Wieso ist Superreichtum schlecht?

Mich beschäftigt schon seit geraumer Zeit, ob meine Verachtung gegenüber Superreichtum begründet werden kann. Ich suchte nach irgendeinem leicht verständlichen Mechanismus. 62 Menschen besitzen so viel, der der gesamte Rest der Menschheit zusammen. Das ist schlecht, da war ich mir stets sicher. Doch anstatt irgendwie mit Inflation und Kaufkraft zu argumentieren, habe ich hoffentlich endlich ein einfaches Konzept gefunden, das erklärt wieso das schlecht ist.

Man könnte meinen, wenn es allen Menschen besser ginge, wäre es kein Problem, wenn dabei die Reichen noch reicher werden würden. Und es ist kein Geheimnis, dass ein massiver wirtschaftlicher Kollaps, welcher auch deren Vermögen vernichten würde, für den Rest der Gesellschaft kein Spaziergang wird. Ganz im Gegenteil. Das heißt aber noch lange nicht, dass Reichtum für die Gesellschaft gut ist. Ein Kollaps schadet halt so ziemlich allen, außer vielleicht einigen abstrusen Finanzdienstleistern. Ein Atomkrieg schadet neben Terroristen auch dem einfachen Volk – das sagt nichts darüber aus, ob Terroristen nun schlimm sind oder nicht. Nun ist Reichtum natürlich was anderes als Terroristen. Abgesehen vielleicht von der Zerstörung der Umwelt, der Überfischung der Meere, der Ausbeutung der dritten Welt mit unzähligen Hungertoten, die finanzielle Beteiligung an Kriegen und schmutzigen Lobbykampagnen und Steuerhinterziehung – alles um den eigenen Reichtum zu mehren…

Zum Modell

Denken wir uns eine Sanduhr, in der wir die beiden Behälter einfärben. Machen wir denen einen Blau und nennen ihn Jenny, den anderen Grün und Jonny. Jenny und Jonny haben zusammen sagen wir 10.000 Sandkörner, welche ihr gesamtes Vermögen darstellen.

Jedes mal, wenn wir die Uhr drehen und Sand fließt, meint dies Geld, das vom Anbietix zum Käufix fließt. In die entgegengesetzt Richtung würden Waren und Dienstleistungen fließen. Statt des gewöhnlichen Geldkreislaufes, zeigt unsere Sanduhr dabei ganz schön den Dreh und Angelpunkt unserer gesamten Wirtschaft: das Bruttoinlandsprodukt, oder wenigstens etwas, das dem nahe genug kommt. Es ist nämlich der buchstäbliche Drehpunkt: die kleine Öffnung, die Jenny und Jonny verbindet bzw. ganz genau genommen die Menge an Sand, die dort durchrieselt.

Jedes Sandkorn, das durch die Mitte rieselt, ist ein Umsatz. Dabei ist egal, in welche Richtung der Sand fließt. Je mehr Sand in einer bestimmten Zeit durchfließt, desto mehr Umsatz wird gemacht desto größer ist das BIP. Jenny und Jonny haben natürlich nur begrenzt finanzielle Mittel und können nicht ihr gesamtes Jahresgehalt an einem Tag ausgeben, deswegen ist begrenzt die Öffnung den möglichen Durchfluss.

Nun leben wir in einer Wachstumsgesellschaft. Das heißt, der Sanddurchfluss soll möglichst größer werden. Wie macht man das? Die Zentralbanken der Welt versuchen durch niedrige Leitzinsen und Gelddrucken zu helfen. Sie pumpen dadurch mehr Sand in die Uhr und hoffen damit, die Zeit in denen die Uhr neutral steht, so gering wie möglich zu halten. Wenn idealerweise permanent so viel Sand wie möglich von Jonny zu Jenny fließt oder umgekehrt, dann wird der mögliche Durchfluss ausgereizt. Natürlich braucht es dafür nicht nur mehr Sand, sondern auch einer regelmäßigen Bewegung der Uhr. Wenn Jonny lieber alles Geld sparen will und sich der Sand bei ihm staut, wenn also niemand mehr konsumiert, dann gibt es keinen Durchfluss mehr. Daher möglichst viel Sand reinwerfen, den Jonny und Jenny ausgeben können, ohne Angst um Rücklagen zu haben.

