Warum existiert etwas?

Eine Frage, welche die Philosophie schon so ziemlich seit ihrem Anbeginn beschäftigt, ist die Frage danach, warum es überhaupt Dinge gibt und woher eigentlich das Sein stammt. Die Beantwortung fällt bis dato so unbefriedigend aus, dass Wissenschaft und Religion sich hier nichts nehmen. Daher möchte ich einen Lösungsansatz bieten, der vielleicht nicht der praktikabelste ist, aber wenigstens das Kernproblem aufzeigt.

Ursache und Wirkung
Die Idee, dass jede Wirkung eine Ursache hat und das jede Ursache eine Wirkung nach sich zieht, ist eine elementare Grunderfahrung. Umgangssprachlich auch „von nichts kommt nichts“ gesprochen, ist sie wohl das Grundkonzept unserer Weltanschauung. Wissenschaftlich spricht man hier von Kausalität.
Kausalität heißt, dass Dinge zusammengehören, das nicht alles völlig zufällig geschieht. Wenn wir uns anschauen, dass ein Apfel zur Erde fällt, dann stellen wir uns die Frage WARUM er das tut. Diese Warum-Frage ist die Frage nach der Kausalursache – also nach jenem Fakt der Realität, der dafür sorgt, dass der Apfel nach unten fällt. Kausalität ist also die Folge der Erfahrung von Konstanz. Und diese Konstanzerfahrung übertragen wir von erlebten Fällen später auf andere Fälle der Gegenwart, Zukunft und eben auch der Vergangenheit.

Das Anfangsproblem
Die Übertragung in die Vergangenheit funktioniert an sich ganz gut. Zu allen geschichtlichen Ereignissen, zu allen physikalischen, astronomischen und sonstigen Begebenheiten lassen sie Nachforschungen anstellen und heutige Theorien helfen uns, damalige Ereignisse nachzuvollziehen. Die Konstanzerfahrung und damit die Annahme, es gäbe Kausalität, bestätigt sich unzähligfach. Dort wo wir Lücken zu sehen glauben, entdecken wir keine Verletzungen der Regel, sondern entdecken mangelndes Wissen über die Situation.

Bis auf eine Ausnahme: Der Anfang des Universums selbst. Alles, was danach geschieht, erweckt den begründeten Eindruck, kausal unproblematisch zu sein. Geht es jedoch um den Anfang des Universums, kommt das Problem: Das Prinzip von Ursache und Wirkung geht in beide Richtungen endlos. Es kann mit einer letzten Wirkung genauoso wenig anfangen, wie mit einer ersten ursache. Aber während es unproblematisch ist, eine endlose Wirkungskette zu denken, ist eine endlose Ursachenkette problematisch. Eine unendliche Ursachenkette benötigte unendlich Zeit, aber unendlich Zeit kann ja nicht vergangen sein, sonst wäre sie endlich. Also was denken?

Der unbewegte Beweger
Schon bei den frühen Philosophen zeigt sich dieses Problem. Der Anfang der Kausalkette ist nicht denkbar, weil er dem Prinzip der Kausalkette widerspricht. Doch einen Anfang muss es geben, also wurde eine Figur erfunden, die zum Teil einfach nur dazu dient, das Anfangsproblem zu lösen. „Der Gott der Philosophen“ oder der „unbewegte Beweger“ waren Bezeichnungen für dieses Ding. Bei Aristoteles etwa dienten sich nicht nur dazu, das Anfangsproblem zu lösen, sondern dienten auch gleich noch als das ultimative Ideal alles Seienden. Ein perfektes Wesen, das sich nicht bewegen muss, weil es eben perfekt ist und keiner Veränderung bedarf. Und alles andere bewegt sich wegen ihm, denn es strebe zur Perfektion.
Diese Gedanken wurden später auch im christlichen Bereich aufgenommen und auch dort findet man bis heute die Idee, dass Gott das Universum nicht nur erschuf, sondern dass das Anfangsproblem dies quasi „beweise“.

Die Scheinlösung der Urknallproblematik
Wissenschaftlich gesehen wurde das Anfangsproblem nicht wirklich entmystifiziert. Zwar wurde der Anfang als „Urknall“ bezeichnet, ein Ereignis in dem alles was existiert entstand – also nicht nur die Materie, die Objekte, sondern auch der Raum, die Zeit und die Naturgesetze selbst. Aber der Urknall ist unbeschreiblich, denn er ist die Quelle der Naturgesetze und kann nicht selbst durch diese beschrieben werden.
Als Lösung stehen diverse Welttheorien in den Startlöchern. Ob String-Theorie, M-Theorie oder was es da sonst noch so gibt. Sie alle haben den Anspruch, alle bekannten Naturgesetze zu vereinen und sie würden auch die Urknallproblematk lösen, weil sie erklären würden, wie es zum Urknall kam.

Dabei kommt jedoch ein Fehlschluss vor: Aktuell sind die Fragen nach der Ursache des Urknalles und der Ursache des Seins identisch, weil im Urknall das Sein entstand. Die String-theorie würde zwar den Urknall erklären, aber nicht, warum es etwas gibt. Denn in der String-theorie ist der Urknall nicht mehr die Ursache des Seins schlechthin, sondern nur unseres Universums. Oder besser gesagt der Raumzeitblase, welche wir als unser Universum wahrnehmen. Woher aber das kommt, was vor dem Urknall existierte, wird ebenfalls nicht geklärt.
Und es kann auch nicht geklärt werden, denn das wäre ein Widerspruch in sich.

