Probleme über Probleme

Wir leben in einer Zeit mit vielen Problemen. Das heißt, wir leben halt in irgendeiner Zeit, eine ohne Probleme gab’s ja bisher auch nicht. Aber wie es sich so für Probleme gehört gibt es große und kleine, also entsprechend auch größere und kleinere. Aber was ist eigentlich das größte Problem?

„Es gibt größere Probleme.“
An sich ein total harmloser und richtiger Satz. Für die allermeisten Probleme gibt es andere Probleme, die größer sind. Das ist in etwa so trivial wie der Hinweis darauf, dass es zu einer beliebigen natürlichen Zahl eine kleinere gibt (außer man hat gerade die 1 oder 0, je nachdem wo man anfängt).
Leider wird dieser leicht genervt ausgesprochene Satz nicht als Ausdruck einer langweiligen Trivialität verstanden, sondern als total wichtige Erkenntnis. Und leider wollen die Leute damit nicht sagen „Das ist zwar ein Problem, aber es gibt größere Probleme die wir AUCH angehen müssen und darum werde ich mich gleich kümmern“ und nicht einmal „Ist mir doch egal, macht was ihr wollt“. Nein, dieser Satz heißt ausgesprochen, also quasi inhaltlich übersetzt ins Hochdeutsche „Die Behandlung dieses Problems ist für mich ein so großes Problem, dass ich lieber Zeit darauf verwende, mir die nächstbeste Trivialität aus dem Hut zu zaubern, um dagegen zu reden, anstatt einfach meine Klappe zu halten, weil da eh kein relevanter Inhalt raus kommt, um mich anderen Problemen zuzuwenden.“

Und das verwundert natürlich niemanden. Jede/r der/die sich schon einmal mit diesem Satz konfrontiert sah, weiß, dass er effektiv nur dazu dient das Anliegen schlecht zu machen. Also was tun?

Das größte Problem
Versuchen wir doch einfach mal, herauszufinden, was eigentlich das größte Problem ist. Da es größere und kleinere Probleme gibt, muss es natürlich auch eines oder mehrere größte geben (falls Probleme gleich groß sind).
Wenn wir das größte Problem gefunden haben, könnte man darauf aufbauend ja so wichtige Überlegungen anstellen wie „Kann daran gearbeitet werden und falls ja, wird das schon und falls ja, bedarf es dafür mehr Leute und falls ja, gibt es ausreichend qualifizierte Personen und falls ja zählen diejenigen die kleinere Probleme beheben dazu und sollten dahingehend verschoben werden?“ Eventuell geht die Kette auch noch weiter.

Also, das größte Problem suchen. Dabei muss es sich ja um ein Problem handeln, also eine irgendwie geartete Aufgabe, deren Lösungsweg noch nicht bekannt ist. Weiterhin muss es irgendwie größer sein, als alle anderen Probleme. Das könnte man an der Schwierigkeit festmachen, was aber daran scheitert, dass man schlecht sagen kann, wie schwer eine Lösung ist, wenn man den Lösungsweg doch garnicht kennt. Also vielleicht daran, wie viele Menschen davon betroffen sind oder wie sehr sie leiden oder irgendwelche anderen utilitaristischen Ansätze, die daran scheitern, dass man die entscheidenden Kriterien nicht sinnvoll messen kann. So erforschen wir viel lieber diverse Krankheiten anstelle des gewöhnlichen Schnupfens, weil die zwar weniger Menschen befallen, aber dafür teilweise tödlich verlaufen können. Und ist nun Vogelgrippe schlimmer als die gewöhnliche?
Wie findet man nun am besten das größte Problem, wenn man die einzelnen nur bedingt gegeneinander abgrenzen kann?

Gefunden
In der Mathematik gilt es häufig Lösungen zu „sehen“, gewisse Tricks anzuwenden (häufig angewandt wird der Trick zur Methode), Strukturen zu sehen oder manchmal auch einfach nur in eine Richtung zu rechnen, um dann die andere als Lösungswegs anzugeben.
Hier bietet sich letzterer Fall an: Anstatt alle Probleme gegeneinander abzugrenzen fangen wir mit einem ganz bestimmten an und schauen, wo wir raus kommen.

Den Anfang haben wir übrigens schon: Es gibt größere Probleme.
Für viele Personen scheint ja das bloße Vorhandensein von größeren Problemen ein so großes Problem zu sein, dass sie sich dagegen verschließen, dass andere Menschen auch kleinere Probleme angehen. Da sie in der Regel aber auch diese anderen Probleme nicht angehen (wohl aber kleinere Probleme in ihrem eigenem Alltag…) scheint dieses Problem der größeren Probleme ihr größtes Problem zu sein.

