Sozialer Kapitalismus dank Trump?

Dass die G20 jetzt plötzlich Interesse an sozialeren Maßnahmen zeigen, weil sie Angst vor Trump haben, hat viele bedeutende Implikationen. Keine davon ist schön.

Trump ist unfähig
Trump selbst ist politisch Gesehen so eine Mischung aus Auffahrunfall und Zugunglück auf Heroin. Nicht nur dass er viele Leute mitreißt, während er augenscheinlich gigantische Bildungslücken in so ziemlich allen politisch relevanten Bereichen hat. Gleichwohl geht das einher mit einer schier unermesslichen Realitätsverweigerung, mit der man irgendwie überstrahlt, dass er Skandale am Fließband raushaut. Allein das disqualifiziert ihn als politisches Oberhaupt einer bedeutenden Wirtschaftsnation und Atommacht. Dass jemand erfolgreich sein kann, allein weil er gegen das „Establishement“ ist (zu dem er als angeblich wohlhabender Geschäftsmann selbst gehört), obwohl er nicht einmal so grundsätzliche Begrifflichkeiten wie „Handelsdefizite“ kennt, ist ein Armutszeugnis für die Demokratie.

Auch wenn es amüsant ist, die ganzen Skandale aufzulisten und ihn für verrückt zu erklären – er wusste nicht, was ein Handelsdefizit ist. Er dachte, Mexiko würde den USA Geld schulden, obwohl es eigentlich aussagt, dass die USA mehr Waren aus Mexiko importiert haben, als umgekehrt. Jemand mit solchen Bildungslücken ist objektiv nicht geeignet, politische Verantwortung zu übernehmen. Sonst sitzt er am Ende am internationalen Verhandlungstisch und weiß nicht, worüber die alle Reden, weil er die Wörter nicht kennt.

Moralische Verdorbenheit
Jeden Tag sterben so um die 20.000 Kinder an den Folgen extremer Armut. Über die unsicheren Renten, soziale Ungleichheit, Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und vieler weiterer Dinge braucht man da nicht erst weiter nachzudenken.
Das sind alles keine neuen Fakten, dennoch wurden die alle großzügig ignoriert, wenn es um politische und wirtschaftliche Entscheidungen ging. Offensichtlich lag es nie im Interesse, sich aktiv für die Verbesserung des Lebensstandards einzusetzen. Erst jetzt, als dies ins politische Extreme mündet, entsteht eine Art Handlungsbereitschaft.

Ausbeutung und Armut? Ignoriert.

Flüchtlinge und Leid? Ignoriert.

Dass diese in Extremismus und Terrorismus münden? Ignoriert.

Dass dadurch Fluchtbewegungen entstehen und diese wiederum zu Angst und Fremdenhass hierzulande führen können? Ignoriert.

Dass sich dieser Hass gepaart mit Armut und mangelnder Bildung letztlich in dummen, rechtskonservativen Parteien bündelt? Ignoriert, totgeschwiegen.

Selbst der Erfolg solcher Parteien und Bestrebungen in weiten Teilen der EU – ignoriert.

Erst jetzt, wo eine durchaus absehbare Entwicklung kaum noch abzuwenden ist, wird man endlich aktiv. Und vermutlich auch das nur, weil Trump nicht nur ein rechtskonservativer Spinner ist, sondern weil so unberechenbar ist, dass man nicht weiß, ob man mit ihm am Ende trotzdem noch gut Geld verdienen kann.

Idiotische Politik
Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Im Artikel wird die Trickle-Down-Theorie erwähnt. Man muss nicht meinen Artikel zu Superreichtum lesen, um ein paar einfache Dinge zu verstehen: Selbst wenn Superreiche ihr gesamtes Geld in Unternehmen und die Wirtschaft investieren würden und damit Arbeitsplätze und Wohlstand anstießen – selbst dann tun die es nur, um anschließend noch mehr Geld zu bekommen. Und solange Geld sich nicht spontan materialisiert, muss das Geld, das die mehr haben, irgendjemand anderes weniger haben.

Es handelt sich hier keineswegs um ein äußerst kompliziertes Problem. Die gesamte Geldmenge auf der Welt ist begrenzt und wenn jemand mehr davon haben will, dann muss es von irgendwo anders weggenommen werden.

Obwohl das jetzt nicht gerade wie Raketenwissenschaft klingt, ist es politisch gesehen wohl immernoch so, als würde ich gerade die Farbe von Gras anzweifeln. Mir ist schleierhaft, welches magische Element innerhalb der Trickle-Down-Theorie dafür sorgen sollte, dass der angehäufte Reichtum der einen, gleichzeitig zu mehr Reichtum der anderen führt. Vielleicht fehlt mir einfach irgendeine eigentlich triviale Fakte über Geld und Wirtschaft. Aber so in Anbetracht meines Wissens über Geld und Mathematik und darüber, wie man Bonbons verteilen kann – nichts davon erklärt, wieso es mehr Bonbons für alle gibt, wenn einer alle hat und der Rest keine.

Falls es diesen Fakt jedoch nicht geben sollte, dann würde das bedeuten, politisch gesehen hat die meiste Zeit nicht nur eine Vorstellung dominiert, die eine große Lücke hat, sondern die wird vermutlich auch auf absehbare Zeit nicht verschwinden.

Vielleicht liegt es an der einfachen Logik: Mehr Unternehmensgewinne, mehr Steuereinnahmen, mehr Handlungsspielraum für den Staat → Steuererleichterungen, noch mehr Gewinne, noch mehr Steuern… Wenn die Welt so einfach wär, wärn wir alle Millionär…

Linke Desillusion
Was mich am meisten stört an dieser Meldung ist, dass die Forderungen nicht neu sind. Es finden sich zweifellos zahllose linke Gruppierungen, ja sicherlich sogar politisch recht neutrale Personen, die für mehr Umverteilung sind, für einen stärkeren Sozialstaat, für stärke Besteuerung von Reichtum und Finanzgeschäften und einer Entlastung von anderen Einkommensarten.

