Wie funktionieren Bestätigungsbiasse?

Nachdem ich mal wieder meinen Spaß dabei hatte, mich in sinnlose Disskussionen zu verstricken, mit Leuten deren Vorstellung von einer fruchtreichen Diskussion darin besteht, solange ihre Ansicht wider aller rationalen Logik zu wiederholen, bis ihnen doch alle zustimmen müssen, hatte ich endlich mal Lust, meine Erfahrung mit diesem häufig auftreten Bias zu teilen und seinen mir aktuell bekannten 3 Unterarten zu teilen. Was für ein langer Satz O.o

 

Form 1: Jemand stimmt mir zu, also habe ich Recht

Wir alle haben uns im Laufe des Lebens Ansichten angeeignet. Wir haben eine Vorstellung davon, wie Dinge funktionieren und demzufolge glauben wir natürlich einer Quelle, die genau das sagt, was wir glauben. Umgekehrt glauben wir Quellen eher nicht, die etwas sagen, das wir nicht glauben.

Das ist der klassische Bestätigungsbias und an sich erstmal trivial. Natürlich glaube ich Dinge, die ich glaube und nicht umgekehrt. Im Umgang mit Quellen heißt das aber auch, dass wir unkritisch werden.

Der Extremfall dabei ist, dass bereits das Vorhandensein einer Quelle, die einem Zustimmt, als Bestätigung der eigenen Ansicht genommen wird, unabhängig davon, wer die Quelle ist oder wie viele gegenteilige Quellen es noch gibt.

 

Form 2: Der idiotische Bestätigungsbias / Selbstbestätigungsbias

Man kann nicht alles wissen und nicht alles permanent nachforschen. Muss man aber auch garnicht. Wir verfügen über eine Art Weltvorstellungs-Autovervollständigung. Stoßen wir auf eine Lücke in unseren Ansichten, dann nutzen wir bereits vorhandenes Wissen und Vorstellungen, um diese Erkärungslücke zu schließen, ohne Wikipedia zu bemühen. Können wir es nicht, dann sollte man vielleicht doch einmal die Suchmaschine anwerfen. Oder es ignorieren, weil auch wenn man nicht genau prognostizieren kann, wie eine Finanztransaktionssteuer sich im Verlauf der nächsten 10 Jahre auf den Arbeitsmarkt in Griechenland auswirken würde – das weiß sowieso niemand genau und für die meisten Menschen, bietet solches Wissen sowieso keinen Vorteil im Alltag. Man kann nicht alles wissen und man muss nicht alles wissen. Aber manchmal kann man Dinge lernen und verstehen, indem man bereits vorhandenes Wissen kombiniert.

Nun kombiniert man das aber mit dem Extremfall des Bestätigungsbias und bekommt den Selbstbestätigungsbias. Man trifft auf ihn gerne in der Diskussion mit VerschwörungstheoretikerInnen. Diese gewieften Gesellen neigen nicht selten dazu, eine Erklärung die sie sich selbst ausdenken, als wahr und damit als Bestätigung ihrer bisherigen Ansichten zu sehen. Weißt man diese beispielsweise auf einen Widerspruch oder eine Ungereimtheit in ihren „Theorien“ hin, dann werden die keineswegs Nachforschungen anstellen, sondern sich fix eine Erklärung ausdenken und dann behaupten, so sei es. Es wäre totaler Blödsinn von der Regierung, mit Chemtrails Durchfall zu erzeugen? hm… Oh warte, Kohletabletten!!!1 Die Regierung will wegen des Ausstiegs aus der Kohleenergie den Absatz an Kohle ankurbeln!!11 (das habe ich tatsächlich irgendwo gelesen – und so entstehen vermutlich viele der Verschwörungen in diesen Theorien…)

 

Form 3: der leere Bestätigungsbias

Den habe ich erst kürzlich bewusst wahrgenommen. „Auch in der Schulmedizin heilt letztlich die Natur“ prahlte mir ein Verteidiger der Homöopathie entgegen. Und was heißt das? Was genau macht „die Natur“ (ein grober Sammelbegriff für alle Begebenheiten, die nicht in die Kultur fallen – daher auch Naturwissenschaften) wenn ein aggressiver chemischer Cocktail gegen Krebs oder HIV eingesetzt wird? Die schädlichen Organismen werden hoffentlich angegriffen und sterben. Wenn das die „Natur“ an der Sache ist, dann bedeutet der Einwand „die Schulmedizin betreibt keine Hexerei“. Da bläst es mir ja das Gehirn weg! Schulmedizin ist also etwas anderes, als die Zauberei in Harry Potter? Wow!

Sich damit in der eigenen Position bestärkt zu sehen, weil man einen Satz mit möglichst kryptischen Wörtern oder anderen Euphemismen/Dyspehmismen formulieren konnte, ist eine krasse Form von Selbstbetrug. Es ist wie die extreme Rechte, die sich beschwert, dass Ausländer Jobs wegnehmen oder Sozialschmarotzer sind – also arbeiten oder nicht arbeiten – also sich im Inland aufhalten (vermutlich ist auch Betteln eine Form von „Sozialschmarotzen“).