Und genau darauf läuft diese Argumentation ja auch letztlich hinaus: Die Tatsache DASS es größere Probleme gibt, wird selbst zum Problem erklärt. Und die einzig richtige Herangehensweis eist das größte aller Probleme zuerst zu lösen.

Weil aber die Existenz von größeren Problemen selbst zum größten Problem erklärt wurde muss zuallererst eine ganz entscheidende Frage gelöst werden:

Welches ist das zweitgrößte Problem?
Das ist das Finale der Sache. Wenn das größte Problem darin besteht, dass es größere Probleme gibt und wenn man auf die irrige Idee kommt, Probleme nach der Größe abarbeiten zu wollen, dann bleibt als größte Frage ja nur übrig: Womit anfangen?

Und das heißt, das größte Problem besteht in der Suche nach dem nächsten Problem, das man beheben soll, was demzufolge das zweitgrößte sein muss. Gemäß dem Fall man findet das zweitgrößte Problem (was dann sofort zum Größten wird) und löst es, dann kommt man wieder in den Ausgangszustand: Was ist das neue zweitgrößte Problem?

Sofern man es nicht schafft eine ewig gültige Rangliste zu erstellen, muss man nach der Lösung jedes echten Problems wieder die Frage stellen. Mit diesem einen Problem verdoppelt man also effektiv die Anzahl an Problemen, die man zu lösen hat…

Manchmal fragt man sich schon, was die Leute für Probleme haben, deren größtes Problem anscheinend darin besteht, dass es größere Probleme für große Probleme gibt.

„Man kann nicht allen helfen“ – sagt der Egoist und hilft niemandem.
So oder so ähnlich eine Art passendes Schlusswort. In Diskussion kommt es häufiger vor, dass Rangfolgen eingeführt werden, dass versucht wird eine Debatte dadurch zu ersticken, dass es „wichtigeres“ gäbe oder Dinge die „zuerst“ geschehen müssten.

Glücklicherweise sind Leute, welche solche Argumente aus dem Hut zaubern inhaltlich schon am Ende. Eine solche mehrfache Blindheit für Prozesse jedenfalls diskreditiert ja regelrecht für einen inhaltlichen Beitrag.

Zeitliche Blindheit
Der Prozess der politischen Meinungsbildung, ebenso wie der gesellschaftlichen, bedarf einer langen Zeit, ebenso wie eines möglichst passenden Anlasses. Wenn dieser einmal angefangen hat, stellt der Abbruch einen enormen zeitlichen Verlust dar. Sich nachträglich der Reihenfolge unterzuordnen ist daher eine äußerst schlechte Alternative, zumal sich der Nutzen der Reihenfolge sowieso arg in Grenzen hält. Ob Reihenfolge oder nicht, es liegt ja faktisch ein Problem vor.

Räumliche Blindheit
Aus irgendeinem Grund herrscht der völlig naive Irrglaube vor, dass sich stets alle Personen um alle Probleme kümmern. Dass dem weder in einer Autowerkstatt, noch einer Tageszeitung und erst recht nicht in der Politik so ist, scheint viele zu überfordern. Selbst in einem Ministerium gibt es eine Vielzahl an Arbeitskreisen und Personengruppen, die sich alle um ganz verschiedene Probleme sorgen. Man kann gleichzeitig mehrere Probleme bearbeiten – in Raum A Problem X, in Raum B Problem Y. Die Bearbeitung des einen Problems stellt für jene des anderen kein Hindernis dar.

Fachliche Blindheit
Sowieso ganz spannend, keine Ahnung haben aber trotzdem etwas sagen. Die Bearbeitung eines Problems bedarf natürlich Fachwissens, bedarf eventuell wissenschaftlicher Erkenntnisse, Beratung, Meinungsforschung usw…
Das heißt, nicht alle Personen sind gleich gut geeignet alle Probleme zu bearbeiten. Ganz im Gegenteil gibt es für viele Probleme nur eine ausgewählte Anzahl an Personen, die zur Verfügung stehen, um das Problem zu bearbeiten. Diese können umgekehrt natürlich auch nicht jedes beliebige andere Problem bearbeiten. Analog zur zeitlichen Blindheit muss man zudem Einarbeitungszeiten beachten, deren Verwerfung einem nicht einmal einen effektiven Vorteil einbringt.

Anfangsblindheit
Schon öfters erwähnt und daher das Schlussschlusswort:
Es ist besser mit der Bearbeitung irgendeines Problems bis zur Lösung anzufangen, als darüber zu lamentieren, womit man überhaupt anfangen möchte.

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