Das Tier in mir

Bilder von toten Tieren, wie wir sie heute in der Öffentlichkeit am häufigsten zu Gesicht bekommen, haben meistens nur ein Ziel: Uns Grausamkeiten vor Augen zu führen. Dazu zählen ganz private Misshandlungen, die Herstellung von in Verruf geratenen Luxusartikeln bishin zu Dingen des alltäglichen Gebrauches. Letzteres vorrangig alle nichtveganen Nahrungsmittel betreffend. Aber was sollten wir mit denen anfangen?

Diese Bilder sollen nicht bloß informieren und visualisieren, sie sollen uns auch bewegen. Im Idealfall zu einem Lebensstil, welcher sich auch des passiven Nutznießertums solcher Verhaltensweisen abwendet. Sprich: Ein veganer Lebensstil.
Wie es bei Bildern üblich ist, sollen sie eine Botschaft tragen, sie sollen mindestens 1000 Worte ersetzen und uns auf einer emotionalen Ebene treffen.

Exkurs in die Gesellschaft
Die Logik dahinter ist so simpel wie fehleranfällig. Wir Leben in einer Gesellschaft, in der wir eine extrem breite Fächerung an Arbeitsteilung vorweisen können. Viele Tätigkeiten, die man früher noch selbst gemacht hat, sind „outgesourct“. Ich backe mein Brot nicht selbst, presse nicht selbst meinen Apfelsaft, braue nicht mein eigenes Bier, schneidere nicht meine eigene Kleidung. Reparieren muss man allerdings meist noch selbst, sofern man nicht gleich zu neuen Produkten greift (geplane Obszeleszenz ftw). Aber mal abgesehen davon, liegen viele Tätigkeiten heutzutage in den Händen von anderen. Erwähnenswert ist hier insbesondere die Auslagerung vom Tod selbst. Ganz gleich ob Mensch oder Tier, der Tod ist trotz seiner zu erwartenden Allgegenwärtigkeit aus der Mitte der Gesellschaft verbannt worden. Mit toten Menschen kommen vorrangig Bestatter_innen und Polizei in Berührung, Pflegepersonal und die Belegschaft in Krankenhäusern. Aber geht man hinaus auf die Straße, ist der Tod schlicht und ergreifend nicht präsent. Man sieht vielleicht einmal die sterblichen Überreste naher Verwandter. Aber bis ins fortgeschrittene Alter kann man die Toten, die man sieht, gut und gerne an einer Hand abzählen. Verglichen damit ist die Anzahl an toten Tieren gigantisch, wenn man die meisten Haustiere und deren erwartete Lebenserwartung bedenkt.

Und Haustiere sind so ziemlich die einzigen Tiere, mit denen wir zu tun haben und die einzigen Tiere, deren Tod wir demzufolge miterleben. Der Tod anderer Tiere finden nicht vor unseren Augen statt, er wurde ebenfalls ausgelagert. Die einzigen Tiere, mit denen wir uns noch umgeben, sind solche deren Leben wir wertschätzen und deren Verlust uns persönlich trifft. Tiere, die wir als Freunde oder gar Schutzbefohlene empfinden. Damit entwickelt sich natürlich auch eine ganz andere Einstellung zum Leben und Sterben von Tieren.

Es fällt uns nur allzu leicht, in einer Gesellschaft, in welcher der Tod nicht zu existieren scheint, ihn entsprechend zu ignorieren. Und es fällt uns leicht, in einer Gesellschaft, in welcher das Leben und die Leidlosigkeit zu Idealen werden, auch Leben und Leidlosigkeit auf alle Lebewesen zu übertragen. Es besteht schlicht und ergreifend kein Anreiz, eine Unterscheidung zu machen. Und so kommt es, dass das Recht auf Leben allen Lebewesen zugesprochen wird. Außer sie landen auf unserem Teller. Aber das wird ausgeblendet. Manche sprechen hier von einer Schizophrenie, einer absurden Tierliebe. Eine tote Giraffe ist Verbrechen, eine Tote Kuh ist irrelevant.

Schizophrenie des Leids
Und nun kommen solche Bilder, Bilder von toten Kühen, toten Kälbern, vielleicht geschmückt mit dem Berichten eines Arztes, der erzählt, wie er das im Bauch strampelnde Kalb der ausblutenden Kuh sah. Sie zielen darauf ab die entwickelte Schizophrenie aufzubrechen. Uns daran zu erinnern, dass nicht nur unsere Hunde und Katzen und die Giraffen im Zoo lebenswertes Leben sind, sondern auch die Kuh auf unserem Grill, das tote männliche Küken und das Huhn, dessen Eier wir verzehren.