Solche Formulierungen täuschen irgendeine Form von Inhalt vor. Eine mit der sich das geneigte Opfer in seiner Einstellung bestätigt sieht und es vermeidet, zu überlegen, ob damit überhaupt etwas sinnvolles ausgesagt wird.

Und Funfact: Wenn überhaupt, ist es die Homöopathie, welche Zauberei betreibt. Denn jegliche angebliche wirkende Gesetzmäßigkeiten entstammen einer alchemistischen Vorstellung der Welt, in der mystische Informationen sich immaterielle in materiellen Objekten niederlassen um dann das genaue Gegenteil dessen zu tun, was sie eigentlich tun. Wenn nicht einmal das Zauberei sein soll, dann alles Natur.

Um das zu erkennen, muss man jedoch sprachkritisch sein und den vorrangig emotionalen Bezug zu Wörtern ausblenden. Was heißt in dem Kontext „Natur“?
Ursache

Die mentalen Hintergründe zu den Bestätigungsbiassen sind ziemlich simpel: Wir glauben, was wir glauben und wir können aus unvollständigen Informationen weitere Rückschlüsse ziehen. Ob wir dabei die Zahlenreihe „1, 4, 9, 16, …“ ergänzen, oder die Bedeutung der Sonne in einem Gedicht interpretieren ist vom reinen Mechanismus her dasselbe. Natürlich jeweils auf andere Gebiete bezogen und mit entsprechend hoher Bedeutung des Vorwissens.

Das Problem dabei ist, wenn ein anderer mentaler Mechanismus nicht funktioniert. Ich kenne ihn leider nur unter dem Begriff „Bullshit Detektor“ und der dürfte wohl kein fachlicher Ausdruck sein. Es handelt sich dabei um eine Art Plausibiltätsprüfung, eine Form mental kritisch eingestellt zu sein und Ideen zu überprüfen. Existiert der Weihnachstmann oder wurde meine Familie durch täuschend echte Roboter ersetzt? Öhm… Ich tippe bei beidem auf nein. Die Erkenntnis, dass der Weihnachtsmann nicht existiert, ist vielleicht eine der ersten Lebenserfahrungen mit dem Bullshit-Detektor. Und einer der Gründe, warum viele Kinder dieses Schauspiel und viele andere kindliche Geschichten durchschauen, ohne dass man ihnen das alles explizit sagt.

Wenn jedoch die Fähigkeit des kritischen Denkens nachlässt, dann gibt es Probleme. Manche nennen sie auch „Verschwörungstheorien“.

Vorbeugung

Da es sich bei der Übersteigerung der Bestätigungsbiasse um die Einschränkung des mentalen Mechanismus zur Selbstkritik handelt, ist Vorbeugen so eine Sache… Man kann sich nur stetig anhalten, die eigenen Ansichten und Vorstellungen zu hinterfragen und wenn man gegenteiliges liest, zu überlegen, wo dort der Fehler oder auch die Wahrheit drin liegen könnte.

Suchmaschinen können dabei helfen, aber auch dort muss man natürlich kritisch bleiben. Wie macht man das am besten? Nun am besten indem man sich als erstes eine Quelle anschaut, die entweder eine ausgewiesene fachliche Qualität oder Objektivität an den Tag legen kann oder indem man sich beide Seiten anschaut oder bewusst eine Quelle, die sich für das Gegenteil der eigenen Ansichten ausspricht. Verfügt man über die Fähigkeit, die gegenteilige Quelle zu widerlegen?

Letztlich hilft nur die Vermeidung von Dogmen und dass man sich offen und kritisch mit anderen auseinandersetzt.

Beispiel Quecksilber in Impfungen:

Ist Quecksilber in Impfungen giftig? Ist überhaupt Quecksilber in Impfungen? Wenn man das googelt, dann kommen allem voran Seiten von Communities von ImpfgegnerInnen. Die sind natürlich keine neutrale Quelle. Eine neutrale Quelle wäre ein anerkanntes, überregionales Nachrichtenmagazin, das durch die thematische Abdeckung von vielen Gebieten und verschiedenen Positionen zu gleichen Fragestellungen eine gewisse Unabhängigkeit demonstriert (meine kürzlich angestelle Suche bot als erstes diesbezüglich den Spiegel). Erfährt man dort, dass es sich um eine ungefährliche Quecksilberverbindung handelt, die als Konservierungsstoff dient und in Deutschland nicht einmal eingesetzt wird, dann hat man damit eine gute Grundlage. Alternativ nutzt man Grundkenntnisse in Chemie: elementares Quecksilber ist giftig. Gifte haben eher selten einen medizinischen Nutzen (außer natürlich man glaubt an die Zauberei der Homöopathie oder versteht „Die Dosis macht das Gift“ nicht). Und es wäre halt totaler Bullshit (!), einen Giftstoff in Impfungen zu haben. Zumal das bedeutet, man könnte die Impfungen auch einfach ohne den Giftstoff produzieren.

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