Um zu erklären, wieso es überhaupt irgendetwas gibt, muss man ein Gesetz finden, welches dies beschreibt. Aber genau dieses Gesetz müsste ja erst mal gültig sein, es müsste existieren. Wenn es aber bereits existiert, besteht wieder die frage, woher es kommt. Es ist unmöglich den Ursprung der Existenz, weil man einfach immer weiter nach dem Ursprung fragen kann und nie zu einem Ergebnis kommt. Außer…

Der Ursprung des Seins!
Das Folgende ist sehr vage und mutet nicht unbegründeter Weise etwas absurd an. Aber der Grund ist schnell gefunden:
Der Ursprung des Seins, die Antwort auf die frage „warum existiert etwas“ hat bedingt durch unser Verständnis von Ursache und Wirkung eine absurde Antwort:
Der Ursprung der Existenz kann selbst nicht etwas sein, das existiert. Denn würde es existieren, wäre es Teil dessen, was es versucht haben soll. Ergo eine Verletzung des Kausalprinzips.

Naheliegend wäre also der Umkehrschluss: Der Ursprung selbst der Existenz ist etwas, das selbst nicht existiert. Der Ursprung des Seins ist etwas nicht-Seiendes. Oder eben: Die Natur der Natur selbst kann nicht Teil der Natur sein. Was nicht natürlich ist und trivialerweise nicht künstlich sein kann, ist also offensichtlich übernatürlich. Das darf man nun aber nicht mit Gott verwechseln, denn Gottes maßgebliche Eigenschaften sind nicht die „Übernatürlichkeit“ sondern die ganzen anderen Dinge, die ihm zugeschrieben werden. Aber das nur am Rande.
Man sollte sich aber nicht auf „übernatürlich“ einschießen, sondern behalte das nur exemplarisch im Hinterkopf. Die eigentlich Schlussfolgerung ist nur leider umso weniger greifbar.

Der Ursprung allen Seins, aller Existenz, aller Naturgesetze, kann selbst weder seiend, noch existent, noch gesetzmäßig sein. Sprich: Dieser Zustand ist absolut entgegengesetzt zu allen uns bekannten Erfahrungen. Er ist so entgegengesetzt, dass man hier nicht einmal von einem „Zustand“ sprechen kann. Positive Beschreibungen, also die Nennung jeglicher vorhandener Eigenschaften, sind ausgeschlossen. Zudem ist er frei von jeglichen Gesetzmäßigkeiten, weswegen ich dieses Ding einfach als „Chaos“ bezeichne. Ironischerweise ein Begriff, der bereits in der ersten Verwendung dazu genutzt wurde, den Ursprung des Universums zu bezeichnen (http://de.wikipedia.org/wiki/Chaos).

Meine Beschreibung ist lediglich noch etwas krasser: Im Chaos ist gibt es keine Regeln, keine Gesetzmäßigkeiten. Das Kausalprinzip, dass es stets Folge und Ursache gibt, gilt hier ebenso wenig, wie irgendein anderes Naturgesetz, hier gibt es keine Logik, keine Ordnung, keine Existenz im klassischen Sinne. Aber das Chaos ist deswegen nicht leer, es ist nicht Nichts. Das würde nämlich Konstanz bedeutet, es würde bedeuten, dass es doch irgendwie der Kausalität gehorcht und einen klaren Zustand habe. Doch genau das hat es nicht. Es hat keinen Zustand, keine Eigenschaften, keine Möglichkeit einer positiven Beschreibung. Vielleicht am ehesten kann man es als Potential bezeichnen. Das Chaos ist Alles und Nichts. Es kennt keine Grenzen, keine Ausdehnung, keine Füllung, keine Leere, keine Zeit, keinen Stillstand.
Um Shakespear zu paraphrasieren: „Sein oder nicht sein, das ist im Chaos keine Frage.“

Und nur um das noch einmal klar zu stellen:
Es geht hier nicht darum, einfach eine zusammengereimte Alternative in den Raum zu stellen.
Das Kausalprinzip besagt, dass es stets Ursache und Wirkung gibt, die verschieden voneinander sind. Die Ursache von allem, was existiert (einschließlich Naturgesetze) muss also etwas sein, das nicht nur nicht existiert, sondern das frei von jeglichen Gesetzmäßigkeiten ist. Und dieses „Etwas“ bezeichne ich als Chaos, denn das ist das Wort, das dem umgangssprachlich am nächsten kommt. Und ironischerweise ist es zugleich eine alte Bezeichnung für eben genau das, was ich jetzt wieder damit meine.

„Things just happen, what the hell.“ – Didactylos (Terry Pratchett – Hogfather)
Der finale Schluss ist nun bedingt logisch. Das Chaos kann nicht beschrieben werden, dennoch erlaubt es eine Schlussfolgerung: Bedingt durch die Herleitung ist es natürlich längst als der Ursprung des Seins bezeichnet worden. Aber nicht nur die Rückrichtung legt diesen Schluss nahe, sondern auch in die andere Richtung ist es plausibel. Da es frei von jeglichen gesetzmäßigkeiten, Reglen un Beschräkungen ist, mangelt es schlicht und ergreifend auch an einem Grund, dass daraus KEIN Sein hervorgehen könnte. Im Chaos gilt kein Kausalprinzip, es gilt kein „von nichts kommt nichts“. Mal abgesehen davon, dass es ja nicht einfach Nichts ist. Es ist frei von einer solchen Beschränkung und damit ist nicht ungewöhnlicher, dass daraus ein Universum entsteht, als die Annahme, dass daraus kein Universum entsteht.

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