Ihnen allen soll dasselbe Recht auf Schutz des Lebens zukommen, wie wir es unseren Haustieren zuteil werden lassen und wie wir Menschen es uns gegenseitig zuschreiben.

Haken 1
Meine dilletantischen Herleitungen vom Anfang führen dabei zu einem ersten Problem hin. Die Lösung, das Recht auf Leben den Tieren zuzuschreiben, ist nur eine mögliche Reaktionsform. Die Lösung, das eigene Essensverhalten umzustellen ist natürlich das, was Vegetarier_innen und Veganer_innen gerne sehen würden. Und das ist nun wirklich kein verachtenswerter Gedanke. Aber es gibt auch die andere Möglichkeit. Nicht die lächerlichen Trotzreaktionen, vielleicht stilisiert in Bildern von Männern am Grill mit einem fetten Steak in der Hand, aber in Gedenken an den Bauern und die Bäuerin, die der Kuh die Kehle durchschneiden oder anderweitig töten.

Der Grund für unsere Übertragung des Lebensrechtes auf Tiere oder gar Lebewesen allgemein, liegt in unserem Umgang mit dem Tod bzw. der Vermeidung eines solchen Umganges durch die Auslagerung in unserer Gesellschaft. Aber prinzipiell wäre anstelle der Umstellung des eigenen Essverhaltens auch die Umstellung der eigenen Ansichten eine mögliche und rational nachvollziehbare Reaktion.

Und sie wäre nicht gänzlich aus der Luft gegriffen. In der Natur ist es völlig normal, dass Tiere sterben und gefressen werden. Die Frage nach dem Lebensrecht wird hier ebenso wenig gestellt, wie jene der Leidlosigkeit. Im Punkt des leidlosen Tötens sind wir so manch anderen Tieren weit voraus. Man darf zurecht einräumen, dass dem nicht immer der Fall ist, vielleicht sogar in der Mehrzahl der Fälle (ich kenne keine Vergleichswerte). Auch, dass das natürliche Leben der Tiere weitaus weniger Leid beinhaltet, als das in den Tierfabriken der Massentierhaltung.

Die Essenz ist dennoch: Das Mitleid das wir empfinden, ist ein Nebenprodukt unserer gesellschaftlichen Entwicklung.

Haken 2
Das Recht auf Leben gilt allem Leben. So reden wir es uns ein, so glauben wir es zu vertreten, bis dann plötzlich das gute Steak auf dem Tisch landet. Oder die Salami auf dem Brot. Das Ei in der Pfanne und so weiter…

Was wir dabei häufig vergessen ist, was überhaupt ein „Recht“ ist. Wir umschmeicheln uns gerne damit, dass das Recht auf Leben ebenso wie alle Menschenrechte dem Menschen von Natur aus zustehen. Das ist leider nur romantischer Blödsinn. Große Worte und leere Luft, welche eine bedeutende philosophische Problematik umgehen. Ein „Recht“ ist nichts anderes als ein einforderbares Zugeständnis. Und damit es einforderbar sein kann, muss es eine Instanz geben, welche die Macht und den Willen hat, eine solche Forderung zu erfüllen. Diese Instanz, das ist die zentrale Macht im Staat. Diese Macht, das ist die Staatsgewalt, für welche wir nach einigen blutigen Phasen die aktuell geltende Gewaltenteilung etablierten.

Ohne Macht, ohne Gewalt kann es kein Recht geben. Nur leere Worte, welche mehr oder minder hübsch klingen. Tiere können also nicht von Natur aus dieselben Rechte haben, wie Menschen. Denn Rechte sind eine menschliche Erfindung, Rechte selbst sind Kulturgüter, sie sind künstlich und somit trivialerweise nicht natürlich.

Deswegen haben wir nicht nur ein Legitimationsproblem mit den Menschenrechte weltweit, sondern insbesondere auch mit der Anwendung solcher Rechte auf Lebensformen, die aktuell davon ausgeschlossen sind.

Ergebnis (?)
Rechte zuzusprechen, egal wem, ist immer eine Sache von Macht. Und dass unsere Gesellschaft tatsächlich ein inkonsequentes Bild zu tierischem Leben entwickelt hat, steht außer Frage.

