ergebnisoffenen Selbstreflexion fähig sind eher ein Übel das man erleidet, denn nutzt. Es gibt viele Menschen, die entweder wegen religiöser Gehirnwäsche oder einem stark überfütterten Ego einfach unzugänglich sind für jegliche persönliche Angriffe. Selbst wenn man ihnen ganz ordentlich herleitet, dass sie auf diese oder jene Art total bescheuert sind, interessiert sie das nicht. Natürlich sind sie dann auch unempfänglich für Beleidigungen. Das ist so, als würde man versuchen mit einem Messer eine selbstverliebte Pfütze zu zerschneiden.

Etwas empfehlenswerter ist: Ich bin ziemlich toll.
Häufig sind Beleidigungen einfach inhaltlich falsch. Da werden persönliche Angriffe von intellektuell weniger gebildeten Personen geführt, die am besten Eigenschaften von Personen angreifen, wie sie erscheinen, ohne sie zu verstehen.

Wie bereits am Anfang gesagt: Ich bin eher der Angreifende, denn der Angegriffene. Das ist nicht schlau von mir, weil das häufig dazu führt, dass es sich dann mehr darum dreht, wie bösartig ich doch bin, denn um den eigentlichen Inhalt. Im Zuge dessen werden dann auch mal Dinge an mir kritisiert, wie etwa ewige Rechthaberei, ohne mich zu widerlegen. Das heißt, es steht garnicht zur Debatte OB ich Recht habe. Wenn ich aber Recht habe, dann kann man ja schlecht Rechthaberei kritisieren. Das würde ja bedeuten, es sei verboten, wenn man Recht hat, darauf herum zu pochen, dass man Recht hat.

Zwar zehre ich meine Erfahrung eher aus textbasierten Foren, dennoch ist es schon auffällig, wie manche es schaffen, jegliche Kritik sofort als persönlichen Angriff zu interpretieren und dann auch entsprechend darauf zu reagieren. Solche Formen von Beleidigungen sind wertlos, da einfach nur falsch – man muss sie also nicht beachten.

Ein kleines Schmankerl (kA woher ich das Wort habe) :
Wie gesagt, ich greife gerne mal auf einen härteren geschriebenen Ton zurück. Dafür ist es immer angenehm, nicht selbst der Böse zu sein, sondern eine Beleidigung in den Äußerungen der/des anderen zu finden. Ganz einfach ist das implizite „du bist dumm“ zu suchen. Man findet es häufig in ausführlichen Ausführungen zu Trivialitäten, allerdings sind diese gut gemeint und ein Angriff wäre also unangebracht. Aber nur, wenn es neue Punkte sind. Hat man es hingegen bereits selbst gesagt und nun taucht jemand auf und erklärt einem das, was man selbst bereits gesagt hat, dann kann man das schon als schwachen Angriff interpretieren. Besser ist es natürlich, wenn man bereits etwas erklärt hat oder anderweitig richtig gestellt hat und darauf nicht reagiert wird oder die Ausführungen als falsch bezeichnet werden. Beides ist eine große Beleidigung, unter der zwingenden Voraussetzung, dass man auch wirklich sicher ist, man hat nichts Falsches geschrieben. Dafür empfiehlt es sich im Zweifelsfalle noch einmal ein Nachschlagewerk (meisten genügt Wikipedia) zurate zu ziehen. Hat man sich geirrt, dann hat man Pech. Liegt man hingegen richtig – das ist die Lücke, in die man schlagen kann. Denn dann wurde eine inhaltlich korrekte Ausführung angegriffen, weil das Gegenüber einen für bescheuert hält. Das funktioniert auch gut, wenn das Gegenüber freundlich auftritt oder gar Höflichkeitsfloskeln beachtet.

Schlussbemerkung:
Klar, ein Punkt fehlt: Was, wenn man die Person leiden kann/nicht hasst?
Gut, das ist der Schwachpunkt an der Sache. Man kann sich zwar immer noch damit versuchen zu trösten, dass die Person wenigstens im Bezug auf Beleidigungen nicht mögenswert ist, aber das ist eher schwach. Aber da gibt es noch eine andere Kleinigkeit: Wir sind Menschen. Und Menschen sind tendenziell scheiße oder wenigstens nicht unfehlbar.

Der Clou ist folgender: Die Ausführungen bisher gingen davon aus, eine Beleidigung sei unangemessen und quasi bekannt. Der Knackpunkt ist nun, auch diese neue Form zu erwarten. Denn, was wäre, wenn man wirklich dumm ist? Falsch liegt? Die Form des Ausdruckes mag einem unangemessen erscheinen, aber das Gegenüber ist ja auch nur ein beschissener Mensch. Wir sind alle nicht unfehlbar und das heißt auch, dass eine Beleidigung eine wenig angemessene Form des Ausdruckes eben dieser Fehlbarkeit ist. Und anstatt sich über die Fehlbarkeit des anderen Menschen exemplarisch an einem relativ zufälligen Individuum auszulassen, kann man diese Fehlbarkeit hinnehmen und sich der eigenen Schwächen zuwenden. Die Alternative ist, eine Diskussion darüber los zu brechen, dass man selbst zwar doof ist, der/die andere aber auch. Das ist mühselig und wegen der Anzahl an Menschen und der Verteilung der Idiotie unter diesen, unfruchtbar. Da sollte man sich lieber um die Minimierung der eigenen Idiotie sorgen.

Es ist vielleicht die schwierigste Reaktion überhaupt: Die Beleidigung ernst nehmen, ohne beleidigt zu sein. Aber es ist auch mit Abstand die wichtigste, denn Idioten gibt es viele, aber sich ein zu gestehen, dass man selbst eine/r sein könnte, das ist hart.

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