Nachdem wir Jonny und Jenny also mit möglichst viel Sand ausstatten, damit sie jederzeit Geld ausgeben „können“ und wir mit der Bewegung der Uhr sicherstellen, dass sie genug ausgeben „tun“, was noch? Nun wir können natürlich eine größere Öffnung nehmen. Je größer die Öffnung, je mehr Sand pro Sekunde durchfließen kann, desto bester für viel Sanddurchfluss. Eine größere Öffnung entspricht höheren Ausgaben – das geschieht etwa durch Inflation oder dadurch, dass die Menge an Produkten zunimmt, die Jonny und Jenny unbedingt haben wollen. Beides sorgt dafür, dass es mehr Gründe gibt, Geld auszugeben und weniger zu sparen. Denn Sparen ist böse, falls ihr das noch nicht wisst. Alles Geld das gespart wird, trägt nicht zum BIP bei und bedeutet damit eine Reduktion an Wirtschaftswachstum. Auch da sind niedrige Zinsen natürlich gut, um Ausgaben und Investitionen anzukurbeln. Wenn man natürlich keine Zentralbank ist, versucht man lieber durch Werbung und innovative Produkte oder als Politik durch eine Abwrackprämie Einfluss darauf zu nehmen, wie viel Geld ausgegeben wird.

Wo ist nun der Reichtum?

Soweit haben wir erstmal ein ziemlich simples Modell. Jonny kauft Sachen von Jenny und umgekehrt und so fließt Sand durch die Uhr und damit haben wir ein BIP. Und jetzt fangen wir an, jedes zehntausendste Sandkorn, das durch die Mitte fließt, heraus zu nehmen und in eine Schale zu legen. Die Schale nennen wir Superreichtum. Klar, ein Sandkorn ist nicht viel. Und nur jedes Zehntausendste? Auch da dauert es ja ewig, bis etwas Spannendes passiert… Jenny und Jonny würden lange Zeit nicht bemerken, dass Geld abhanden kommt. Wenn sie eine große Anschaffung machen wollten, die 10.000 Sand kostet, dann gäbe es ein Problem, aber das geht ja schon wegen der Öffnung nicht. In der Realität, weil man halt nicht immer riesige Beträge auf dem Konto zurücklegen kann. Statt große Beträge auf einmal zu zahlen, zahlt man in kleineren monatlichen Raten, die passen durch die Öffnung.

Aber auf lange Sicht, wird aus dem fehlenden Sand ein Problem. Je weniger Sand in der Uhr ist, desto geringer werden die Spielräume für Jenny und Jonny. Umso schneller ist ihr Sand alle und sie müssen darauf warten, das von der anderen Seite wieder Sand zu ihnen fließt. Es mag viele Durchläufe dauern, einige Jahre mag es ohne Probleme gut gehen. Beide fangen wohlhabend an und geben ihren Sand normal aus. Auch dass die Öffnung größer wird und sie schneller Geld ausgeben und wieder bekommen (etwa durch Gehaltserhöhungen), läuft vorerst gut. Vielleicht fliegt man mal in einen teureren Urlaub oder macht sich andere schöne Anschaffungen. Und dann bekommt man einen Boni oder man hat es halt einfach so angespart.

Derweil aber wächst die Schale mit dem Superreichtum immer weiter an. Sie beinhaltet Geld, das nicht ausgegeben wird, das nicht mehr Anteil am Wirtschaftskreislauf hat, sondern auf irgendwelchen Konten liegt. Und was macht Geld auf Konten? Nun es wird natürlich von den Banken als Kredite zur Verfügung gestellt, um Zinsen zu kassieren (andere hochspekulative Finanzgeschäfte ausgeblendet). Also färben wir den Schalensand rot ein und werfen ihn zurück ins System. Und je mehr roter Sand in der Uhr ist, desto mehr Sandkörner nehmen wir regelmäßig heraus – als zu zahlende Zinsen. Natürlich erlauben wir nur, Zinsen mit ungefärbtem Sand zu bezahlen, dann färben wir ihn und werfen ihn zurück.

Klar ist nun erstmal, die Verschuldungsrate im System nimmt unaufhaltsam zu und ebenso der Superreichtum. Woher kommt neuer Sand für Jenny und Jonny? Nicht von den Zentralbanken, denn die verschenken kein Geld, sondern geben Kredite zum Leitzins aus. Nicht von den Superreichen, denn die geben niemals so viel aus, dass dadurch ihr Vermögen und damit der rote Sand wesentlich reduziert werden würde. Daher kann man das ignorieren.

Und wenn nun aber die verwöhnten und verzogenen Kinder der Superreichen durch Misswirtschaft das gesamte Geld verschleudern? Das ist tatsächlich ein gängiger „Mechanismus“, dem die wissenden Eltern versuchen mit Fonds und Stiftungen entgegen zu wirken. Unabhängig davon ist es natürlich keine gute Aussicht, wenn man erst selten dämliche Erben braucht, damit etwas funktioniert.

Aber Gehälter steigen, die Wirtschaft wächst, Jenny und Jonny haben doch anscheinend mehr Geld… Anscheinend, ja. Als reale Person mag man mehr Geld haben, aber dem Geld steht andernorts ein Kredit gegenüber. Ein Kredit, den die andere Person wiederum abbezahlen müsste.

