Schrödingers Mensch

Schrödingers Katze sollte wohl den meisten Menschen ein Begriff sein. Eine Katze, die zugleich tot und lebendig ist, bis wir nachschauen – klingt völlig abgehoben und absurd? Natürlich, denn genau darum ging es. Die Vorstellung, ein Organismus könne zugleich tot UND lebendig sein und zwar bis zu dem Zeitpunkt, zu dem Mensch nachschaut – das kann so nicht stimmen. Nicht mehr wollte Schrödinger sagen und doch ist es nicht ganz so absurd wie wir glauben.

Leben und Tod

Schon im Artikel zum Fleischverzehr äußerte ich mich dazu, dass wir Menschen den Tod aus unserem Leben quasi ausgelagert haben. Wir persönlich töten keine Tiere, wir sehen im Leben nur eine Handvoll toter Menschen. Ein Nebeneffekt der Arbeitsteilung und Spezialisierung in unserer Gesellschaft und an sich nicht schlimm – aber es prägt unser Verhältnis zu solchen Themen.

Wir kennen Leben und Tod als klare Gegensätze, weil das die Zustände von Lebewesen sind, mit denen wir zu tun haben. Diese Gegensätze gelten ganz klar für Lebewesen – Schrödingers Katze ist entweder tot oder lebendig, aber nicht beides gleichzeitig. Jedoch da muss man einen Abstrich machen, der uns bei Tieren tatsächlich kaum interessiert. Der Abstrich liegt zwischen den beiden Zuständen (dem Sterben) und nicht der Frage danach, wann genau ein komplexer biologischer Organismus tot ist, sondern jemand.

Körper und Geist

Die Frage, wann genau ein Mensch tot ist, spielt gerade in der Medizin eine Rolle. Und es ist eine Frage, die in dem Moment problematisch wird, in dem wir uns Fragen, was uns an Menschen wirklich schert. Ganz gleich ob Eltern, beste_r Freund_in, oder der Mensch an der Supermarktkasse – das Hauptinteresse gilt nicht der Frage, ob es sich um lebende menschliche Organismen handelt, sondern um deren Persönlichkeit. Die Trennung von Körper und Geist ist hier ganz elementar. Wir wissen, dass ein toter Körper zu mindestens keine Person mehr in der Form ist, als dass wir direkt mit ihr kommunizieren könnten. Klar kann man an eine Seele und sonstige esoterische Vorstellungen glauben und sagen, dass die Person ohne Körper existieren kann. In jedem Fall steht man aber am Lebensende vor der Frage, wann genau die Einheit von Körper und Geist aufgehoben ist – wann also der Körper und die Person keine Einheit mehr bilden. Entweder, weil die Person beispielsweise in Form der Seele den Körper verlasen hat oder weil die Person schlicht nicht mehr existiert. Die Frage indes, wann der Organismus tot ist, macht weniger Probleme. Unser Körper ist ein unglaublich komplexes Ding, in dem erstaunlich wenig schief gehen muss, damit der gesamte Kreislauf irreversibel zusammenbricht.

Schrödingermenschen

Der Körper sei also einmal nicht das Hauptaugenmerk, sondern der Geist. Und hier steht dann das Problem: Was ist der Geist bzw. die Person und wann ist eine Person unabhängig vom Körper tot?

Das ist eine Frage, mit der nur wenige Menschen überhaupt in Kontakt kommen, weil es sich um einen eher seltenen Fall handelt. Meistens kommt der körperliche Tod und die Person verschwindet dann einfach mit. Und wir erleben effektiv den Zustand „Mensch lebt“ und „Mensch lebt nicht“, also eine Außensicht auf den gesamten Organismus. Mein Interesse gilt jetzt jedoch der Aufgliederung des Organismus und Körper und Person und die Situation, dass der Körper lebt, die Person aber nicht mehr. Ein Mensch, der zugleich tot und lebendig ist und den ich an dieser Stelle als Schrödingermenschen bezeichne.

Was ich nicht bin

Unabhängig vom Glauben ist weltweit übergreifend der Kopf das, was eine Person ausmacht. Mehr noch das zentrale Nervensystem – sprich Gehirn. Ganz gleich welchen Körperteil man verliert, selbst der Verlust eines beliebigen Organes führt nicht zum Verlust der Person. Die meisten führen zum Zusammenbruch des gesamten Kreislaufes und damit einher dem Absterben des Gehirns, aber erst das tote Gehirn geht einher mit der toten Person.