Im Extrem sind da Konzepte von Sozialismus, aber natürlich auch viele weitaus harmlosere Forderungen und genug, das sich „sozialer Kapitalismus“ schimpfen kann.

Das alles wurde aber über die Zeit nicht nur ignoriert, es wurden auch gerne komplett entgegengesetzte politische Entscheidungen getroffen. Sicherlich hat die Trickle-Down-Theory damit zu tun. Und vermutlich haben auch Lobbys dazu beigetragen, dass man die linken Gutmenschen beiseite liegen lässt und sich mehr um die Reichen kümmert und denen die Haare krault. Tatsache ist schließlich, mit mehr Geld, kann man sich die besseren Lobbys leisten. Oder im Sinne von Donald Trump: man gibt einfach allen politischen Parteien Geld und wenn man später etwas braucht, dann hören die einem gerne zu. Sowas nennt man ja gemeinhin Korruption und Korruption wirkt nur, wenn man Geld hat.

Für mich als linken Gutmenschen ist das natürlich ein desillusionierender Schlag ins Gesicht. Nicht etwa die jahrzehntelange linke Arbeit führt dazu, dass es jetzt vielleicht zu einem sozialeren Kapitalismus führt, sondern die Angst vor dem größten Spinner. Als ob man eine Bürgerbewegung ist, die für einen sicheren Bahnübergang demonstriert und nicht ernst genommen wird, bis jemand ein Kind vor einen Zug wirft.

Ich persönlich würde ungern Kinder vor Züge werfen. Aber die Botschaft ist klar: nicht politisches Engagement wird berücksichtigt, sondern die Wahl eines Wahnsinnigen. Scheiß auf Demokratie und öffentliche Meinungsbildung. Am effektivsten ist anscheinend die Protestwahl des schlimmsten anzunehmenden Politikers, eines Mannes, der so unberechenbar ist, dass plötzlich die „politischen Eliten“ Angst bekommen. Eliten, die es in einer Demokratie eigentlich nicht geben dürfte, weil in den Wahlen das komplette Parlament ausgetauscht werden könnte.

Politische Eliten?
Eigentlich finde ich die rechtsverblödete Vorstellung, es gäbe eine eingeschworene politische Kaste, die man mit Protestwahlen „aufwecken“ könnte, ziemlich dämlich. Das mag eben anders geklungen haben, also was ist das für ein Widerspruch?

Nun, einfach gesagt, die politische Elite sind nicht die gewählten PolitikerInnen. Es sind jene, mit der größten politischen Macht. Und das sind mit Rückblick auf weiter oben: die Superreichen, die mit ihrer finanziellen Macht aber ebenso ihrer wirtschaftlichen Bedeutung die Politik viel stärker beeinflussen, als irgendjemand sonst. Selbst die gewählten PolitikerInnen sind diesen und deren Lobbys ja oftmals ausgeliefert.

Das klingt jetzt wie das typische linke Mantra, von den bösen Reichen. Und es klingt immer so schön scheinheilig, weil auch Linke nicht selten aus einem guten Elternhaus kommen. Aber das ist eben die ironische Korrelation: gutes Elternhaus – bessere Bildung – liberaleres, mithin linkes Denken.

Und es ist ja nicht so, als gäbe es keine Gründe, Superreichtum und Großkonzerne abzulehnen. Beide Gruppen sind nicht selten so sehr von Gier getrieben, dass sie bewusst oder wenigstens fahrlässig über echte Leichen gehen.

Wie aber erreicht man diese Eliten, welche anscheinend genug politische Macht haben, dass die plötzlich sozialere Politik auf die Agenda der G20 bringen können? Als linker Mob zündet man gerne Autos an und beschmiert Wände. Als Ergebnis kommen höhere Sicherheitsbestrebungen, keine soziale Politik.

Nun könnte man zur Protestwahl raten und als Linke Kreuzchen bei Rechtspopulisten setzen, aber es gibt nur einen Trump. Alle anderen Rechtspopulisten sind nicht gefürchtet, sondern gar gewünscht, weil sie meistens wirtschaftsnah sind und allem voran Steuererleichterungen für die Reichen wollen, wofür dann auch gerne Sozialleistungen gekürzt werden sollen.

Lösung?…
Dummerweise kann ich gerade nicht mit einer positiven und hoffnungsvollen Botschaft enden, die über „weiter wie bisher, mangels Alternativen“ hinaus geht. Wir könnten Trump dafür danken, dass er droht Kinder vor Züge zu werfen, damit endlich jemand einen Bahnsteig baut. Aber das würde bedeuten, jemanden für genau das zu danken, was verhindert werden soll. Und das hebe ich mir für jemand anderes auf.

Rechtspopulisten zu wählen ist keine Alternative, weil wir politisch sehen, was passiert: statt sie auf dem politischen Parkett zu bekämpfen, werden Punkte übernommen. Anstatt festzustellen, dass diese Parteien allem voran von politischen Analphabeten gewählt wird, gerne auch von ausgeprägten Verschwörungsspinnern – und dann politisch darauf zu reagieren, indem man sozialere Politik macht.

„wir zuerst“ wie die Denke lautet, heißt eigentlich „die anderen nicht“. Also statt tatsächlich mehr für uns, geht es nur darum, dass die anderen bloß nichts bekommen sollen. Deswegen wird zwar mit armen RentnerInnen und Obdachlosen geworben, aber statt mehr für die zu fordern, geht es nur darum, dass andere nichts bekommen sollen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Wirtschaft und Politik abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s