Der reine Sand in der Uhr, wird stetig weniger. Keine reale Person möchte Kredite aufnehmen, um Ausgaben zu tätigen (für Unternehmen sieht das anders aus). Und solange man den Durchfluss in der Uhr groß hält, müssen Jenny und Jonny auch lange keine Kredite aufnehmen. Lange hält aber nicht ewig. Selbst wenn wir die Öffnung irgendwann so groß machen, dass aus der Sanduhr ein simpler Zylinder wird, die Menge an Sand, die Jenny maximal haben kann, ist begrenzt und schrumpft stetig, denn stetig fließt Geld zu den Superreichen, die es dann nicht mehr ausgeben. Und auch wenn Jonny jedes Korn, das bei ihm ankommt, sofort wieder ausgibt und wir unsere Sanduhr, die inzwischen ein Zylinder ist, wie wahnsinnig schütteln, es wird nicht besser. Klar beim wahnsinnigen Schütteln erzeugen wir total schnell total viel Durchfluss, das BIP explodiert regelrecht. Aber derweil wird der Sand immer roter und roter. Und das immer schneller. Und was machen wir, wenn alles rot ist? Dann werfen wir das Glas auf den Boden und nennen es eine Revolution, einen Wirtschaftskollaps, einen dritten Weltkrieg. Was uns gerade passt.

Ist das realistisch? Superreichtum fällt nicht vom Himmel, sondern entsteht, weil jemand ein Angebot bietet, das viele Nutzen und wofür viele zahlen. So viele, dass das Angebot irgendwann weit mehr Geld in die eigenen Taschen spült, als man jemals ausgibt. Und das Geld, das dann übrig ist, wird trotzdem versucht anderweitig gewinnbringend einzusetzen. Sei es für Zinsen auf der Bank oder Fonds oder Investitionen in Unternehmen. Wichtig dabei ist, jede dieser Investitionen soll das Geld weiter vermehren, nichts davon geht rein zurück in den Markt. Einzig wenn eine Fehlinvestition, in der man das Geld „verliert“, würde den roten Sand entfärben. Fehlinvestitionen sind aber die Ausnahme und nicht die Regel. Ansonsten wird das Geld so angelegt, dass es am Ende mehr ist. Und woher kommt das Geld? Auch Geld fällt nicht vom Himmel. Wenn ich die Schürfrechte an einem Stück Boden erwerbe und dort Gold finde, dann habe ich damit quasi neuen Wert erschaffen. Aber niemand druckt den Wert in Scheinen aus und gibt den mir. Ich kann es nur für Geld verkaufen, das bereits irgendjemand hat. Und die Geldmenge im System wird nur größer, indem ihm eine gleichgroße Schuld gegenüber gestellt wird.

Wie sieht es in der Realwirtschaft aus?

Harte Verhandlungen um Freihandelsabkommen zeigen, wie sehr man bemüht ist den Sand am fließen zu halten. Fußballer verdienen sich dumm und dämlich, weil sie beliebte Werbeplattformen sind. Die Zentralbanken drücken den Leitzins in den Dreck. Das alles dient dazu, den Sanddurchfluss zu erhöhen. Egal ob reiner oder roter Sand, Hauptsache viel geht hin und her. Dabei geht es nicht nur um Konkurrenz und Marktanteil, sondern auch um Marktsättigung. Konsum kann nicht unendlich wachsen. Irgendwann hat man alles, was man braucht oder was man räumlich und zeitlich noch so verschwenderisch unterbringen kann.

Je mehr Geld hin und her geht, desto mehr Geld hatte jedix mal in der Hand. Daher wird ein hohes BIP natürlich mit viel Wohlstand assoziiert. Wer viel Geld ausgibt, kauft sich davon viele Sachen und hat dann viel Besitz.

Kredite sind dabei toll, weil das noch mehr Geld ist, das erstmal ausgegeben wird. Zu doof, dass Kredite irgendwann zurück gezahlt werden müssen, das bringt keine schönen Ausgaben…

Fazit

Die Reichen werden immer Reicher, weil die Armen immer ärmer werden. Es gibt keine Geldgeschenke im System. Es gibt kein unendliches Wachstum. Die Menge an Sand ist begrenzt, der Durchfluss hat eine rationale Grenze, die ohne sinnlosen Wahnsinn nicht überwunden werden kann. Und Superreichtum schadet dem BIP, dem damit assoziierten Wohlstand und letztlich natürlich der Gerechtigkeit, wenn es immer schwieriger wird, reines Geld zu bekommen und permanent auf Pump leben muss. Denn es ist unmöglich, dass die gesamte Gesellschaft auf Pump lebt. Irgendwo muss schließlich das Geld herkommen, mit dem am Ende die Schulden getilgt werden sollen. Das Geld aber wiederum liegt in Form von Forderungen im Superreichtum. Und solange der nicht verschwindet, solange der dem System immer weiter Geld entzieht, solange steuert das System auf eine Wand zu, an der die Sanduhr am Ende zerschellt.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Wirtschaft und Politik abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Wieso ist Superreichtum schlecht?

  1. Pingback: Sozialer Kapitalismus dank Trump? | Shuizid

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s