Denn solange man die Funktion des Organs noch technisch ersetzen kann oder gar ein Ersatzorgan findet, kann die Person weiterhin bestehen.

Das tote „Gehirn“

Die Aufteilung der Persönlichkeit in mehrere Bereiche geht mindestens auf Platon und seine Lehre der 3 Seelenteile zurück. Heutzutage haben wir dank bildgebender Verfahren und diverser Untersuchungen eine weitaus bessere und detailliertere Vorstellung davon, was das Gehirn eigentlich tut und dass es das nicht als Einheitsbrei tut. Das Gehirn besteht aus vielen Arrealen, die mehr oder minder einzelne Aufgaben erfüllen. Es gibt ein Sehzentrum, das die Nervenreize der Augen verarbeitet, Bereiche für Sprache, logisches Denken, Reden, Lesen und so weiter… Und wenn diese Bereiche absterben, verlieren wir in der Regel die zugehörige Fertigkeit. Sprich: Das Gehirn kann, ebenso wie der Körper, teilweise absterben, ohne gänzlich tot zu sein.

Mit dem Gehirn als Sitz der Person kommt dann natürlich auch die Frage auf, was genau vom Gehirn die Person ausmacht.

Ich als Person bin auch dann noch komplett da, wenn mir das Sprachzentrum durch einen Unfall zerstört wird. Demzufolge heißt das auch, wenn mir jemand das Sprachzentrum operativ entfernt und in der Hand hält, hat diese Person nicht „mich“ in der Hand, sondern quasi eine Fertigkeit von mir.

Das heißt, nicht nur mein Körper und ich als Person sind verschieden, sondern ebenso mein Gehirn als ganzes und Ich. Und dann wäre die Frage, welche Bereiche sind NICHT verschieden von mir.

Die eigentliche Frage

Anstatt sich nun den Kopf über die Frage zu zerbrechen, welche Bereiche Ich sind und welche nicht, ist viel wichtiger die Frage, ab wann wir den Status des Schrödingermenschen erreichen. Ein Status, der also völlig möglich ist und der am Ende eine hohe medizinische Brisanz hat – denn so ein lebender menschlicher Körper ist mehr als bloßer Müll, um dessen Entsorgung wir uns noch scheren sollten. So ein Schrödingermensch hat moralisch eine ganz andere Position, als andere Menschen. Es geht um die Problemstellung der Organspende, verschiedener komatöser Zustande, ebenso um passive Sterbehilfe bzw. das beenden aller lebenserhaltenden Maßnahmen. Und wenn man noch einen Schritt weiter geht, kann es auch um Forschung gehen und also insgesamt die Frage, welche Rechte ein solcher Schrödingermensch haben sollte und welcher Nutzen daraus gezogen werden könnte.

Die „Schrödingers“

In der Medizin besteht kein Zweifel daran, dass bereits der Tod des Großhirnes einen Zustand darstellt, ab dem keine Persönlichkeit mehr vorhanden ist. Also ein Zustand, in dem die Person tot ist, während der Kreislauf noch Jahrzehnte aufrecht und der Körper am Leben gehalten werden kann.

Um eine Analogie aus Scrubs zu ziehen: ein Zustand wie eine Kartoffel. Und zwar wirklich eine Kartoffel – nicht ein bloßer Mensch, der durch Schädigungen des Gehirns in irgendeiner Form nicht mitteilungsfähig ist, nicht das bloße Fehlen von Bewusstsein, nicht ein Koma, bei dem (noch so) geringe Aufwachchancen bestehen. Es geht nicht um eine äußere Betrachtung, bei der man schaut, wie der Mensch reagiert, sondern eine Analyse des Inneren mit der Feststellung, dass der menschliche Körper nur noch den Personenstatus einer Kartoffel erreicht – und zwar definitiv.

Fazit (oder so)

Das ist ein kritisches Thema, denn als Ottonormalverbraucher_in kommt man fast nie mit dem Grenzbereich in Kontakt, man muss sich nicht intensiv damit auseinandersetzen, ob es eine Differenz zwischen Körper und Person gibt.

Aber für eine gesellschaftliche Debatte ist es wichtig, sich zu überlegen, was man mit einem solchen Schrödingermensch tun will. Es geht auch um hochemotionale Themen und die Frage, ob man es verkraften kann, einen lebenden Körper zum Tode zu verurteilen, auch wenn sich darin einmal eine Person befand, die einem am Herzen lag.

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