Aber wie eine konsequente Änderung aussehe, steht offen. Wir können uns entscheiden vegan zu leben, oder eben aus der Auseinandersetzung heraus Tieren gewisse Rechte absprechen. Löwen sind auch weiterhin Fleischfresser. Wir kommen nicht umhin, den Tod von Tieren in unserer Gesellschaft hinzunehmen und zu akzeptieren. Nicht weil wir Löwen und andere Tiere in Zoos halten, sondern weil wir auch deren Existenz wertschätzen, obgleich sie selbst vom Tod anderer Tiere leben.

An dieser Stelle wird die Auseinandersetzung schwierig. Denn Tod ist nicht gleich Tod. Der Mensch steht außerhalb des natürlichen Gleichgewichtes und hat damit die Wahl, das Leben und den eigenen Speiseplan zu verändern. Gleichwohl wollen wir außenstehend das Gleichgewicht aufrecht erhalten oder wiederherstellen. Und wir sollen uns auch ein bisschen schuldig fühlen, was wir für Schaden angerichtet haben (auch wenn man deswegen trotzdem nicht auf Jäger_innen verzichten kann).

Die Frage, die wir uns also stellen müssen: Wie viel oder wenig ist uns ein Tierleben wert?

Und das alleine im Kontext von Nahrungsmitteln. Wenn wir auf ein Bild mit toten Kälbern schauen, fragen wir uns einmal ernsthaft: Ist es uns das wert?

Ist es mir das wert?

Ich möchte sagen… ich weiß es nicht. Ich bin unschlüssig.

Bilder von toten Tieren sind reichlich unästhetisch, auch weil ich fast nie in Kontakt mit dem Tod komme. Aber würde ich das tun, würde ich den Tod als allgegenwärtig erleben, als etwas normales und natürliches und nicht als etwas, das aus meinem Lebensumfeld durch gesellschaftliche Entwicklungen herausgetragen wurde, dann würde ich darüber anders denken. Und dann würde ich kein Problem mit toten Kälbern haben, wie ich auch jetzt keines mit Abtreibungen habe, wie ich keines damit habe, dass Löwen eine Giraffe fressen.

Als ich ein Kind war, hatten wir einen Stallhasen. Als ich ein Kind war, landete dieser Hase irgendwann in unserm Essen. Eine tiefe emotionale Auseinandersetzung damit hatte ich nie. Wohl auch, weil ich vermutlich keine tiefe emotionale Bindung zu dem Tier hatte. Aber ich kannte ihn. Würde ich ihn heute essen? Vielleicht. Und vielleicht würde ich mich auch freuen, bei der Schlachtung dabei zu sein. Nicht aus Geilheit, sondern um etwas ganz natürliches zu sehen: Den Tod. Und um mich zu fragen, ob es mir diese Mahlzeit wert wäre. Vielleicht würde ich „Ja!“ sagen. Nicht aus Trotz, sondern weil ich einfach ein Speziezist sein würde. Weil ich sehen würde, wie es ist ein Tier als Objekt zu behandeln. Und weil ich vielleicht feststellen würde, dass ich daran nichts Schlimmes finde. Daran sicherlich, dass sie leiden, aber vielleicht nicht daran, dass sie sterben.

Tiere sind Nahrung.
Wir Menschen haben sie nicht dazu gemacht, aber wir haben die Wahl, sie nicht als solche zu behandeln. Wir können uns entscheiden, ob wir den Tod und die Qual von Kälbern in Kauf nehmen, um unsere Milch trinken zu können. Ob wir es gut heißen, dass Tiere für unseren Bedarf an Luxus und Gewohnheit leiden und sterben.

Eine Wal zu haben heißt jedoch auch, das Leid möglicherweise zu akzeptieren. Was wir dann aber ehrlich tun sollten ist, es zu kennen. Wir müssen keine Kuh töten, um uns ein Steak zu verdienen. Aber wir müssen verstehen, dass die Kuh dafür lebt und leidet, wir müssen begreifen, welcher Schaden an Tier, Mensch und Umwelt entsteht. Dann kann man immer noch sagen, man akzeptiere das Leid – das ist das Recht in unserer Gesellschaft.

Die letzte Frage, die man sich dazu aber stellen sollte ist:

Akzeptiere ich das Leid, weil ich es aus ethischer Sicht als gerechtfertigt empfinde?

ODER

Akzeptiere ich es nur, weil ich es gewöhnt bin?

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kommentare abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s